König Mohammed VI will nach der bevorstehenden Parlamentswahl und der Bildung einer neuen Regierung einen neuen Entwicklungszyklus in Marokko einleiten. Die Ankündigung machte er am Mittwochabend in seiner Rede zum 27. Thronjubiläum. Im Zentrum stehen der Ausbau strategischer Industrien, eine stärkere Finanzierung durch marokkanisches Kapital und die Fortführung großer Reform- und Infrastrukturprojekte. Zugleich forderte der König Banken und andere Finanzakteure auf, kleinen und mittleren Unternehmen einen besseren Zugang zu Kapital zu ermöglichen.
Die wirtschaftlichen und sozialen Fortschritte Marokkos seien nicht auf einzelne Regierungs- oder Legislaturperioden begrenzt, erklärte Mohammed VI. Sie beruhten auf langfristiger Planung und politischen Entscheidungen, die über mehrere Jahre hinweg umgesetzt worden seien.
„Nach den bevorstehenden Parlamentswahlen und der Bildung einer neuen Regierung freue ich mich darauf, einen neuen Zyklus im Entwicklungsprozess unseres Landes einzuleiten“, sagte der König. Dabei gehe es darum, bisherige Fortschritte zu sichern sowie große Projekte und Reformen fortzuführen.
Internationale Anerkennung: Marokko als Stabilitätsanker
Marokko hat sich unter der Führung von König Mohammed VI. als „Pfeiler der Stabilität“ und respektierte Stimme in regionalen und internationalen Fragen etabliert. Dies betonte der ehemalige Präsident der UN-Generalversammlung, Abdulla Shahid, in einem Interview mit der Nachrichtenagentur MAP anlässlich der Thronfeierlichkeiten.
Shahid hob hervor, dass das Königreich konsequent sein Engagement für Multilateralismus, Süd-Süd-Kooperation und konstruktive internationale Zusammenarbeit unter Beweis gestellt habe. In einer Zeit zunehmender globaler Fragmentierung habe sich Marokko als „standhafter und konstruktiver“ Verfechter multilateraler Lösungen positioniert.
„Marokko hat stets gezeigt, dass Dialog, Partnerschaft und internationale Zusammenarbeit die wirksamsten Mittel sind, um gemeinsame Herausforderungen zu bewältigen“, sagte Shahid, der auch Vorsitzender der Maledivischen Demokratischen Partei ist.
Besonders würdigte er Marokkos Rolle als Brücke zwischen Afrika, der arabischen Welt, Asien und Europa. Diese Position ermögliche es dem Land, einen wichtigen Beitrag zu Frieden, Dialog und nachhaltiger Entwicklung zu leisten.
Süd-Süd-Kooperation und multilaterale Diplomatie
Shahid unterstrich zudem Marokkos Engagement für die Süd-Süd-Kooperation, insbesondere in Afrika. Diese basiere auf gegenseitigem Nutzen, Solidarität und gemeinsamer Entwicklung.
Nach seiner Einschätzung spiegele dieser Ansatz die Überzeugung Marokkos wider, dass nachhaltige Entwicklung nur durch Zusammenarbeit und nicht durch Konkurrenz erreicht werden könne.
Darüber hinaus habe sich das Königreich innerhalb der Vereinten Nationen als wichtiger Akteur etabliert, der aktiv Brücken zwischen Regionen und Kulturen baue. Dies trage zu einem inklusiveren und ausgewogeneren multilateralen System bei.
UN: Marokko als „Modell“ bei den SDGs
Auch die Vereinten Nationen würdigten Marokkos Entwicklung. UN-Sprecher Stéphane Dujarric bezeichnete das Königreich als „Modell“ bei der Umsetzung der Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs).
Im Gespräch mit MAP anlässlich des Thronjubiläums erklärte Dujarric, Marokko habe unter der Führung von König Mohammed VI. erhebliche Fortschritte erzielt und eine Vorreiterrolle bei internationalen Klimakonferenzen übernommen.
Besonders hob er die Einreichung von zwei nationalen Fortschrittsberichten zu den SDGs hervor. Diese sogenannte Voluntary National Review sei ein wichtiges Instrument der Transparenz und zeige das Engagement des Landes für nachhaltige Entwicklung.
