Sierra Leones Präsident Julius Maada Bio hat die UN-Mitgliedstaaten aufgefordert, noch vor Ende der 81. Generalversammlung ein gemeinsames Modell für die Reform des Sicherheitsrats vorzulegen. Er sprach am Dienstag, 22. September 2026, in New York. Als Koordinator des afrikanischen Zehnerkomitees C-10 bekräftigte Bio die Forderung nach zwei ständigen und insgesamt fünf nichtständigen Sitzen für Afrika, einschließlich des Vetorechts für die neuen ständigen Mitglieder, sofern dieses Instrument bestehen bleibt. Dauerhafte Lösungen für Frieden, Klima, Ernährung, Energie oder Technologie könnten nicht ohne afrikanische Führung entwickelt werden, erklärte der Präsident.
Bio fordert konkretes Reformmodell noch vor Ende der UN-Sitzung
Bio verschärfte den zeitlichen Druck in der seit Jahren festgefahrenen Debatte über die Zusammensetzung des Sicherheitsrats. Die jahrelangen zwischenstaatlichen Verhandlungen ohne tatsächliche Reform hätten die Glaubwürdigkeit des Prozesses belastet.
„Bevor diese Sitzungsperiode endet, sollten die Mitgliedstaaten über ein konsolidiertes Modell verfügen“, sagte Bio. Darauf habe sich die Staatengemeinschaft bereits im Zukunftspakt der Vereinten Nationen verständigt.
Sierra Leone koordiniert innerhalb der Afrikanischen Union das Committee of Ten, kurz C-10, das die gemeinsame afrikanische Position zur Reform des Sicherheitsrats vertritt. Grundlage sind der Ezulwini-Konsens und die Erklärung von Sirte.
Afrika verlangt danach mindestens zwei ständige Sitze mit sämtlichen Rechten und Privilegien der bisherigen ständigen Mitglieder. Sollte das Vetorecht erhalten bleiben, soll es auch den neuen afrikanischen ständigen Mitgliedern zustehen. Hinzu kommen insgesamt fünf nichtständige Sitze für afrikanische Staaten.
„Der Sicherheitsrat spiegelt noch immer die Welt von 1945 wider“
Bio begründete die Forderung mit der fortbestehenden Machtverteilung innerhalb der Vereinten Nationen.
„Der Sicherheitsrat spiegelt noch immer die Welt von 1945 wider“, sagte er. Afrika habe inzwischen mehr als 1,6 Milliarden Einwohner und stehe zugleich im Zentrum eines großen Teils der Arbeit des Sicherheitsrats, verfüge aber weiterhin über keinen ständigen Sitz.
„Afrika fordert seinen rechtmäßigen Platz, weil der Rat weder vollständig legitim noch wirksam sein kann, solange ein ganzer Kontinent dauerhaft von seiner höchsten Entscheidungsebene ausgeschlossen bleibt“, erklärte Bio.
Er weitete die Forderung über Fragen von Krieg und Frieden hinaus aus. „Keine dauerhafte globale Lösung für Frieden, Klima, Ernährung, Energie oder Technologie kann ohne afrikanische Führung aufgebaut werden.“
Sierra Leone verweist auf seine Zeit im Sicherheitsrat
Bio verwies auf die zweijährige Mitgliedschaft Sierra Leones im Sicherheitsrat 2024 und 2025. Sein Land habe dort versucht, als „Stimme der Vernunft und Brücke über bestehende Spaltungen hinweg“ zu arbeiten.

Während dieser Zeit organisierte Sierra Leone die erste hochrangige Debatte des Sicherheitsrats zur historischen Benachteiligung Afrikas. Außerdem rückte das Land konfliktbedingte Ernährungsunsicherheit auf die Tagesordnung und arbeitete gemeinsam mit Guyana an einer Resolution zu Jugend, Frieden und Sicherheit.
„Repräsentation wird dann bedeutungsvoll, wenn sie Entscheidungen verändert und das Leben der Menschen verbessert“, sagte Bio.
Bio sieht Machtungleichgewicht auch bei Weltbank und IWF
Der Präsident übertrug seine Kritik auf die internationalen Finanzinstitutionen. Deren Machtstrukturen trügen ebenfalls noch die Prägung einer früheren Epoche.
