Russland zurück in Europas Gasgeschäft? Algerien bietet Moskau Beteiligung an neuer Pipeline an

Russische Unternehmen könnten künftig an einer der wichtigsten geplanten Gasrouten zwischen Afrika und Europa beteiligt sein. Algerien verhandelt mit Moskau über die Transsahara-Pipeline und plant zugleich die Stationierung von Soldaten im Norden Nigers. Dort treffen Energieinteressen auf den wachsenden Einfluss des libyschen Machtblocks um Haftar.

Algerien will russische Unternehmen am Bau einer neuen Gaspipeline beteiligen, die Erdgas aus Nigeria über den Niger nach Europa transportieren soll. Außenminister Ahmed Attaf machte die Verhandlungen am 27. Oktober 2026 in Moskau bekannt, weitere Einzelheiten wurden am 1. November veröffentlicht. Zuvor hatte Algerien die Entsendung eigener Soldaten in den Norden Nigers beschlossen, um strategische Energieinteressen abzusichern. Die Annäherung an Russland fällt zugleich in eine Phase wachsender Konkurrenz mit dem ostlibyschen Machtzentrum um Khalifa Haftar und neuer diplomatischer Spannungen um die Westsahara.

Algerien verhandelt mit Russland über strategisches Gasprojekt

Beim Treffen mit seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow in Moskau kündigte Attaf eine mögliche Beteiligung russischer Unternehmen an der Transsahara-Gaspipeline (TSGP) an. Das Projekt soll Nigeria über den Niger mit Algerien verbinden und zusätzliche Gaslieferungen für den europäischen Markt ermöglichen.

Die Verhandlungen seien bereits weit fortgeschritten, erklärte der algerische Außenminister am Rande des Gipfels der gasexportierenden Staaten.

„Die Dinge entwickeln sich sehr gut, und wir werden den Vertrag abschließen“, sagte Attaf gegenüber Lawrow.

Nach Darstellung des Ministers bereitet Algeriens Energieministerium die letzten Einzelheiten einer entsprechenden Vereinbarung vor. Attaf hatte die Frage zuvor mit dem zuständigen Minister Mohamed Arkab erörtert.

Er bezeichnete das Vorhaben als strategische Partnerschaft, deren Bedeutung über Algerien hinausreiche, da auch der Niger und Nigeria unmittelbar beteiligt seien.

Welche russischen Unternehmen den Zuschlag erhalten könnten, wurde nicht bekannt gegeben. Die algerische Nachrichtenplattform TSA Algérie nennt den russischen Stahlrohrhersteller TMK als möglichen Partner. Eine entsprechende Beauftragung ist jedoch nicht bestätigt.

Algeriens staatlicher Energiekonzern Sonatrach hatte am 4. Juni bereits offiziell mit Arbeiten am algerischen Abschnitt der Pipeline begonnen. Ausgangspunkt ist Aoulef in der Provinz Adrar. Von dort soll die Leitung entlang des Transsahara-Korridors bis zur nigrischen Grenze und zum nationalen Gasverteilzentrum Hassi R’Mel verlaufen.

Das Gesamtprojekt umfasst mehr als 4.000 Kilometer und soll langfristig jährlich zwischen 20 und 30 Milliarden Kubikmeter Erdgas transportieren können. Ein gesicherter Termin für die vollständige Inbetriebnahme liegt noch nicht vor.

Könnte Russland über Algerien wieder Gas nach Europa liefern?

Für Europa eröffnet das Projekt die Möglichkeit, zusätzliche Gasvorkommen in Westafrika zu erschließen. Für Russland könnte eine Beteiligung dagegen neue Aufträge im Energieinfrastruktursektor und eine stärkere wirtschaftliche Präsenz entlang einer künftigen europäischen Versorgungsroute bedeuten.

Dabei ist zwischen der Herkunft des Erdgases und den Unternehmen zu unterscheiden, die eine Pipeline bauen, finanzieren oder technisch betreiben.

