Vier Bewerberinnen und Bewerber um das Amt des nächsten UN-Generalsekretärs haben sich erstmals in öffentlichen Dialogen den Mitgliedstaaten und Vertretern der Zivilgesellschaft gestellt. Die Anhörungen fanden am 21. und 22. April in New York statt. Im Rennen sind Michelle Bachelet aus Chile, Rafael Grossi aus Argentinien, Rebeca Grynspan aus Costa Rica und Macky Sall aus Senegal. Die Debatte zeigte, wie stark die Nachfolge von António Guterres von Reformdruck, Finanzkrise, Friedenssicherung und der Rolle Afrikas geprägt ist.
Vier Kandidaten treten vor die UN-Mitgliedstaaten
Die öffentlichen Dialoge wurden von Annalena Baerbock, Präsidentin der UN-Generalversammlung, organisiert. Jede Kandidatin und jeder Kandidat stellte sich über drei Stunden Fragen von Mitgliedstaaten und zivilgesellschaftlichen Organisationen. Bachelet und Grossi traten am 21. April auf, Grynspan und Sall folgten am 22. April.
Der nächste Generalsekretär oder die nächste Generalsekretärin soll am 1. Januar 2027 antreten. Guterres’ zweite Amtszeit endet am 31. Dezember 2026. Die Auswahl liegt formal bei der Generalversammlung, doch der Sicherheitsrat empfiehlt die Person. Die fünf ständigen Mitglieder China, Frankreich, Großbritannien, Russland und die USA können jede Kandidatur politisch blockieren.
Die Vereinten Nationen hatten Mitgliedstaaten aufgefordert, Kandidatinnen und Kandidaten bis zum 1. April 2026 zu nominieren. Der Sicherheitsrat soll sich voraussichtlich ab Ende Juli hinter verschlossenen Türen mit den Bewerbungen befassen. Die Generalversammlung soll die Ernennung später im Jahr formalisieren.
Reformdruck bestimmt die Debatte
Alle vier Bewerber stellten Reformen der Vereinten Nationen ins Zentrum ihrer Auftritte. Die Organisation steht unter finanziellen Einschränkungen, während Kriege, Klimakrisen, Entwicklungsfragen und humanitäre Notlagen zugleich mehr internationale Abstimmung verlangen.
Bachelet, frühere Präsidentin Chiles und ehemalige UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, sprach über die drei Säulen der Vereinten Nationen: Frieden und Sicherheit, Entwicklung und Menschenrechte. Sie warnte davor, Entwicklung oder Menschenrechte unter dem Druck von Einsparungen auszuhöhlen. Zugleich versprach sie, Doppelstrukturen abzubauen, Finanztransparenz zu erhöhen und die Reforminitiative UN80 fortzuführen.

Grossi, Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde, stellte seine Arbeit in Wien als Erfahrung für Krisendiplomatie dar. Er verwies auf Einsätze der IAEA in Konfliktgebieten und kündigte an, im Fall einer Wahl den Reformprozess dort fortzusetzen, wo die Generalversammlung ihn im Herbst 2026 weiterführt. Zudem sprach er von einem ständigen Austausch mit dem Sicherheitsrat bei Fragen von Frieden und Sicherheit.
Afrika-Fragen gewinnen Gewicht
Afrika spielte in mehreren Teilen der Dialoge eine sichtbare Rolle. Bachelet versprach, sich mit den Vermittlungsmöglichkeiten des Generalsekretärsamts für eine Reform des Sicherheitsrats einzusetzen, darunter eine bessere Vertretung Afrikas und anderer unterrepräsentierter Regionen. Grossi kündigte an, die institutionelle Zusammenarbeit zwischen den Vereinten Nationen und der Afrikanischen Union zu vertiefen.

