Die Ratifizierung eines umstrittenen Seegrenzenabkommens zwischen Libyen und der Türkei hat eine diplomatische Auseinandersetzung zwischen mehreren Mittelmeeranrainern ausgelöst. Nach der Entscheidung des ostlibyschen Parlaments vom 20. Oktober 2026 wiesen die Europäische Union, Ägypten, Israel und Griechenland die Vereinbarung zurück. Während Ankara auf der Rechtmäßigkeit des Abkommens besteht, hat Griechenland den UN-Sicherheitsrat eingeschaltet. Gemeinsam mit Ägypten prüft Athen inzwischen eine Erweiterung der eigenen Seegrenzenvereinbarung in Richtung Zypern.
Der Streit betrifft die Kontrolle über Meeresgebiete im östlichen Mittelmeer, in denen erhebliche Erdgasvorkommen vermutet werden. Die beteiligten Staaten beanspruchen teilweise dieselben Gewässer und damit verbundene Rechte zur Erkundung und Förderung von Energieressourcen.
EU erklärt Seegrenzenabkommen für rechtlich unwirksam
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Ratspräsident António Costa reagierten mit einer gemeinsamen Erklärung auf die Entscheidung des libyschen Parlaments. Das Abkommen verletze die souveränen Rechte anderer Staaten, stehe nicht im Einklang mit dem internationalen Seerecht und sei rechtlich nichtig.
Die beiden EU-Spitzenvertreter bekräftigten die Solidarität der Europäischen Union mit Griechenland und Zypern. Zugleich wandten sie sich gegen eine Einmischung von außen in die inneren Angelegenheiten Libyens.
Auch die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas wies das Abkommen im Namen der Mitgliedstaaten zurück. Die Vereinbarung könne keine rechtlichen Folgen für Drittstaaten entfalten. Bereits 2019 hatte der Europäische Rat diese Position festgelegt und im Juni 2025 erneut bestätigt.
Die Auseinandersetzung wurde am Mittwoch auch bei Gesprächen zwischen Kallas und dem türkischen Außenminister Hakan Fidan in Brüssel thematisiert. Die Europäische Kommission erklärte, sie prüfe die Folgen der Ratifizierung gemeinsam mit den Mitgliedstaaten. Vorrang hätten der diplomatische Dialog und die Verhinderung einer weiteren Eskalation.
Ägypten und Griechenland beraten über eigene Seegrenzen
Ägypten schloss sich der Kritik an. Das Außenministerium in Kairo erklärte, die Ratifizierung durch das libysche Parlament habe keinerlei rechtliche Auswirkungen auf die ägyptischen Seegrenzen.
Die Regierung betrachtet das ursprünglich 2019 geschlossene Abkommen als ungültig. Aus ägyptischer Sicht verstößt es gegen die Bestimmungen des UN-Seerechtsübereinkommens über ausschließliche Wirtschaftszonen und Festlandsockel.
Ägypten und Griechenland hatten bereits 2020 ein eigenes Abkommen über die Abgrenzung ihrer ausschließlichen Wirtschaftszonen im Mittelmeer geschlossen. Diese Vereinbarung überschneidet sich teilweise mit den türkisch-libyschen Ansprüchen.
Am Donnerstag, dem 22. Oktober, telefonierten der griechische Außenminister Giorgos Gerapetritis und sein ägyptischer Amtskollege Badr Abdelatty erneut über den Konflikt. Beide Regierungen vereinbarten, ihre Gespräche über eine weitere Abgrenzung der Meereszonen fortzusetzen.
Dabei steht auch eine mögliche Ausweitung ihrer bisherigen Vereinbarung in östlicher Richtung bis in die Nähe Zyperns zur Diskussion. Griechenland und Ägypten berufen sich auf das internationale Seerecht und ihre jeweiligen Ansprüche auf wirtschaftliche Nutzungsrechte.
Israel wirft der Türkei Destabilisierung vor
Erstmals nach der jüngsten Ratifizierung positionierte sich auch Israel mit einer ausdrücklichen Verurteilung des Abkommens.
Das israelische Außenministerium erklärte, die Vereinbarung verletze die souveränen Rechte enger Verbündeter in der Region. Damit bezog sich Israel insbesondere auf Griechenland und Zypern, mit denen es in Energie- und Sicherheitsfragen zusammenarbeitet.
„Leider sehen wir erneut, wie die Türkei daran arbeitet, die Region des östlichen Mittelmeers zu destabilisieren“, erklärte das Ministerium am 21. Oktober über die Plattform X.
Israel, Griechenland und Zypern pflegen seit Jahren eine enge Zusammenarbeit bei Energieprojekten und regionalen Sicherheitsfragen. Die Erschließung von Erdgasfeldern und mögliche Verbindungen zu europäischen Absatzmärkten gehören zu ihren gemeinsamen Interessen.
Der türkisch-libysche Vertrag berührt damit auch die Frage, welche Staaten künftig über Fördergebiete und mögliche Transportwege im östlichen Mittelmeer mitentscheiden können.