„Was im Bereich nachhaltige Entwicklung besonders zählt, ist die Süd-Süd-Kooperation“, sagte Dujarric. Für Entwicklungsländer sei es besonders wertvoll, von den Erfahrungen anderer Staaten wie Marokko zu lernen.
Frieden, Religion und interkultureller Dialog
Sowohl UN-Vertreter als auch internationale Beobachter betonten Marokkos Rolle im Bereich religiöser Toleranz und interkulturellen Dialogs.
Shahid hob hervor, dass das Königreich ein Modell der Mäßigung und des friedlichen Zusammenlebens fördere. Die Initiativen im religiösen und kulturellen Bereich hätten dazu beigetragen, ein besseres Verständnis des Islam zu fördern und extremistischen Narrativen entgegenzuwirken.
„Unter der Führung von König Mohammed VI. hat Marokko einen Ansatz des gegenseitigen Respekts und der friedlichen Koexistenz gefördert“, sagte er.
UN-Kooperation und Friedenseinsätze
UN-Sprecher Dujarric würdigte zudem die enge institutionelle Zusammenarbeit zwischen Marokko und den Vereinten Nationen. Besonders hervorgehoben wurde die Beteiligung marokkanischer Truppen an UN-Friedensmissionen.
Diese Einsätze seien ein Ausdruck internationaler Solidarität und unterstrichen Marokkos Engagement für globale Sicherheit und Stabilität.
Banken sollen mehr Kapital für Unternehmen mobilisieren
Ein Schwerpunkt der Thronrede lag auf der Finanzierung der wirtschaftlichen Transformation. Die geplanten Industrie-, Infrastruktur- und Sozialprojekte erforderten nach den Worten des Königs finanzielle Mittel in bisher nicht gekanntem Umfang.
Der größte Teil dieses Kapitals müsse im eigenen Land aufgebracht werden. Mohammed VI. forderte den marokkanischen Finanzsektor deshalb auf, Investitionen und Großprojekte stärker zu begleiten.
Banken und andere Finanzdienstleister sollen den Zugang zu Kapital für kleine und mittlere Unternehmen ausweiten. Dies betreffe sowohl klassische Bankkredite als auch alternative Finanzierungsformen.
Zusätzliche Mittel sollen in Innovation, industrielle Produktion und exportorientierte Unternehmen fließen. Der König verlangte zudem neue Instrumente, um private und institutionelle Ersparnisse stärker für Investitionen zu mobilisieren und die marokkanischen Kapitalmärkte auszubauen.
Wachstum von rund 4,9 Prozent
Mohammed VI. bezifferte das marokkanische Wirtschaftswachstum im Jahr 2025 auf rund 4,9 Prozent. Für 2026 erwarte die Regierung eine vergleichbare oder höhere Rate.
Auch die Landwirtschaft habe von ergiebigen Niederschlägen und einer guten Saison profitiert. Dies habe die Wasser- und Ernährungssicherheit gestärkt.

Der König führte die wirtschaftliche Entwicklung auf politische Stabilität, leistungsfähige staatliche Institutionen und eine gezielte Industriepolitik zurück. In einer von Krisen und politischen Spannungen geprägten internationalen Umgebung bezeichnete er Stabilität als einen strategischen Vorteil Marokkos.
„Keiner unserer Erfolge war Zufall“, sagte Mohammed VI. Die Fortschritte seien das Ergebnis einer klaren strategischen Ausrichtung, einer engen Begleitung politischer Programme und einer auf die Zukunft ausgerichteten Regierungsführung.
Auto- und Luftfahrtindustrie überholen Phosphate
Marokko verfüge über eine Produktionskapazität von annähernd einer Million Fahrzeugen pro Jahr und sei zum größten Autoexporteur Afrikas aufgestiegen. Die Ausfuhren der Automobil- und Luftfahrtindustrie machten inzwischen mehr als 40 Prozent der gesamten marokkanischen Exporte aus.
Damit liegen beide Branchen zusammengenommen vor dem traditionell bedeutenden Phosphatsektor. Mohammed VI. verwies zudem auf neue Fabriken zur Herstellung von Flugzeugtriebwerken und Fahrwerken, deren Aufbau zu Beginn des Jahres angestoßen worden sei.