Das Transsahara-Projekt ist für die Förderung und den Transport nigerianischen Erdgases vorgesehen. Eine Beteiligung russischer Unternehmen würde daher nicht automatisch bedeuten, dass Europa wieder zusätzliches russisches Erdgas bezieht.

Die Europäische Union hat den schrittweisen Ausstieg aus russischen Gasimporten bereits gesetzlich beschlossen. Für langfristige Verträge über russisches Flüssigerdgas gilt das vollständige Verbot ab Januar 2027, für Pipelinegas spätestens ab Herbst 2027. Die europäischen Regeln sehen außerdem Herkunftskontrollen vor.

Algerien ist dagegen bereits einer der wichtigsten Gaslieferanten Europas. Im zweiten Quartal 2026 stammten nach Eurostat-Angaben 18,2 Prozent der gasförmigen Erdgasimporte der EU aus Algerien.

Eine russische Beteiligung am Bau der Transsahara-Pipeline wäre deshalb vor allem eine wirtschaftliche und technische Beteiligung an einer Versorgungsinfrastruktur, deren Endkunden sich überwiegend in Europa befinden könnten. Ob sich daraus auch finanzielle Beteiligungen am späteren Betrieb ergeben, ist bislang offen.

Algerien plant erstmals seit 1973 eigenen Militäreinsatz im Ausland

Die Verhandlungen mit Russland folgen auf eine weitreichende sicherheitspolitische Entscheidung Algeriens.

Das algerische Parlament genehmigte am 25. Oktober die Entsendung von Armeeeinheiten in den Niger. Präsident Abdelmadjid Tebboune bestätigte die Pläne am darauffolgenden Tag.

Die Soldaten sollen wirtschaftliche und strategische Interessen Algeriens schützen, insbesondere Energieanlagen und Infrastrukturprojekte.

„Wir schicken unsere Soldaten nicht in den Niger, um dort Krieg zu führen, sondern um wirtschaftliche Infrastruktur zu sichern“, erklärte der algerische Senator Belkacem Boulghiti nach der Parlamentsentscheidung.

Als Standort wird der frühere französische Militärstützpunkt Madama im äußersten Norden Nigers, nahe der Grenze zu Libyen bezogen. Dort waren zwischen 2015 und 2023 französische Soldaten im Rahmen der Antiterroroperation Barkhane stationiert.

Die Militärmission ist Algeriens erster Auslandseinsatz dieser Art seit der Entsendung von Truppen zur Unterstützung Ägyptens im Krieg gegen Israel 1973.

Neben der Transsahara-Gaspipeline verfolgt Sonatrach im Niger weitere Energievorhaben, darunter Erdölexploration im Gebiet Kafra nahe der algerischen Grenze. Mehrere bewaffnete Gruppen haben seit 2025 Angriffe auf nigrische Energieanlagen und Transportwege verübt.

Haftar und Algerien konkurrieren um Einfluss an Nigers Nordgrenze

Algeriens militärisches Engagement betrifft zugleich die Machtverhältnisse im Grenzgebiet zwischen Libyen und dem Sahel.

Die französische Zeitung Le Monde beschreibt den geplanten Einsatz als Teil einer Strategie, mit der Algerien seinen Einfluss im Niger wiederherstellen und der Ausweitung des Machtbereichs von Khalifa Haftar und dessen Sohn Saddam Haftar entgegenwirken will.

Haftars Streitkräfte kontrollieren große Teile Ost- und Südlibyens. Insbesondere Saddam Haftar hat seine militärische und politische Präsenz im südlichen Grenzgebiet ausgebaut.

Dort verlaufen wichtige Routen für Handel, Migration, Waffenschmuggel und bewaffnete Gruppen. Die Region verbindet Libyen mit Niger, Algerien und Tschad.

Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Front patriotique de libération (FPL) unter Mahmoud Salah. Die bewaffnete nigrische Oppositionsgruppe hat Angriffe auf Energieinfrastruktur im Niger verübt. Nach Recherchen von Le Mondeverfügt sie über mutmaßliche Verbindungen zum Umfeld Saddam Haftars.

Der Sicherheitsexperte Akram Kharief erklärte gegenüber der Zeitung, Algerien wolle insbesondere verhindern, dass bewaffnete Gruppen aus Südlibyen die nigrische Militärregierung destabilisieren. Gleichzeitig versuche Algier, dem Vorrücken von Haftars Kräften in Richtung Niger ein Gegengewicht entgegenzusetzen.

Diese Interessen überschneiden sich teilweise mit der Sicherung künftiger Pipeline- und Erdölprojekte. 

Russland selbst unterhält seit Jahren militärische Beziehungen zum Machtblock Haftars in Ostlibyen. Russische Sicherheitskräfte und militärische Einrichtungen sind in von Haftar kontrollierten Landesteilen präsent. Moskau verfügt damit über Beziehungen zu Akteuren, deren regionale Interessen sich nicht vollständig decken.

Niger unterzeichnet strategisches Kooperationsabkommen mit Haftars Machtzentrum

Parallel zur Annäherung an Algerien baut Niger seine Beziehungen zum ostlibyschen Machtzentrum um Khalifa Haftar wieder aus.

Premierminister Ali Mahamane Lamine Zeine reiste am Sonntag, dem 1. November, nach Benghazi. Dort wurde er zunächst von Oussama Hammad, dem Regierungschef der ostlibyschen Parallelregierung, empfangen. Anschließend traf Zeine Saddam Haftar, den Sohn Khalifa Haftars und stellvertretenden Oberbefehlshaber der ostlibyschen Streitkräfte.

An dem Treffen nahm auch Hammad teil. Zeine wurde vom Generalstabschef der nigrischen Streitkräfte, Mamane Sani Kiaou, sowie mehreren hochrangigen Militärvertretern begleitet.

Während der Gespräche unterzeichneten beide Seiten ein Protokoll über strategische Zusammenarbeit zwischen Niger und der ostlibyschen Führung. Die Vereinbarung soll die bilateralen Beziehungen vertiefen und die Zusammenarbeit in verschiedenen Bereichen ausbauen. Außerdem verständigten sich die Vertreter auf regelmäßige Konsultationen, engere Koordinierung und die Überwachung der Umsetzung ihrer Vereinbarungen.

Einzelheiten zu den konkreten Verpflichtungen oder möglichen militärischen Maßnahmen wurden zunächst nicht veröffentlicht.

Saddam Haftar übermittelte der nigrischen Delegation zudem Grüße seines Vaters an Nigers Staatschef Abdourahamane Tiani. Eine persönliche Begegnung Zeines mit Khalifa Haftar wurde nicht bekannt gegeben.

Der Besuch folgt auf Monate wechselhafter Beziehungen. Niger hatte zuvor sowohl mit Benghazi als auch mit der international anerkannten Regierung in Tripolis Kontakte unterhalten. Die neue Vereinbarung zeigt, dass Niamey trotz seiner verstärkten Zusammenarbeit mit Algerien weiterhin direkte Beziehungen zum Machtblock Haftars pflegt.

Algerien wiederum hatte seine Beziehungen zur nigrischen Militärregierung nach erheblichen diplomatischen Spannungen wieder verbessert. Im Jahr 2025 hatte Niamey seinen Botschafter aus Algerien zurückgerufen, nachdem die algerische Luftabwehr eine malische Drohne abgeschossen hatte.

Die Annäherung beschleunigte sich 2026 durch gegenseitige Regierungsbesuche und neue sicherheitspolitische Vereinbarungen. Im August unterstützte Algerien die nigrische Regierung nach einem gescheiterten Putsch. Im Oktober unterzeichneten beide Seiten den Rahmen für den geplanten algerischen Militäreinsatz.

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