Griechenland bringt den Konflikt vor den UN-Sicherheitsrat
Griechenland hat den Streit inzwischen auf die Ebene der Vereinten Nationen getragen. Die griechische UN-Botschafterin Aglaia Balta informierte den Sicherheitsrat am 21. Oktober während geschlossener Konsultationen über die jüngste Entwicklung.
Nach Angaben griechischer Diplomaten warnte Balta vor möglichen Folgen für die Sicherheit und Stabilität im östlichen Mittelmeer.
Die Regierung in Athen argumentiert, dass die Türkei und Libyen keine einander gegenüberliegenden oder unmittelbar benachbarten Küsten hätten, die eine solche Grenzziehung rechtfertigen würden. Insbesondere die griechischen Inseln Kreta und der Dodekanes würden durch die vereinbarte Linie nicht angemessen berücksichtigt.
Ankara vertritt dagegen die Auffassung, dass bestimmte griechische Inseln keine uneingeschränkten Ansprüche auf ausgedehnte Meereszonen begründen können. Die Türkei hat das UN-Seerechtsübereinkommen von 1982 nicht unterzeichnet.
Türkei weist Kritik zurück
Die türkische Regierung begrüßte die Entscheidung des ostlibyschen Parlaments. Außenminister Hakan Fidan bezeichnete das Abkommen als rechtmäßig und erklärte, es schütze die Interessen beider Staaten.
„Dies ist sowohl rechtlich als auch gesetzlich ein vollkommen legitimes Abkommen. Darüber muss nicht diskutiert werden“, sagte Fidan gegenüber türkischen Staatsmedien während seines Aufenthalts in Brüssel.
Ankara begründet seine Position mit dem Grundsatz einer gerechten Abgrenzung von Seegebieten. Das türkische Außenministerium erklärte, die Vereinbarung entspreche internationalen Rechtsgrundsätzen und schütze die gegenseitigen Rechte und Interessen Libyens und der Türkei.
Libyens Osten vollzieht außenpolitischen Kurswechsel
Ausgangspunkt der aktuellen Auseinandersetzung ist ein politischer Kurswechsel im Osten Libyens.
Das Repräsentantenhaus mit Sitz in Bengasi beziehungsweise Tobruk billigte am 20. Oktober einstimmig das Seegrenzenabkommen, das die Türkei 2019 mit der damaligen international anerkannten Einheitsregierung unter Fayez al-Sarraj in Tripolis geschlossen hatte.
Das ostlibysche Parlament hatte diese Vereinbarung zunächst entschieden abgelehnt. Im Jahr 2020 verabschiedete es Beschlüsse gegen die türkisch-libyschen Abkommen und brach die politischen Beziehungen zu Ankara ab.
Mit der Ratifizierung hob das Parlament diese früheren Entscheidungen auf.
Der Schritt fällt in eine Phase wachsender Beziehungen zwischen der Türkei und den ostlibyschen Machthabern um Militärkommandeur Khalifa Haftar. Ankara hatte während des libyschen Bürgerkriegs vor allem die Regierung in Tripolis militärisch und politisch unterstützt.
Libyen bleibt seit dem Sturz von Muammar al-Gaddafi 2011 zwischen rivalisierenden Machtzentren geteilt. Während die international anerkannte Regierung in Tripolis den Westen kontrolliert, dominieren Haftar und mit ihm verbundene Institutionen den Osten und Teile des Südens.
Die Zustimmung des ostlibyschen Parlaments bringt damit erstmals beide politischen Machtzentren in der Frage des Seegrenzenabkommens näher zusammen. Sowohl Vertreter der Regierung in Tripolis als auch aus dem Umfeld Haftars begrüßten die Entscheidung als Schritt zur Sicherung libyscher Wirtschaftsinteressen.
Erdgas und Einflusszonen im östlichen Mittelmeer
Hinter der diplomatischen Auseinandersetzung stehen konkurrierende Ansprüche auf maritime Wirtschaftszonen. Nach dem internationalen Seerecht können Küstenstaaten in bestimmten Meeresgebieten exklusive Rechte zur Erkundung und Nutzung natürlicher Ressourcen beanspruchen.
Im östlichen Mittelmeer wurden in den vergangenen Jahrzehnten mehrere bedeutende Erdgasfelder entdeckt. Dazu gehören das ägyptische Zohr-Feld sowie Fördergebiete vor Israel und Zypern.
Die genaue Abgrenzung der Wirtschaftszonen beeinflusst, welche Staaten Förderlizenzen vergeben, Bohrungen genehmigen und Ansprüche auf mögliche neue Vorkommen geltend machen können.
Die EU betrachtet die Region auch im Zusammenhang mit ihrer Energieversorgung. Griechenland und Zypern sind Mitglieder der Europäischen Union, während die Türkei als NATO-Partner und EU-Beitrittskandidat eigene maritime Ansprüche verfolgt.
Zwischen Ankara und Athen bestehen seit Jahrzehnten Streitigkeiten über Seegrenzen, Inselrechte und Zuständigkeiten im östlichen Mittelmeer. Das türkisch-libysche Abkommen von 2019 hat diese Auseinandersetzungen um eine zusätzliche Grenzlinie entlang der nordafrikanischen Küste erweitert.


