Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warnt vor einer neuen Nahrungsmittelkrise in Afrika und wirft Russland vor, die ukrainischen Getreideexporte über das Schwarze Meer zu blockieren. Bei seiner Rede auf dem Warsaw Security Forum am Montag, 12. Oktober, erklärte er, bereits in wenigen Monaten könnten afrikanische Staaten, Teile Asiens und der Nahe Osten von Engpässen betroffen sein. Während die USA und Europa vor allem über Energiepreise und russische Diesellieferungen diskutierten, werde die Versorgung mit Getreide vernachlässigt. Selenskyj forderte stärkeren amerikanischen Druck auf Moskau und warnte davor, die weltweiten Folgen des Krieges auf den Energiesektor zu reduzieren.
Selenskyj warnt vor Hungerkrise in Afrika: Russland blockiere Getreideexporte
„Alle reden über Diesel, aber alle vergessen das Getreide“, sagte Selenskyj in einer Gesprächsrunde des Warschauer Sicherheitsforums. Er warnte, dass sich die internationale Debatte in zwei bis drei Monaten auf eine neue Krise in der Landwirtschaft und Lebensmittelversorgung verlagern könnte.
„Es wird nicht genügend Nahrungsmittel für Länder auf dem afrikanischen Kontinent, für einige Länder in Asien und für den Nahen Osten geben“, erklärte der ukrainische Präsident.
Die Ukraine exportiere Millionen Tonnen landwirtschaftlicher Erzeugnisse in diese Märkte. Russland blockiere nun die Seewege und gefährde damit die Versorgung.
„Die Vereinigten Staaten spüren die Auswirkungen nicht. Deshalb konzentriert sich die Aufmerksamkeit ausschließlich auf Energie“, kritisierte Selenskyj.
Seine Warnung richtete sich insbesondere an Washington. Die amerikanische Regierung beschäftige sich mit möglichen russischen Diesellieferungen und der Stabilisierung der Energiemärkte, während eine mögliche Ernährungskrise deutlich weniger Beachtung finde.
„Das ist eine weitere Herausforderung. Es geht um Hunger. Und das kann viele Länder treffen“, erklärte Selenskyj.
Streit über russische Diesellieferungen an die USA
Die Warnung steht im Zusammenhang mit einer neuen Kontroverse über die amerikanische Russlandpolitik.
Selenskyj kritisierte Berichte über eine mögliche Vereinbarung zwischen Washington und Moskau zu russischen Diesellieferungen. Nach seinen Angaben werde über monatliche Mengen zwischen 300.000 und 500.000 Tonnen gesprochen.
Er bezweifelte, dass solche Lieferungen die weltweiten Energiemärkte wesentlich entlasten könnten. Angesichts des globalen Verbrauchs sei die diskutierte Menge zu gering, um größere Auswirkungen auf die Preise zu haben.
Der ukrainische Präsident schlug stattdessen vor, Washington könne mit Kiew über eine Vereinbarung zur Energiesicherheit verhandeln.
Die Ukraine sei bereit, ihre Angriffe auf russische Ölraffinerien und Energieexportanlagen einzustellen, wenn Russland im Gegenzug die ukrainische Stromversorgung und andere kritische Infrastruktur nicht mehr angreife.
„Wenn Russland will, dass wir unsere weitreichenden Angriffe auf seine Raffinerien und Ölexporte einstellen, muss Russland seine Angriffe auf unser Energiesystem und unsere kritische Infrastruktur einstellen und aufhören, unsere Menschen zu töten“, sagte Selenskyj.
Er bekräftigte die ukrainische Zustimmung zu einer gegenseitigen Feuerpause für Energieanlagen. Moskau habe bislang jedoch keine erkennbaren Schritte zu einer Deeskalation unternommen.
Ukraine wirft Russland Blockade des Schwarzen Meeres vor
Die Ukraine gehört zu den bedeutenden Exporteuren von Weizen, Mais, Gerste und Sonnenblumenöl. Ein erheblicher Teil ihrer landwirtschaftlichen Erzeugnisse wird über Häfen am Schwarzen Meer ausgeführt.