Grynspan wurde mit der Finanzierung afrikanischer Friedenseinsätze konfrontiert. Mali sprach im Namen der Afrikanischen Gruppe die Umsetzung der Resolution 2719 des Sicherheitsrats an. Sie schafft einen Rahmen, damit von der Afrikanischen Union geführte Friedenseinsätze Zugang zu Pflichtbeiträgen der Vereinten Nationen erhalten können. Grynspan sagte, Reformen dürften nicht zulasten besonders verletzlicher Staaten gehen.
Macky Sall rückte die Afrikanische Union ebenfalls in den Mittelpunkt. Der frühere Präsident Senegals versprach, eng an der Umsetzung von Resolution 2719 zu arbeiten. Er sagte, die Vereinten Nationen hätten kein Monopol auf Friedenssicherung. Regionale Organisationen hätten eigene Fähigkeiten aufgebaut und bräuchten dafür ausreichende Mittel.
Macky Sall sucht Unterstützung ohne geschlossene afrikanische Rückendeckung
Sall ist bisher der einzige afrikanische Kandidat im Feld. Burundi unterstützt seine Bewerbung. Sein Versuch, eine formelle Unterstützung der Afrikanischen Union zu erhalten, blieb jedoch ohne Erfolg. Damit geht Sall in das Rennen ohne ein geschlossenes Mandat des Kontinents, auf dem er seine außenpolitische Erfahrung besonders herausstellt.
Vor der Generalversammlung präsentierte sich Sall als Vermittler zwischen Regionen und politischen Lagern. Er verwies auf seine Regierungszeit in Senegal und seinen Vorsitz der Afrikanischen Union. Als Generalsekretär wolle er auf Frühwarnung, Mediation und die Zusammenarbeit mit regionalen Organisationen setzen.
Sall kündigte zudem an, im Fall einer Wahl eine Frau aus dem Norden zur stellvertretenden Generalsekretärin zu ernennen. Bei der internen Reform der Vereinten Nationen sprach er sich für weniger Doppelstrukturen und eine genauere Prüfung von Ausgaben aus. Erst danach könne die Organisation von Mitgliedstaaten glaubwürdig verlangen, ihre Beiträge vollständig zu zahlen.
Grynspan setzt auf Umsetzung statt neue Versprechen
Rebeca Grynspan, frühere Vizepräsidentin Costa Ricas und Leiterin der UN-Organisation für Handel und Entwicklung, stellte die Wiederherstellung von Vertrauen in die Vereinten Nationen in den Mittelpunkt. Sie verwies auf ihre Rolle bei der Aushandlung des Schwarzmeer-Getreideabkommens von 2022 zwischen den Vereinten Nationen, der Ukraine, Russland und der Türkei.
„Ich habe viele Neins durchquert, bis ich ein Ja gehört habe“, sagte Grynspan über die Verhandlungen. Das Abkommen ermöglichte ukrainische Getreideexporte über das Schwarze Meer, bevor Russland im Juli 2023 ausstieg.

Grynspan versprach, das Büro des Generalsekretärs neu zu strukturieren. Außerdem wolle sie die Planungsarbeit der Abteilung für politische und friedenskonsolidierende Angelegenheiten und der Abteilung für Friedensmissionen besser zusammenführen. Ihr Ziel beschrieb sie mit den Worten, sie wolle eine „Generalsekretärin der Umsetzung“ sein.
Frauenfrage bleibt Teil des Rennens
Die Vereinten Nationen hatten seit ihrer Gründung neun Generalsekretäre, aber noch nie eine Generalsekretärin. Mitgliedstaaten werden zur Nominierung von Frauen ermutigt, Geschlecht ist jedoch kein formales Auswahlkriterium.
Mit Bachelet und Grynspan bewerben sich zwei Frauen aus Lateinamerika. Grossi und Sall verwiesen in ihren Auftritten ebenfalls auf Gleichstellung. Grossi sagte, der Frauenanteil in der IAEA habe sich unter seiner Leitung von 28 auf 53 Prozent erhöht. Sall kündigte für seine mögliche Führungsspitze eine Frau als Stellvertreterin an.
Sicherheitsrat entscheidet über die politische Durchsetzbarkeit
Die öffentlichen Dialoge geben Mitgliedstaaten und Zivilgesellschaft mehr Einblick in die Kandidaturen. Die entscheidende Hürde bleibt der Sicherheitsrat. Eine Kandidatur braucht dort Mehrheit und darf von keinem der fünf ständigen Mitglieder blockiert werden. Danach ernennt die Generalversammlung die vorgeschlagene Person.
Die vier Bewerbungen stehen damit in einem Verfahren, das Transparenz und Machtpolitik verbindet. Die Dialoge machten die programmatischen Unterschiede sichtbar: Bachelet betont Menschenrechte und Entwicklungsfragen, Grossi Krisenmanagement und institutionelle Führung, Grynspan Umsetzung und Reformsteuerung, Sall regionale Vermittlung und die stärkere Rolle Afrikas in der Friedenssicherung.

