Kenia kündigt Amnestie für Bürger an, die für Russland kämpfen

Mehr als 1.000 Kenianer sollen für Russlands Krieg angeworben worden sein. Nairobi reagiert mit einer Amnestie, doch der Fall zeigt ein größeres Problem: Arbeitslosigkeit, Täuschung und riskante Migration.

Kenia bietet Staatsbürgern Straffreiheit an, die für Russland im Krieg gegen die Ukraine angeworben wurden. Die Entscheidung folgte auf den Moskau-Besuch von Außenminister Musalia Mudavadi am 16. März. In Nairobi wächst der Druck, nachdem nach Regierungsangaben mehr als 1.000 Kenianer in russische Rekrutierungsnetzwerke geraten sein sollen. Das kenianische Recht verbietet Staatsbürgern den Dienst in ausländischen Streitkräften ohne schriftliche Erlaubnis des Präsidenten.

Mehr als 1.000 Kenianer sollen angeworben worden sein

Ein Bericht des kenianischen National Intelligence Service, der am 12. Februar im Parlament vorgestellt wurde, nennt mehr als 1.000 angeworbene Kenianer. Kimani Ichung’wah, Fraktionschef der Regierungsmehrheit, sagte demnach, 89 von ihnen befänden sich weiterhin im Kampfeinsatz. 39 seien in Krankenhäusern, 28 würden vermisst.

Die Anwerbung soll in Kenia im Dezember 2024 begonnen haben. Zielgruppen waren vor allem frühere Soldaten, ehemalige Polizisten und Personen mit paramilitärischer Ausbildung, darunter Absolventen des National Youth Service. Viele der Betroffenen waren arbeitslos.

Hohe Versprechen in einem angespannten Arbeitsmarkt

Rekruten wurden monatliche Zahlungen von rund 2.400 US-Dollar sowie einmalige Prämien zwischen 6.200 und 8.300 US-Dollar angeboten. Dem steht ein durchschnittlicher Monatslohn von 159 US-Dollar in Kenia gegenüber. Die Jugendarbeitslosigkeit wird im Material mit 67 Prozent angegeben.

Das Africa Center for Strategic Studies spricht von einem breiten und systematischen Rekrutierungsprozess, der auf Täuschung beruhe und sich gegen afrikanische Arbeitssuchende und Studierende richte. Demnach sollen Menschen aus 45 afrikanischen Staaten an die Front in der Ukraine gebracht worden sein.

Vorwürfe gegen Netzwerke in Kenia und Russland

Ichung’wah warf Vertretern der russischen Botschaft und kenianischen Botschaftsmitarbeitern in Russland vor, mit Rekrutierungsagenturen und Schleusernetzwerken zusammengearbeitet zu haben. Die russische Botschaft in Kenia wies die Vorwürfe als „gefährlich“ und „irreführend“ zurück.

Das Rekrutierungsnetz soll auch einzelne Akteure aus kenianischen Sicherheits- und Einwanderungsbehörden sowie Arbeitsvermittlungen umfasst haben. Genannt werden unter anderem die Directorate of Criminal Investigations, die Einwanderungsbehörde und das Arbeitsministerium.

Regierung setzt auf Arbeitsmigration und Rücküberweisungen

Die Fälle treffen Kenia in einer Phase, in der die Regierung Arbeitsmigration stärker als wirtschaftliches Instrument nutzt. Präsident William Ruto sagte bei den Feierlichkeiten zum Tag der Arbeit am 1. Mai, Kenia könne jährlich nur 100.000 qualifizierte Arbeitskräfte aufnehmen, die neu auf den Arbeitsmarkt kämen.

Nach Angaben der Federation of Kenya Employers drängen jedes Jahr rund eine Million junge Kenianer auf den Arbeitsmarkt. Viele finden keine formelle Beschäftigung oder verfügen nicht über die Qualifikationen, die offene Stellen verlangen.

Ruto hat Arbeitsmigration wiederholt als Teil der sozioökonomischen Entwicklung des Landes beschrieben. Sie „nützt sowohl Kenia als auch den Ländern, die unsere Arbeitskräfte aufnehmen“, sagte er. Deshalb verhandle Kenia bilaterale Abkommen, um sichere und geordnete Arbeitsmigration zu ermöglichen.

Auch der Golf bleibt wichtiges Ziel für Kenianer

Viele Kenianer suchen Arbeit im Ausland, besonders im Nahen Osten. Regierungsschätzungen vom März 2026 nennen mehr als 500.000 Kenianer in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Katar und Saudi-Arabien. Viele arbeiten in Haushalten, im Sicherheitsgewerbe, auf Baustellen oder in der Gastronomie.

Amnesty International dokumentiert für Teile dieser Arbeitsmigration Fälle von Menschenhandel, Rassismus, Zwangsarbeit und menschenunwürdigen Bedingungen. Rückkehrer aus Golfstaaten berichteten über ausstehende Löhne, Hunger, sexuelle Gewalt und Todesfälle im Ausland.

Rücküberweisungen bleiben ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. 2025 überschritten sie die Marke von fünf Milliarden US-Dollar. Im Vorjahr lagen sie bei 4,95 Milliarden US-Dollar.

Mudavadi schlägt Abkommen mit Russland vor

Außenminister Mudavadi hat ein formelles bilaterales Abkommen zur Arbeitsmigration mit Russland vorgeschlagen. Zugleich kündigte er staatliche Schritte gegen Personen an, die an der Verschleppung von Kenianern an die russische Front beteiligt sein sollen.

Emmanuel Wa-Kyendo vom Institute of Economic Affairs Kenya sagte ISS Today, jahrzehntelange Planungsfehler und eine Lücke zwischen Ausbildung und Arbeitsmarkt hätten Kenianer dazu gebracht, im Ausland Arbeit zu suchen. Das Problem gehe auf strukturelle Schwächen und mangelhafte Umsetzung wirtschaftspolitischer Maßnahmen zurück.

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