Russlands Angriffskrieg hat diese Handelswege wiederholt beeinträchtigt. Bereits zu Beginn der großangelegten Invasion im Februar 2022 wurden ukrainische Seehäfen blockiert, wodurch die internationalen Getreidepreise stark anstiegen.
Im Juli 2022 ermöglichten die Vereinten Nationen und die Türkei mit der Schwarzmeer-Getreideinitiative eine zeitweilige Wiederaufnahme ukrainischer Agrarexporte. Russland zog sich im Juli 2023 aus der Vereinbarung zurück.

Selenskyjs aktuelle Erklärung deutet auf eine erneute erhebliche Beeinträchtigung dieser Transportwege hin. Ob die ukrainischen Agrarexporte inzwischen vollständig unterbrochen sind oder einzelne Häfen und Schifffahrtsrouten weiterhin genutzt werden können, lässt sich aus seinen Angaben nicht feststellen.
Afrika ist auf Getreideimporte angewiesen
Für zahlreiche afrikanische Staaten sind die internationalen Getreidemärkte ein wichtiger Bestandteil der Nahrungsmittelversorgung.
Besonders in Nordafrika decken Länder wie Ägypten, Algerien, Tunesien und Marokko einen beträchtlichen Teil ihres Weizenbedarfs durch Importe. Auch Staaten in Ostafrika und am Horn von Afrika beziehen Getreide aus dem Ausland.
Die Ukraine und Russland sind seit Jahren bedeutende Lieferanten für internationale Agrarmärkte. Störungen im Schwarzen Meer können deshalb nicht nur unmittelbare Lieferausfälle verursachen, sondern auch die weltweiten Preise für Weizen und andere Grundnahrungsmittel beeinflussen.
Bereits die russische Invasion von 2022 hatte erhebliche Auswirkungen auf die Lebensmittelpreise. Besonders Staaten mit hoher Importabhängigkeit und begrenzten finanziellen Möglichkeiten waren von den Preissteigerungen betroffen.
Selenskyjs Warnung betrifft damit nicht ausschließlich Länder, die unmittelbar ukrainisches Getreide beziehen. Auch Staaten, die ihre Nahrungsmittel aus anderen Herkunftsländern importieren, können von steigenden Weltmarktpreisen betroffen sein.
Ob und in welchem Umfang die von ihm befürchteten Engpässe eintreten, hängt allerdings von der Dauer möglicher Exportbehinderungen, den verfügbaren Lagerbeständen und alternativen Liefermöglichkeiten ab.
Warschauer Sicherheitsforum fordert mehr Druck auf Moskau
Beim Warsaw Security Forum standen die russischen Angriffe auf die Ukraine und die amerikanischen Bemühungen um eine begrenzte Waffenruhe im Energiebereich im Mittelpunkt.
Polens Ministerpräsident Donald Tusk warf Moskau vor, auf diplomatische Angebote mit weiteren Angriffen auf ukrainische Energieanlagen zu reagieren.
Er kündigte an, sich bei den europäischen Partnern für eine Verschärfung der Sanktionen gegen Russland einzusetzen.
Selenskyj unterstützte diese Forderung und erklärte, die Ukraine sei weiterhin zu einer gegenseitigen Waffenruhe bereit. Russland müsse jedoch ebenfalls konkrete Schritte unternehmen.
„Wir sehen derzeit keine Anzeichen dafür, dass Russland diesen Krieg beenden will. Wir sehen keine grundlegenden Schritte zur Deeskalation“, sagte der ukrainische Präsident.
Er verband die Forderung nach wirksameren Sanktionen mit dem Appell, die internationalen Folgen des Krieges umfassender zu berücksichtigen.
Dabei verwies Selenskyj erneut auf die drohenden Engpässe bei Getreide und anderen landwirtschaftlichen Produkten. Die internationale Gemeinschaft müsse neben den Energiepreisen auch die Versorgung von Millionen Menschen in Afrika, Asien und dem Nahen Osten berücksichtigen.
„Wir können viele verschiedene Krisen verhindern, bevor sie überhaupt beginnen“, erklärte er.

