Neue Angriffe in Cabo Delgado zeigen, dass Mosambiks Streitkräfte trotz jahrelanger internationaler Ausbildung und neuer Sicherheitskooperationen Schwierigkeiten haben, die Aufständischen im Norden des Landes dauerhaft zurückzudrängen. In der Nacht vom 30. September auf den 1. Oktober griffen Bewaffnete die Ortschaft Mualela im Distrikt Nangade an. Ein Mann wurde getötet, Lebensmittel wurden geplündert und zahlreiche Familien flohen aus ihren Häusern. Der Angriff erfolgte nach Angaben lokaler Quellen nur wenige Stunden, nachdem Soldaten der mosambikanischen Streitkräfte die Ortschaft nach einer Patrouille verlassen hatten.
Bereits in den Tagen zuvor waren in mehreren Teilen Nangades wieder Bewegungen von Aufständischen gemeldet worden. Bewohner berichteten von bewaffneten Gruppen in der Nähe mehrerer Dörfer. Damit setzt sich eine Entwicklung fort, die auch auf wichtigen Verkehrsachsen Cabo Delgados sichtbar ist: Kleine, bewegliche Gruppen greifen Fahrzeuge an, errichten Straßensperren, plündern Lebensmittel und entführen Menschen.
Die mosambikanischen Streitkräfte, die Forças Armadas de Defesa de Moçambique (FADM), haben ihre Fähigkeiten seit Beginn des Aufstands erheblich ausgebaut. Ausbildung durch die Europäische Union, Ruanda, die USA, Algerien und weitere Partner hat neue Einheiten hervorgebracht und die militärische Führung professionalisiert. Auf dem Boden bleiben jedoch Defizite bei Ausrüstung, Logistik und dem Verhältnis zur Bevölkerung bestehen.
EU bildete mehr als 1.600 Soldaten aus
Besonders umfangreich war die Unterstützung der Europäischen Union. Bisher flossen rund 89 Millionen Euro in Ausbildung und nicht-tödliche militärische Ausrüstung.
Die EU-Ausbildungsmission trainierte mehr als 1.600 mosambikanische Soldaten und formierte daraus elf schnelle Eingreifkompanien. Auf dem Programm standen unter anderem Führung und Kontrolle, Kommunikation, Zusammenarbeit mit der Zivilbevölkerung, Menschenrechte und humanitäres Völkerrecht.
Auch Ruanda trainierte mosambikanische Kräfte und unterstützt Maputo weiterhin mit eigenen Soldaten im Kampf gegen die Aufständischen. Die regionale SADC-Mission SAMIM half zuvor bei der Zerstörung von Stützpunkten, der Rückeroberung staatlich kontrollierter Gebiete und der Sicherung von Verkehrswegen.
Seit dem Abzug von SAMIM Mitte 2024 trägt die FADM wieder einen größeren Teil der Operationen selbst. Sie führt Offensiven durch, patrouilliert entlang wichtiger Straßen und errichtet Verteidigungsstellungen gegen weitere Vorstöße der Aufständischen.
Präsident Daniel Chapo räumte Ende September vor der UN-Generalversammlung dennoch ein, dass die Stabilisierung Cabo Delgados nicht abgeschlossen sei.
Alte Waffen und fehlende Fahrzeuge belasten die Truppe
Ein Teil der Probleme liegt weiterhin in der materiellen Ausstattung. Das Institute for Security Studies verweist auf Berichte von Soldaten über veraltete oder nicht einsatzfähige Waffen sowie zu wenige Fahrzeuge für Truppenbewegungen und die Evakuierung Verwundeter.
Ein erheblicher Teil der vorhandenen Ausrüstung stammt aus Russland und China. Mosambik versucht deshalb, seine militärischen Partnerschaften breiter aufzustellen.
Im März schloss die Regierung ein Abkommen mit Indien über Verteidigungsausrüstung und Technologietransfer. Vorgesehen sind Möglichkeiten zur Montage und Reparatur von Flugzeugen, Landfahrzeugen und Patrouillenbooten.
Bereits 2024 ratifizierte die Regierung ein Verteidigungsabkommen mit der Türkei. Es umfasst Kooperationen bei militärischer Luftfahrt, Waffensystemen, Kampffahrzeugen und maritimer Ausrüstung.

Die USA stellen außerdem 1,5 Millionen US-Dollar für ein Programm bereit, das den Umgang mit Waffen und Munition verbessern und verhindern soll, dass militärisches Material in die Hände krimineller oder terroristischer Gruppen gelangt.
Algerien hat seine militärische Zusammenarbeit mit Mosambik ebenfalls wieder intensiviert. Ein FADM-Bataillon befindet sich nach Angaben des ISS derzeit zu einer spezialisierten Ausbildung in Algerien.
Aufständische gewinnen wieder Bewegungsfreiheit
Trotz der internationalen Unterstützung haben bewaffnete Gruppen in Teilen Cabo Delgados erneut Handlungsspielraum gewonnen.
