Algeriens Parlament hat Präsident Abdelmadjid Tebboune die Entsendung von Armeeeinheiten nach Niger genehmigt und damit einen grundlegenden Kurswechsel in der Militärpolitik des Landes eingeleitet. Die Entscheidung fiel am Sonntag, dem 25. Oktober 2026, in getrennten Sitzungen beider Parlamentskammern in Algier. Als möglicher Einsatzort gilt die frühere französische Militärbasis Madama im Norden Nigers nahe der libyschen Grenze. Eine Verlegung zusätzlicher Bodentruppen wurde zunächst nicht offiziell bestätigt, während Algerien bereits seit August militärische Unterstützung im Nachbarland leistet.
Der Beschluss eröffnet Algerien die Möglichkeit, erstmals seit Jahrzehnten ein reguläres Bodentruppenkontingent außerhalb seiner Grenzen einzusetzen. Zuletzt hatte das nordafrikanische Land 1973 Soldaten zur Unterstützung Ägyptens im Krieg gegen Israel entsandt.
Die Entscheidung fällt in eine Phase wachsender militärischer Zusammenarbeit zwischen Algerien und Niger. Zugleich erweitert Algier damit seine sicherheitspolitische Rolle in einer Region, in der Frankreich und die Vereinigten Staaten ihre Truppen zurückgezogen haben und Russland über sein Afrikakorps militärisch präsent ist.
Beide Parlamentskammern stimmen dem Militäreinsatz zu
Der algerische Präsident hatte die beiden Kammern des Parlaments zu außerordentlichen, nichtöffentlichen Sitzungen einberufen.
Im Nationalrat, dem Oberhaus, stimmten alle 148 teilnehmenden Mitglieder für die Entsendung. Das Unterhaus, die Nationale Volksversammlung, billigte den Antrag ebenfalls mit der erforderlichen Mehrheit.
Die Entscheidung stützt sich auf Artikel 91 der algerischen Verfassung von 2020. Dieser erlaubt dem Präsidenten, Einheiten der Nationalen Volksarmee für Auslandseinsätze zu entsenden, wenn jeweils zwei Drittel der Mitglieder beider Parlamentskammern zustimmen.
Die Verfassungsänderung hatte erstmals eine ausdrückliche Grundlage für solche militärischen Operationen geschaffen. Bis dahin war die algerische Sicherheitsdoktrin vor allem auf die Verteidigung des eigenen Staatsgebiets ausgerichtet.
Mit der jetzt erteilten Zustimmung wird diese Regelung erstmals für eine konkrete Entsendung angewandt.
Einzelheiten über die Zahl der vorgesehenen Soldaten, ihre Bewaffnung, den Zeitpunkt des Einsatzbeginns und die geltenden Einsatzregeln wurden nicht veröffentlicht.
Der algerische Senator Belkacem Boulghiti erklärte gegenüber dem Nachrichtenportal TSA Algérie, es handele sich um ein begrenztes militärisches Kontingent. Der Einsatz diene dem Schutz der Landesgrenzen und strategischer wirtschaftlicher Interessen Algeriens in Niger.
Frühere französische Militärbasis Madama als möglicher Standort
Nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters soll das algerische Kontingent in Madama stationiert werden. Der Militärstützpunkt befindet sich im äußersten Norden Nigers, nahe der Grenze zu Libyen.
Eine offizielle Bestätigung des konkreten Stationierungsortes durch beide Regierungen lag zunächst nicht vor.
Madama war jahrelang ein wichtiger Standort der französischen Antiterroroperation Barkhane. Die französische Armee baute den Stützpunkt ab 2014 aus und nutzte ihn zur Überwachung grenzüberschreitender Bewegungen zwischen der Sahara und dem Sahel.
Zur Infrastruktur gehört auch ein Flugfeld. Die Anlage diente unter anderem der Luftaufklärung und der Unterstützung von Operationen gegen bewaffnete Gruppen sowie gegen Waffen- und Menschenschmuggel.
Nach dem Militärputsch in Niger vom Juli 2023 kündigte die neue Führung bestehende Verteidigungsvereinbarungen mit Frankreich auf. Die letzten französischen Soldaten verließen Niger im Dezember desselben Jahres.
Der Stützpunkt liegt in einer Region, durch die traditionelle Handels- und Schmuggelrouten zwischen Libyen, Niger und den angrenzenden Saharagebieten verlaufen.
Nach Angaben von Reuters besuchte General Bacharou Ibro Amadou, Kabinettschef des nigrischen Präsidenten, die Region Kawar und führte Gespräche mit örtlichen Militärkommandeuren über die geplante Nutzung von Madama.
Algerien unterstützt Nigers Armee bereits mit Kampfflugzeugen
Der Parlamentsbeschluss folgt auf eine Reihe militärischer Unterstützungsmaßnahmen Algeriens zugunsten der nigrischen Streitkräfte.

Ende desselben Monats entsandte Algerien außerdem zwei Patrouillen mit Kampfflugzeugen vom Typ Suchoi Su-30 nach Niger. Insgesamt handelte es sich um vier Maschinen.
Die algerische Regierung erklärte damals, die Flugzeuge seien auf ausdrückliche Bitte der nigrischen Führung zur Unterstützung gegen einen Destabilisierungsversuch eingesetzt worden.