Parallel entsteht eine integrierte Industrie für Batterien und Komponenten von Elektrofahrzeugen. Marokko will sich damit stärker in internationale Lieferketten für Elektromobilität und andere strategische Technologien einbinden.
Grüner Wasserstoff und erneuerbare Energien
Auch erneuerbare Energien sollen eine größere Rolle in der marokkanischen Industriepolitik übernehmen. Sie sollen die Energieversorgung absichern und zugleich Unternehmen anziehen, die auf wettbewerbsfähige und CO2-arme Energie angewiesen sind.
Im Rahmen des staatlichen Programms „Morocco Offer“ wurden erste große Projekte im Bereich des grünen Wasserstoffs genehmigt. Die Initiative soll Investitionen in die Produktion, Verarbeitung und Nutzung von Wasserstoff sowie seiner Folgeprodukte bündeln.
Der König verband diese Projekte mit dem Ziel, Marokkos Abhängigkeit von internationalen Energie- und Lieferketten zu reduzieren. Der Ausbau der eigenen industriellen Kapazitäten soll zugleich die Position des Landes als Standort für europäische, afrikanische und internationale Unternehmen stärken.
Lebensmittel und Medikamente zu 80 Prozent aus eigener Produktion
Angesichts zunehmender protektionistischer Maßnahmen und unsicherer Lieferketten erklärte Mohammed VI. die nationale Souveränität und strategische Eigenversorgung zu Eckpfeilern der Industriepolitik.
Die marokkanische Lebensmittel- und Pharmaindustrie decke inzwischen rund 80 Prozent des nationalen Bedarfs. Weitere Produktionskapazitäten sollen die Abhängigkeit von Importen verringern.
Darüber hinaus kündigte der König den schrittweisen Aufbau einer industriellen und technologischen Basis in den Bereichen Verteidigung und Cybersicherheit an. Damit sollen die militärische Eigenständigkeit gestärkt, neue wirtschaftliche Tätigkeiten geschaffen und Marokko als regionaler Produktionsstandort etabliert werden.
Tourismus erreicht fast 20 Millionen Besucher
Der Tourismus erreichte nach den Angaben des Königs im Jahr 2025 einen neuen Höchststand. Fast 20 Millionen Menschen besuchten das Land. In dieser Zahl sind auch im Ausland lebende Marokkaner enthalten, die nach Marokko reisten.
Neben dem Tourismus nannte Mohammed VI. die allgemeine soziale Absicherung und regionale Entwicklungsprogramme als weitere Schwerpunkte. Die Programme sollen nach seiner Forderung in allen Regionen des Landes umgesetzt werden.
Der König verband wirtschaftliches Wachstum mit dem Ziel, regionale Unterschiede zu verringern und die Lebensbedingungen der Bevölkerung zu verbessern. Staatliche Investitionen und Sozialprogramme sollen deshalb auch Gebiete erfassen, die bislang weniger von der wirtschaftlichen Entwicklung profitiert haben.
Marokko setzt auf breitere internationale Partnerschaften
In der Außenwirtschaftspolitik will Marokko seine Partnerschaften weiter diversifizieren. Das Land verstehe sich als verlässlicher Wirtschafts- und Kooperationspartner, erklärte Mohammed VI.
Die Regierung setzt dabei auf Beziehungen mit unterschiedlichen Staaten und Wirtschaftsregionen. Diese Strategie soll zusätzliche Investitionen ermöglichen, den Zugang zu Technologien erweitern und die Position marokkanischer Unternehmen auf internationalen Märkten stärken.
Der König bezeichnete Marokko als zunehmend gefragten Partner für ausgewogene und langfristig angelegte Kooperationen. Die wirtschaftlichen Beziehungen sollen sich dabei nicht auf einzelne traditionelle Partner beschränken.
Die Thronrede endete mit einer Würdigung der Streitkräfte, der Gendarmerie, der Polizei, der lokalen Behörden, der Hilfskräfte und des Zivilschutzes. Mohammed VI. hob ihren Einsatz für die territoriale Einheit, die Sicherheit und die institutionelle Stabilität des Landes hervor.

