Die Meerenge Bab el-Mandeb zwischen dem Jemen und dem Horn von Afrika rückt immer stärker ins Zentrum eines geopolitischen Machtkampfs um Handelswege, militärischen Einfluss und die Sicherheit im Roten Meer. Am 22. September positionierten sich die G7-Außenminister einschließlich Deutschlands und die EU-Außenbeauftragte gemeinsam zur Lage an der strategischen Wasserstraße. Während die G7 Iran und die Huthi für die Eskalation verantwortlich machen, ordnen die USA zugleich ihre Beziehungen zu Eritrea, Äthiopien und Saudi-Arabien neu und China baut seine militärische Zusammenarbeit mit Somalia aus. Die Afrikanische Union warnt unterdessen vor direkten wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Folgen für den Kontinent.
Bab el-Mandeb verbindet den Golf von Aden und den Indischen Ozean mit dem Roten Meer und damit über den Suezkanal mit dem Mittelmeer. Auf der arabischen Seite liegt der Jemen, auf der afrikanischen Seite befinden sich Dschibuti und Eritrea. Weiter südlich beginnt die lange somalische Küste. Damit treffen an der Wasserstraße die Konflikte des Nahen Ostens, die Sicherheitsordnung am Horn von Afrika und die Interessen der großen Handels- und Militärmächte unmittelbar aufeinander.
G7 stellt freie Schifffahrt ins Zentrum
Die G7 verurteilten die anhaltenden Angriffe der Huthi im Jemen und auf Saudi-Arabien und verlangten ein sofortiges Ende aller Angriffe und Drohungen gegen die zivile Schifffahrt. Zugleich stellten sich die Staaten hinter die international anerkannte jemenitische Regierung und Saudi-Arabien.
Besonders deutlich richtet sich die Erklärung gegen Teheran. Die G7 fordern Iran auf, die Lieferung von Waffen und die Unterstützung für die Huthi einzustellen. Sie verweisen dabei auf die Resolutionen 1747, 2140 und 2216 des UN-Sicherheitsrats. Nach Darstellung der G7 gefährdet die militärische Eskalation nicht nur die Region, sondern kann auch den internationalen Handel und damit die Weltwirtschaft beeinträchtigen.
Die Erklärung nennt Energie, Düngemittel und Nahrungsmittel ausdrücklich als besonders sensible Warenströme. Eine längerfristige Unterbrechung der Route würde damit nicht allein Reedereien und Energieimporteure treffen, sondern auch Staaten, die stark von Lebensmittel- und Düngemittelimporten abhängig sind.
Deutschland positioniert sich damit gemeinsam mit seinen G7-Partnern unmittelbar in der Auseinandersetzung um die maritime Ordnung am südlichen Zugang zum Roten Meer.
Washington verändert gleichzeitig seine Beziehungen am Horn von Afrika
Parallel zur Eskalation um Bab el-Mandeb hat Washington mehrere Entscheidungen getroffen, die das sicherheitspolitische Verhältnis zu Staaten rund um das Rote Meer verändern.
Die USA nahmen die eritreischen Streitkräfte, die Regierungspartei People’s Front for Democracy and Justice sowie weitere eritreische Organisationen und Funktionäre von einer Sanktionsliste. Hintergrund war das Auslaufen des 2021 während des Tigray-Krieges verhängten nationalen Notstands für Äthiopien.
Damit verschwinden nicht sämtliche amerikanischen Beschränkungen gegen Eritrea. Die aufgehobenen Maßnahmen betrafen konkret Sanktionen, die im Zusammenhang mit dem Krieg in Nordäthiopien verhängt worden waren.
Die Entscheidung verändert dennoch das politische Verhältnis zu einem Staat mit einer langen Küste am Roten Meer. Eritrea liegt Dschibuti und dem Jemen gegenüber und gehört damit zu den Ländern auf der afrikanischen Seite des maritimen Korridors.
Auch gegenüber Äthiopien hat Washington die Beschränkungen gelockert. Das US-Außenministerium strich das Land aus der entsprechenden restriktiven Kategorie der International Traffic in Arms Regulations. Seit dem 18. September gilt damit keine grundsätzliche Ablehnung kommerzieller amerikanischer Rüstungsexporte an äthiopische Streitkräfte, Polizei, Nachrichtendienste und andere Sicherheitsorgane mehr. Genehmigungsanträge können wieder im Einzelfall geprüft werden.
Das Embargo war 2021 während des Tigray-Krieges verhängt worden. Während dieser Zeit hatte Äthiopien seine militärischen Beschaffungsbeziehungen zu nichtwestlichen Partnern ausgeweitet.
Eine unmittelbare Verbindung zwischen der Aufhebung der Äthiopien-Beschränkungen und der Krise um Bab el-Mandeb nennt die amerikanische Regelung nicht. Die Entscheidung fällt jedoch in eine Phase, in der die USA ihre sicherheitspolitischen Beziehungen auf beiden Seiten des Roten Meeres neu ausrichten.
Saudi-Arabien erhält engeren Verteidigungsstatus
In derselben amerikanischen Regeländerung wird Saudi-Arabien offiziell als „Major Non-NATO Ally“ geführt. Dieser Status erleichtert ausgewählten Partnerstaaten unter anderem bestimmte Formen der Rüstungs- und Verteidigungskooperation mit den Vereinigten Staaten, ohne eine formelle Beistandsverpflichtung wie innerhalb der NATO zu schaffen.
