Nur knapp zwei Jahre nach dem Ende der militärischen Zusammenarbeit nähert sich der Tschad Frankreich sicherheitspolitisch wieder an. Am 20. August bezeichnete Regierungssprecher Gassim Chérif Mahamat Frankreich öffentlich als „Verbündeten“ und wichtigen langjährigen Partner. Nach einer Analyse des Institute for Security Studies sind bereits wieder französische Kräfte im Tschad stationiert, während Paris und N’Djamena über eine deutlich verkleinerte Militärpräsenz zusammenarbeiten. Noch im November 2024 hatte der Tschad die jahrzehntelange Verteidigungskooperation mit der früheren Kolonialmacht beendet.
Regierung: Beziehungen zu Frankreich sind wieder gut
Tschads Kommunikationsminister und Regierungssprecher Gassim Chérif Mahamat äußerte sich in einem Interview mit TV5 Monde ungewöhnlich deutlich zum Verhältnis zwischen N’Djamena und Paris.
„Unsere Beziehungen zu Frankreich sind ausgezeichnet. Frankreich ist ein Verbündeter und ein sehr alter und wichtiger Partner für uns“, erklärte Mahamat.
Er verwies dabei auf die historischen, sprachlichen und kulturellen Verbindungen zwischen beiden Ländern sowie auf die fortgesetzte Zusammenarbeit in mehreren Bereichen.
Damit schlägt die Regierung öffentlich einen anderen Ton an als Ende 2024. Damals kündigte N’Djamena überraschend die militärischen Kooperationsvereinbarungen mit Paris. Die Entscheidung wurde als Ausdruck einer eigenständigeren Außen- und Sicherheitspolitik dargestellt.
Nach Einschätzung des südafrikanischen Institute for Security Studies, ISS, deutet seit März 2026 jedoch immer mehr auf eine Wiederbelebung der militärischen Beziehungen hin.
Französische Kräfte offenbar wieder im Tschad
Frankreich verfolgt bei der erneuten Annäherung offenbar ein deutlich zurückhaltenderes Modell als in früheren Jahrzehnten.
Französische Soldaten befinden sich bereits wieder im Land. Eine umfassende offizielle Ankündigung der neuen Militärkooperation durch Paris oder N’Djamena gibt es bislang nicht.
Das Institut verweist auf Pläne für ein französisches Verbindungsdetachement mit rund 600 Soldaten. Vor dem Abzug waren etwa 2.300 französische Militärangehörige im Tschad stationiert.

Damit würde die französische Präsenz erheblich kleiner ausfallen als zuvor. Paris verfolgt im Rahmen seiner neuen Afrikastrategie generell das Ziel, Personal und dauerhaft stationierte militärische Ausrüstung auf dem Kontinent zu reduzieren.
Über Jahrzehnte hatte der Tschad für Frankreich eine besondere militärische Bedeutung. Das Land liegt zwischen Zentralafrika, der Sahelzone, Libyen und dem Sudan und diente der französischen Armee als Ausgangspunkt für Operationen in mehreren Teilen der Region.
Frankreich bot mehr als Waffenlieferungen
Die französisch-tschadische Sicherheitskooperation reicht bis in die 1960er-Jahre zurück und ging weit über klassische Waffenlieferungen hinaus.
Frankreich bildete zahlreiche tschadische Offiziere aus und stellte unter anderem Waffen, gepanzerte Fahrzeuge, Kommunikationsausrüstung und logistische Unterstützung bereit. Hinzu kamen Fähigkeiten zur Aufklärung und Überwachung des großen tschadischen Staatsgebiets.
Französische Streitkräfte griffen in der Vergangenheit auch unmittelbar militärisch ein. Paris unterstützte Regierungen in N’Djamena zudem diplomatisch und politisch.
Tschad setzte auf Türkei, Emirate und Russland
Die Zusammenarbeit mit der Türkei führte unter anderem zum Erwerb gepanzerter Fahrzeuge und Drohnen sowie zu Ausbildungs- und Unterstützungsleistungen. Auch die Vereinigten Arabischen Emirate bauten ihre Beziehungen zum Tschad aus und lieferten militärische Fahrzeuge und Sicherheitsausrüstung.
Seit 2021 unterzeichneten N’Djamena und Abu Dhabi mehrere Abkommen. Im Juni 2023 kam ein Kooperationspakt im Sicherheitsbereich hinzu.
Auch Ungarn vereinbarte eine wirtschaftliche und militärische Zusammenarbeit mit dem Tschad.
Eine stärkere Partnerschaft mit Russland entwickelte sich dagegen nicht in dem Umfang, den N’Djamena zunächst ausgelotet hatte. Damit unterscheidet sich der Tschad von Mali, Burkina Faso und Niger, die ihre militärischen Beziehungen zu Frankreich weitgehend beendet und gleichzeitig die Sicherheitskooperation mit Moskau erheblich ausgeweitet haben.
Sicherheitsdruck aus Sudan und am Tschadsee
Die erneute Annäherung an Frankreich fällt in eine Phase anhaltender Sicherheitsprobleme.
Im Osten wirkt sich der Krieg im benachbarten Sudan auf den Tschad aus. Im Süden ist mit der Bewegung für Frieden, Wiederaufbau und Fortschritt eine Rebellengruppe aktiv. Gleichzeitig bleibt Boko Haram im Gebiet des Tschadsees eine Bedrohung.
Gerade die Überwachung des weitläufigen Staatsgebiets und die Luftaufklärung gehören zu den Bereichen, in denen Frankreich dem Tschad über Jahrzehnte Fähigkeiten zur Verfügung gestellt hatte.
N’Djamena arbeitet zugleich weiterhin mit seinen Nachbarn gegen bewaffnete Gruppen. Regierungssprecher Mahamat wies Berichte über Spannungen mit Niger zurück und verwies auf die gemeinsame Niger-Tschad-Truppe im Kampf gegen Boko Haram.
„Wir haben keinerlei Problem mit Niger“, sagte der Minister.
Rückkehr Frankreichs könnte Verhältnis zu Sahelstaaten belasten
Die erneute Kooperation mit Paris berührt zugleich das Verhältnis zu Mali, Burkina Faso und Niger.
Alle drei Staaten haben ihre französischen Militärpartner aus dem Land gedrängt und sich in der Allianz der Sahelstaaten zusammengeschlossen. Ihre Außenpolitik wird stark mit Forderungen nach staatlicher Souveränität und der Zurückweisung früherer französischer Einflussstrukturen begründet.
Der Tschad hatte beim Ende der Militärkooperation 2024 ähnliche Argumente verwendet. Auch der Rückzug aus dem Internationalen Strafgerichtshof wurde mit der Betonung nationaler Souveränität begründet.
ISS-Forscher Remadji Hoinathy hält es deshalb für möglich, dass die Sahelstaaten eine erneute französische Militärpräsenz im Tschad mit Misstrauen betrachten. Auch innenpolitisch könne die Annäherung mit dem zuvor vertretenen Souveränitätskurs kollidieren.
Anders als bei der früheren französischen Präsenz soll der Tschad jedoch parallel an seinen Beziehungen zur Türkei, den Vereinigten Arabischen Emiraten und anderen Partnern festhalten. Eine kleinere französische Militärpräsenz würde N’Djamena dabei mehr Spielraum für diese parallelen Sicherheitsbeziehungen lassen.