Nach dem Rückzug von SAMIM verstärkten Aufständische ihre Aktivitäten entlang wichtiger Straßen. Sie greifen Fahrzeuge an, rauben Lebensmittel, entführen Fahrer und Passagiere und verlangen Lösegeld. Gemeinsame Eskorteinsätze von Polizei und Militär konnten tödliche Hinterhalte nicht vollständig verhindern.
Auch die jüngsten Vorgänge in Nangade zeigen die Schwierigkeit, große ländliche Gebiete dauerhaft zu kontrollieren. Ende September meldeten Einwohner nach Monaten ohne vergleichbare Beobachtungen erneut Bewegungen bewaffneter Gruppen in mehreren Ortschaften.
Am 30. September drangen nach Angaben von Carta de Moçambique mehr als zehn Bewaffnete nach Mualela ein. Ein Mann wurde getötet. Die Angreifer plünderten Lebensmittel aus Geschäften, während zahlreiche Bewohner flohen.
Die Gruppe operierte damit in einem Gebiet, das wenige Stunden zuvor noch von Soldaten patrouilliert worden war.
Menschenrechtsvorwürfe belasten Verhältnis zur Bevölkerung
Neben militärischen Defiziten steht die FADM wegen ihres Umgangs mit Zivilisten unter Druck.
Mosambikanische Soldaten wurden wiederholt beschuldigt, vertriebene Frauen sexuell ausgebeutet, mutmaßliche Unterstützer der Aufständischen getötet und gefangene Verdächtige misshandelt zu haben. Auch 2026 wurden neue Vorwürfe gegen staatliche Sicherheitskräfte erhoben.
Das ISS sieht darin ein strukturelles Problem der Aufstandsbekämpfung. Kleine Guerillagruppen sind auf Rückzugsräume, Informationen und zumindest passive Duldung innerhalb lokaler Gemeinschaften angewiesen. Staatliche Kräfte wiederum benötigen Hinweise aus der Bevölkerung, um Bewegungen und Verstecke der Aufständischen frühzeitig erkennen zu können.
Gerade in Cabo Delgado erschweren dünn besiedelte Gebiete, schlechte Straßen und große Entfernungen zu staatlichen Einrichtungen die militärische Kontrolle.
Die EU hat Menschenrechte und humanitäres Völkerrecht ausdrücklich in ihre Ausbildung der mosambikanischen Einheiten aufgenommen. Das ISS verweist zugleich darauf, dass unterschiedliche ausländische Ausbildungsprogramme auch unterschiedliche militärische Doktrinen vermitteln.
Chapo setzt auf Modernisierung der Streitkräfte
Präsident Daniel Chapo hat Ende September eine umfassende Modernisierung der FADM angekündigt. Er fordert besser ausgebildete Soldaten, leistungsfähigere Logistik, moderne Technologie, verbesserte Führung und eine einheitlichere militärische Doktrin.
„Die Welt verändert sich und auch die Art der Konflikte verändert sich. Eine Armee, die mit diesen Veränderungen nicht Schritt hält, wird zurückbleiben“, sagte Chapo bei den Feierlichkeiten zum 62. Jahrestag der mosambikanischen Streitkräfte in Inhambane.
Modernisierung bedeute nicht lediglich den Kauf neuer Waffen. Entscheidend seien Ausbildung, Wartung, Logistik sowie funktionierende Führungs- und Kontrollsysteme.
Chapo verbindet die militärische Modernisierung zugleich mit wirtschaftlichen Interessen. Der Schutz strategischer Infrastruktur, logistischer Korridore und wirtschaftlich wichtiger Gebiete soll ausdrücklich zu den Aufgaben der modernisierten Streitkräfte gehören.
Cabo Delgado besitzt große Erdgasvorkommen und gehört zu den wirtschaftlich bedeutendsten Regionen Mosambiks. Der Angriff auf Palma und die Verschlechterung der Sicherheitslage hatten 2021 zur Unterbrechung des rund 20 Milliarden US-Dollar schweren LNG-Projekts von TotalEnergies beigetragen.
Neun Jahre Aufstand in Cabo Delgado
Der bewaffnete Aufstand begann am 5. Oktober 2017 mit Angriffen auf Mocímboa da Praia. Die mosambikanischen Streitkräfte waren damals nur schwach in Cabo Delgado präsent und auf einen ländlichen Guerillakrieg kaum vorbereitet.
In den folgenden Jahren nahmen die Aufständischen zeitweise Distrikthauptstädte ein und bedrohten Gebiete rund um große Erdgasprojekte. Erst die Intervention Ruandas und der Entwicklungsgemeinschaft des südlichen Afrika veränderte die militärische Lage deutlich.
Die Regierung gewann wichtige Städte und Verkehrsachsen zurück. In Palma wurde Anfang Oktober erstmals seit dem Angriff von 2021 auch die Bezirksstaatsanwaltschaft wieder eröffnet. Gleichzeitig operieren bewaffnete Gruppen weiter in abgelegenen Gebieten und greifen zunehmend dort an, wo staatliche Sicherheitskräfte nur vorübergehend präsent sind.