Damit entstehen gleichzeitig neue sicherheitspolitische Möglichkeiten gegenüber Äthiopien und eine engere institutionelle Verteidigungsbeziehung mit Saudi-Arabien.

Regionale Beobachter sehen darin einen Zusammenhang mit den wachsenden Sicherheitsrisiken im Roten Meer. Eine ausdrücklich formulierte amerikanische Strategie, über diese Entscheidungen eine gemeinsame Sicherheitsarchitektur rund um Bab el-Mandeb aufzubauen, enthält die Regelung jedoch nicht.
China vertieft Verteidigungsbeziehungen mit Somalia
Auch China baut seine Position in unmittelbarer Nähe der Wasserstraße aus. Der somalische Verteidigungsminister Ahmed Moallin Fiqi und sein chinesischer Amtskollege Dong Jun vereinbarten bei Gesprächen in Peking, bestehende Verteidigungsabkommen schneller umzusetzen und die militärische Zusammenarbeit auszuweiten.
Mogadischu will seine Streitkräfte weiter aufbauen und zugleich seine internationalen Sicherheitspartnerschaften verbreitern. Somalia liegt am Golf von Aden und verfügt über eine lange Küste entlang einer der Zufahrtsrouten nach Bab el-Mandeb.
China ist in der Region bereits militärisch präsent. In Dschibuti unterhält die Volksbefreiungsarmee ihre erste militärische Unterstützungsbasis außerhalb Chinas. Von dort unterstützt Peking unter anderem maritime Einsätze im Golf von Aden.
Damit treffen auf der afrikanischen Seite der Meerenge unterschiedliche sicherheitspolitische Netzwerke aufeinander. Die USA lockern Beschränkungen gegenüber Äthiopien und Eritrea, China erweitert seine Verteidigungsbeziehungen mit Somalia und verfügt bereits über eine Militärbasis in Dschibuti.
Afrikanische Union warnt vor Folgen für den Kontinent
Die Afrikanische Union betrachtet die Entwicklung nicht allein als Konflikt zwischen dem Jemen, den Golfstaaten und internationalen Mächten.
Die AU-Kommission warnte am 17. September ausdrücklich davor, dass Angriffe und Behinderungen der Schifffahrt im Roten Meer und in Bab el-Mandeb afrikanische Volkswirtschaften, internationale Lieferketten und die globale Energiesicherheit treffen könnten.
Sie verurteilte Angriffe der Huthi auf zivile Ziele und wirtschaftliche Infrastruktur in Saudi-Arabien sowie Drohungen gegen Handelsschiffe. Zugleich verlangte sie die Einhaltung der freien Schifffahrt nach internationalem Recht.
Die Sicherheit des Roten Meeres und von Bab el-Mandeb sei ein strategisches Interesse Afrikas, insbesondere der Staaten am Horn von Afrika und entlang des Roten Meeres, erklärte die Kommission. Sie warnte zudem davor, dass eine weitere Regionalisierung der Konflikte im Nahen Osten unmittelbare sicherheitspolitische, humanitäre und wirtschaftliche Folgen für Afrika hätte.
Kämpfe rücken näher an die Meerenge
Die politische Auseinandersetzung fällt mit einer Verschärfung der Kämpfe im westlichen Jemen zusammen. Regionale Berichte sprechen von Vorstößen der Huthi in Richtung strategischer Positionen entlang der Küste, darunter Gebiete in der Nähe der Hafenstadt Mocha und der Insel Perim.
Perim liegt unmittelbar in Bab el-Mandeb. Sollte sich die militärische Auseinandersetzung dauerhaft auf diesen Raum konzentrieren, würde sich der Krieg weiter an eine der empfindlichsten Seeverbindungen zwischen Europa, Asien, dem Nahen Osten und Afrika verlagern.
Die G7 unterstützen weiterhin die Vermittlungsbemühungen des UN-Sondergesandten für den Jemen, Hans Grundberg, und fordern eine verhandelte politische Lösung unter jemenitischer Führung.
Dschibuti bekommt die humanitären Folgen bereits zu spüren
Auf der gegenüberliegenden afrikanischen Seite sind die Auswirkungen der Kämpfe bereits sichtbar. Innerhalb von weniger als einer Woche erreichten nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR fast 3.000 Menschen aus dem Jemen Dschibuti. Viele überquerten Bab el-Mandeb in kleinen Booten.
Mehr als die Hälfte der Ankommenden sind Frauen und Kinder. Einige waren bereits während der jemenitischen Krise 2015 nach Dschibuti geflohen, später zurückgekehrt und mussten nun erneut das Land verlassen.
Besonders betroffen ist das Flüchtlingsdorf Markazi bei Obock. Es wurde für 5.000 Menschen ausgelegt. Dort lebten bereits mehr als 2.700 jemenitische und rund 1.500 eritreische Flüchtlinge. Dschibuti und internationale Hilfsorganisationen bereiten sich inzwischen auf mindestens 10.000 weitere Ankommende vor.
Im Jemen selbst wurden nach Angaben des UNHCR bereits mehr als 100.000 Menschen durch die jüngsten Kämpfe vertrieben. Gleichzeitig melden auch Somaliland und Puntland erste zusätzliche Ankünfte aus dem Jemen.
Damit reicht die Krise um Bab el-Mandeb inzwischen weit über die Sicherheit von Handelsschiffen hinaus. Militärische Eskalation im Jemen, iranischer Einfluss, amerikanische Neujustierungen am Horn von Afrika, Chinas Verteidigungsbeziehungen und die Interessen afrikanischer Küstenstaaten überlagern sich an derselben Wasserstraße.

