Kenia hat gemeinsam mit Brasilien, Indien, der Europäischen Union, Kanada, Australien und Barbados eine neue internationale Partnerschaft gegründet, die Staaten über bestehende politische Blöcke hinweg für eine Reform des multilateralen Systems zusammenbringen soll. Der Gründungsgipfel der „Partners for Multilateralism“ fand am 21. September 2026 am Rande der UN-Generalversammlung in New York statt. Die sieben Initiatoren wollen keine neue internationale Organisation schaffen, sondern wechselnde Koalitionen für UN-Reformen, internationales Recht, Handel, Finanzarchitektur, Klima und künstliche Intelligenz bilden. Kenias Präsident William Ruto gehört gemeinsam mit Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva und EU-Ratspräsident António Costa zu den treibenden Akteuren der Initiative.
Die Gruppe nennt sich kurz P4M, Partners for Multilateralism. Zu den ersten Mitinitiatoren gehören neben Kenia, Brasilien und der EU auch Indien, Australien, Barbados und Kanada. Damit bringt das Format Staaten aus Afrika, Asien, Lateinamerika, der Karibik und dem westlichen Bündnissystem zusammen. Weitere Länder sollen sich anschließen können.
Kein neuer Block, sondern wechselnde Koalitionen
P4M soll ausdrücklich weder ein neuer geopolitischer Block noch eine zusätzliche internationale Bürokratie werden. Die Initiatoren beschreiben das Format als offene Plattform für Staaten unterschiedlicher Regionen und politischer Traditionen, die trotz anderer Differenzen bei einzelnen internationalen Fragen zusammenarbeiten wollen.
Im Zentrum stehen die Charta der Vereinten Nationen, die souveräne Gleichheit der Staaten, territoriale Integrität, die friedliche Beilegung von Konflikten und das Verbot der Androhung oder Anwendung von Gewalt. Hinzu kommen Menschenrechte, humanitäres Völkerrecht und nachhaltige Entwicklung.
Ruto, Lula, Costa und Kanadas Premierminister Mark Carney beschrieben den Ansatz in einem gemeinsamen Beitrag als Reaktion auf eine zunehmend fragmentierte Weltordnung. Multilateralismus sei „kein Idealismus, sondern eine Notwendigkeit“. Staaten könnten in vielen Fragen miteinander konkurrieren und dennoch gemeinsame Kanäle für Kooperation schaffen.
Kenia bringt afrikanische Stimme in die Gründergruppe
Kenia ist der einzige afrikanische Staat unter den sieben ersten Unterstützern. Präsident Ruto gehört zugleich zu den vier Staats- und Regierungschefs, die die politische Begründung der Initiative gemeinsam veröffentlichten.
Damit erhält ein afrikanischer Staat von Beginn an eine hervorgehobene Rolle in einem Format, das ausdrücklich eine repräsentativere internationale Ordnung fordert. Die Gründungserklärung spricht von einem multilateralen System, das angesichts einer stärker vernetzten, umkämpften und multipolaren Welt erneuert werden müsse. Internationale Institutionen sollten „effektiver, repräsentativer und inklusiver“ werden.
Diese Forderung knüpft an eine breitere afrikanische Reformagenda an. Afrikanische Staaten verlangen seit Jahren eine stärkere Vertretung in zentralen multilateralen Institutionen, darunter insbesondere im UN-Sicherheitsrat und in internationalen Finanzorganisationen.
Reformen sollen über den UN-Sicherheitsrat hinausgehen
P4M beschränkt seine Reformforderungen nicht auf die Vereinten Nationen. Die Gründungspartner wollen auch die internationale Finanzarchitektur und das multilaterale Handelssystem verändern.
Die Erklärung fordert offene, faire und widerstandsfähige Lieferketten sowie eine stärkere internationale Koordination bei Finanzfragen. Auch Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Klima und globale Gesundheit sollen Teil der Zusammenarbeit werden. Die Partner unterstützen zudem den laufenden UN80-Reformprozess, mit dem die Vereinten Nationen ihre Strukturen und Arbeitsweisen überarbeiten.

Dabei greifen die Gründer einen Konflikt auf, der inzwischen weit über klassische Sicherheitspolitik hinausgeht. Wirtschaftliche Verflechtungen würden zunehmend als politisches Druckmittel eingesetzt und könnten Handel, Lieferketten, Investitionen und Entwicklungsfinanzierung beeinträchtigen, heißt es in der gemeinsamen Erklärung.
Die Initiative verbindet damit die Reformdebatte über globale Institutionen mit wirtschaftspolitischen Fragen, die besonders für Staaten des Globalen Südens eine zentrale Rolle spielen. Brasilien, Indien und Kenia gehören selbst zu den Staaten, die in unterschiedlichen internationalen Foren auf Veränderungen bei globaler Finanzierung, Handel und politischer Repräsentation drängen.
Ungleichheit und Entwicklungsfinanzierung auf der Agenda
Die Gründungspartner beziehen ausdrücklich auch die wachsende Ungleichheit zwischen und innerhalb von Staaten in ihre Agenda ein. Unterstützt werden sollen unter anderem die von Brasilien vorangetriebene Global Alliance Against Hunger and Poverty sowie das International Panel on Inequality.
Auch das Pariser Klimaabkommen und die UN-Nachhaltigkeitsziele der Agenda 2030 werden in der Erklärung bekräftigt. Bei Klima, Biodiversitätsverlust und Umweltverschmutzung sprechen die sieben Partner von einer gemeinsamen globalen Krise, die einzelne Staaten nicht allein bewältigen könnten.
Zu den weiteren Arbeitsfeldern gehört künstliche Intelligenz. Die rasche technologische Entwicklung soll nach Vorstellung der Gründer stärker über internationale Regeln und Kooperation begleitet werden. P4M will dazu gemeinsame Positionen und praktische Kooperation zwischen seinen Teilnehmern ermöglichen.
Initiative entsteht zwischen G7, BRICS und Globalem Süden
Die Zusammensetzung der Gründungsgruppe unterscheidet sich von etablierten internationalen Bündnissen. Kanada gehört zur G7 und zur NATO, Brasilien und Indien sind Mitglieder der BRICS, Kenia ist ein zentraler afrikanischer Partner westlicher Staaten und zugleich eng in afrikanische und globale Süd-Süd-Formate eingebunden. Barbados hat sich in den vergangenen Jahren insbesondere mit Forderungen nach einer Reform der internationalen Finanzarchitektur positioniert.
Die Initiatoren machen diese Unterschiede ausdrücklich zum Prinzip des neuen Formats. P4M soll Staaten zusammenbringen, die in zahlreichen internationalen Fragen nicht dieselben Positionen vertreten, sich aber auf grundlegende Regeln und einzelne Reformprojekte verständigen können.
Deutschland gehört nicht zu den sieben Erstunterstützern der Erklärung. Gleichzeitig wirbt die Bundesregierung während derselben UN-Woche für eine Reform der Vereinten Nationen und eine stärkere Repräsentation des Globalen Südens, insbesondere im Sicherheitsrat.
Der P4M-Gipfel fand unmittelbar vor dem Beginn der Generaldebatte der 81. UN-Generalversammlung statt. EU-Ratspräsident Costa hatte das Format im Vorfeld als Netzwerk für Dialog, Koalitionsbildung und praktische Zusammenarbeit beschrieben, das die Vereinten Nationen und bestehende multilaterale Strukturen unterstützen und nicht ersetzen soll.