Entwicklungsländer benötigten mehr Stimmrechte, eine stärkere Vertretung, zusätzliches Kapital, günstigere Finanzierungen und fairere Regeln für die Behandlung von Schulden. Sie müssten zudem gleichberechtigt an der Gestaltung internationaler Steuerregeln beteiligt werden.
Sierra Leone unterstützt deshalb die geplante UN-Rahmenkonvention zur internationalen Steuerkooperation. Über die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS wolle das Land zudem auf ein Entwicklungssystem drängen, das afrikanische Prioritäten stärker berücksichtige.
Bio stellte diesen Zusammenhang auch in die Sicherheitsdebatte. Die weltweiten Militärausgaben hätten 2025 etwa 2,9 Billionen Dollar erreicht und seien damit das elfte Jahr in Folge gestiegen. Staaten hätten legitime Sicherheitsbedürfnisse, sagte er. Das Tempo, mit dem Mittel für Kriege bereitgestellt würden, stehe jedoch in deutlichem Gegensatz zu den verfügbaren Ressourcen für Prävention und Entwicklung.
Sierra Leone fordert Entschuldigung und Rückgabe von Kulturgütern
Einen weiteren Schwerpunkt setzte Bio bei der Aufarbeitung von Sklaverei und Kolonialgeschichte. Sierra Leone werde die Forderung nach reparativer Gerechtigkeit gemeinsam mit afrikanischen Staaten, der Karibik und der afrikanischen Diaspora weiterverfolgen.
Für Sierra Leone sei diese Geschichte nicht abstrakt. Von Bunce Island in der Flussmündung vor Freetown seien Tausende Afrikaner gewaltsam über den Atlantik verschleppt worden. Freetown entwickelte sich später zu einem Siedlungsort für befreite und ehemals versklavte Afrikaner.
Reparative Gerechtigkeit sei „keine Bitte um Wohltätigkeit“, sagte Bio. Sierra Leone verlange Anerkennung, eine formelle Entschuldigung, die Rückgabe von Kulturerbe, angemessene Wiedergutmachung und Garantien gegen eine Wiederholung.
Mehr Wertschöpfung aus Afrikas kritischen Rohstoffen
Bio verband die historische Debatte mit der heutigen Nutzung afrikanischer Rohstoffe. Kritische Mineralien seien für die weltweite Energiewende unverzichtbar, ein zu großer Teil der Wertschöpfung finde jedoch weiterhin außerhalb der Förderländer statt.
Mehr Verarbeitung vor Ort, Technologietransfer und der Aufbau lokaler Industrien könnten natürliche Ressourcen stärker in qualifizierte Arbeitsplätze und wirtschaftliche Entwicklung übersetzen.
„Die grüne Transformation darf die extraktiven Muster der Vergangenheit nicht wiederholen“, sagte Bio.
Entwicklungsländer sollen KI-Regeln mitgestalten
Auch bei künstlicher Intelligenz verlangte Sierra Leone eine breitere internationale Machtverteilung. KI könne Bildung, Gesundheit, Landwirtschaft und öffentliche Verwaltung verbessern. Sie könne bestehende Ungleichheiten aber verstärken, wenn Infrastruktur, Wissen und Regelsetzung auf wenige Länder konzentriert blieben.
Entwicklungsländer müssten deshalb an den Standards beteiligt werden, nach denen Technologien reguliert werden, die ihre Bevölkerung betreffen.
Ähnlich argumentierte Bio beim Klimawandel. Staaten, die am wenigsten zur Erderwärmung beigetragen hätten, trügen teilweise besonders hohe Folgen. Sierra Leone fordert deshalb besser zugängliche und berechenbare Klimafinanzierung, mehr Mittel für Anpassung sowie funktionierende Mechanismen für klimabedingte Verluste und Schäden.
Bio bringt Frau an der Spitze der UN ins Spiel
Bio verband die Debatte über institutionelle Gleichheit schließlich mit der laufenden Auswahl des nächsten UN-Generalsekretärs. Seit Gründung der Vereinten Nationen vor mehr als 80 Jahren sei das Amt ausschließlich von Männern bekleidet worden.
Die vorgeschlagenen Kandidatinnen hätten ihre fachliche Eignung unter Beweis gestellt, sagte der Präsident. Nun müsse die Organisation zeigen, ob sie die von ihr selbst eingeforderte Gleichberechtigung auch bei der Besetzung ihres höchsten Amtes anwenden wolle.