Hintergrund war eine bewaffnete Meuterei Ende August, bei der Teile der nigrischen Streitkräfte gegen die Militärführung unter General Abdourahamane Tiani vorgingen.
Auch russische Kräfte des Afrikakorps unterstützten damals die regierungstreuen Truppen. Mehrere Hundert russische Militärangehörige waren im Land stationiert.
Die neue parlamentarische Genehmigung geht über die bisherige militärische Unterstützung hinaus. Sie schafft die verfassungsrechtliche Grundlage für die Stationierung algerischer Armeeeinheiten und damit für eine mögliche dauerhaftere Präsenz im Nachbarland.
Algerien und Niger schließen neues Militärabkommen
Die beiden Länder hatten ihre Sicherheitsbeziehungen bereits vor der Parlamentsentscheidung ausgebaut.
Am 21. Oktober empfing Algeriens Generalstabschef Saïd Chanegriha den nigrischen Verteidigungsminister Salifou Mody in Algier. Beide unterzeichneten ein Protokoll zur militärischen Zusammenarbeit.
Chanegriha erklärte, Algerien sei bereit, weitere nigrische Vorschläge zur Stärkung der militärischen und sicherheitspolitischen Kooperation zu prüfen.
Im Zentrum stehen der Schutz der gemeinsamen Grenze, der Kampf gegen bewaffnete Gruppen und die Stärkung der Einsatzfähigkeit der nigrischen Streitkräfte.
Im April 2025 verschlechterten sich die Beziehungen erneut, nachdem Algerien eine Drohne aus Mali abgeschossen hatte. Niger unterstützte damals die Position seiner Partner Mali und Burkina Faso und rief seinen Botschafter aus Algier zurück.
Seit Anfang 2026 näherten sich beide Regierungen jedoch wieder an. Im Februar besuchte Nigers Staatschef Tiani den algerischen Präsidenten Tebboune.
Die nun vereinbarte Militärkooperation folgt auf diese diplomatische Annäherung.
Öl- und Gasprojekte gehören zu Algeriens strategischen Interessen
Neben den Sicherheitsfragen besitzt die Zusammenarbeit eine wirtschaftliche Dimension.
Der algerische Staatskonzern Sonatrach ist im nigrischen Erdölsektor engagiert. Dazu gehört das Explorationsgebiet Kafra im Norden des Landes.
Für das rund 23.700 Quadratkilometer große Gebiet besteht eine Vereinbarung zur gemeinsamen Erkundung und Förderung von Erdöl. Sonatrach hatte 2022 einen entsprechenden Vertrag mit Niger aktualisiert.
Ein weiteres Vorhaben ist die Transsahara-Gaspipeline. Sie soll Erdgas aus Nigeria über Niger nach Algerien transportieren und den Export in internationale Märkte, insbesondere nach Europa, ermöglichen.
Im Juni 2026 begann Sonatrach offiziell mit den Bauarbeiten am algerischen Abschnitt der Pipeline. An der Zeremonie nahmen auch Regierungsvertreter aus Niger und Nigeria teil.
Die geplante Leitung soll über mehrere Tausend Kilometer durch den Sahel und die Sahara verlaufen.
Algerien gehört bereits zu den wichtigsten Erdgaslieferanten Europas. Eine neue Transportverbindung aus Nigeria könnte zusätzliche Liefermengen über bestehende algerische Exportstrukturen ermöglichen.
Senator Boulghiti stellte die geplante Militärentsendung ausdrücklich in den Zusammenhang mit dem Schutz wirtschaftlicher Interessen. Die Regierung hat allerdings noch nicht erläutert, welche Einrichtungen das vorgesehene Kontingent konkret sichern soll.
Algerien erweitert seinen Einfluss neben Russland im Sahel
Nigers Militärregierung arbeitet sicherheitspolitisch bereits eng mit Russland zusammen.
Nach dem Abzug westlicher Truppen übernahmen russische Ausbilder und Angehörige des Afrikakorps Aufgaben bei der militärischen Ausbildung und Unterstützung der nigrischen Streitkräfte.
Niger gehört gemeinsam mit Mali und Burkina Faso zur Allianz der Sahelstaaten (AES). Die drei militärisch regierten Länder haben sich von der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS gelöst und ihre sicherheitspolitische Zusammenarbeit verstärkt.
Algerien verfolgt dagegen eine eigene regionale Sicherheitspolitik und unterhält diplomatische Beziehungen zu unterschiedlichen Regierungen im Sahel.
Der geplante Einsatz in Niger erweitert diese Politik erstmals um eine ausdrücklich parlamentarisch genehmigte Truppenstationierung im Ausland.
Niger ist weiterhin von Angriffen bewaffneter Gruppen betroffen, die unter anderem dem sogenannten Islamischen Staat und Al-Qaida nahestehen. Besonders im Westen des Landes bestehen anhaltende Sicherheitsprobleme.
Die geplante Stationierung in Madama betrifft hingegen den nördlichen Teil Nigers. Dort stehen vor allem die Kontrolle weiter Grenzgebiete, die Überwachung von Verkehrswegen und der Schutz strategischer Einrichtungen im Vordergrund.

