Bundeskanzler Friedrich Merz will Deutschlands Abhängigkeit von China bei kritischen Rohstoffen verringern und die Versorgung stärker als Frage der industriellen und technologischen Souveränität behandeln. Am 29. September stellte er diese Linie bei der Eröffnung der Industrieprojekte Power4Steel und Y-SIC im saarländischen Dillingen heraus. Die Stiftung Wissenschaft und Politik sieht Deutschland im weltweiten Wettbewerb um Rohstoffe allein jedoch nicht auf Augenhöhe mit China und den USA. Chancen sieht die SWP vor allem in einer gemeinsamen europäischen Strategie und engeren Partnerschaften mit rohstoffreichen Staaten Afrikas.
Merz verwies in Dillingen besonders auf Siliziumkarbid, das für Hochleistungselektronik und Technologien von erneuerbaren Energien bis zu künstlicher Intelligenz und Robotik benötigt wird. In Europa gebe es derzeit keine nennenswerten Produktionskapazitäten. Die Industrie sei deshalb auf Importe vor allem aus Asien und insbesondere aus China angewiesen.
Das neue Projekt Y-SIC soll in Deutschland eine eigene Produktion von Siliziumkarbid aufbauen. Merz verbindet solche Vorhaben mit einer breiteren Strategie, Lieferketten zu diversifizieren und industrielle Kompetenzen in Europa zu halten. „Wir brauchen europäische Souveränität, und zwar auch in der Versorgung unserer Lieferbeziehungen, auch in der Versorgung mit kritischen Rohstoffen“, sagte der Kanzler.
China bleibt das Nadelöhr vieler Lieferketten
Der politische Kurs trifft auf einen Rohstoffmarkt, in dem China eine Schlüsselstellung nicht nur beim Abbau, sondern vor allem bei der Weiterverarbeitung besitzt. Melanie Müller, Rohstoffexpertin der Stiftung Wissenschaft und Politik, bezeichnet China als ein „Nadelöhr“ globaler Lieferketten. Viele Rohstoffe würden in chinesischen Schmelzen und Raffinerien verarbeitet, bevor sie für die industrielle Produktion in Europa, den USA und anderen Märkten zur Verfügung stehen.
Damit verschiebt sich der Wettbewerb zunehmend von der Frage, wo Rohstoffe gefördert werden, hin zur Kontrolle ganzer Wertschöpfungsketten. Die Europäische Union versucht mit dem Critical Raw Materials Act, ihre Abhängigkeiten zu reduzieren. Bei strategischen Rohstoffen sollen bis 2030 höchstens 65 Prozent des Bedarfs aus einem einzigen Drittstaat stammen.
Die USA verfolgen ebenfalls eine stärkere Diversifizierung. Müller sieht besonders seit der zweiten Präsidentschaft Donald Trumps einen erheblichen Einsatz finanzieller und politischer Ressourcen, um die Abhängigkeit von China zu verringern. Gleichzeitig konkurrieren auch die Golfstaaten um Rohstoffpartnerschaften in Afrika.
Deutschland braucht die europäische Ebene
Für Deutschland setzt dieser Wettbewerb enge Grenzen. „Deutschland alleine kann da nicht mithalten“, sagt Müller. Auf europäischer Ebene sieht sie dagegen Möglichkeiten, eigene Angebote gegenüber rohstoffreichen Staaten aufzubauen. Die EU könne zwar nicht zwangsläufig in einen unmittelbaren Wettbewerb mit China und den USA eintreten, aber attraktive Partnerschaften anbieten.
Eine Schwäche bleibt nach ihrer Einschätzung die Finanzierung. Deutschland, Frankreich und Italien verfügen über eigene Rohstofffonds, hinzu kommen Mittel der Europäischen Investitionsbank. Der EU sei es bislang jedoch nicht gelungen, diese Instrumente ausreichend zu bündeln. Diversifizierte Lieferketten verursachen zudem höhere Kosten für Unternehmen, wenn bisherige Bezugsquellen in China ersetzt werden.
Der Druck reicht über die Rohstoffversorgung hinaus. Kritische Mineralien werden für Batterien, Halbleiter, erneuerbare Energien, digitale Technologien und Rüstungsgüter benötigt. Die EU zählt 17 Rohstoffe als strategisch, deren Versorgung für die grüne Transformation, Digitalisierung, Verteidigung und Raumfahrt von besonderer Bedeutung ist.
Südafrika wird zum Partner im Rohstoff-Wettbewerb
Afrikanische Rohstoffstaaten versuchen zugleich, ihre Position gegenüber den Industrieländern zu verändern. Statt Mineralien lediglich zu fördern und auszuführen, wollen zahlreiche Regierungen mehr Verarbeitung und industrielle Wertschöpfung im eigenen Land aufbauen. Damit verändern sich auch die Bedingungen für europäische Rohstoffpartnerschaften.
Südafrika nimmt dabei eine besondere Stellung ein. Das Land verfügt bereits über eigene Bergbauunternehmen, industrielle Kapazitäten und Erfahrungen bei der Verarbeitung von Rohstoffen. Anders als einige andere afrikanische Staaten setzt Pretoria bislang weniger auf Exportbeschränkungen für unverarbeitete Rohstoffe und stärker auf Investitionen und neue Partnerschaften.
Die Regierung will den Rohstoffsektor nutzen, um der Deindustrialisierung entgegenzuwirken und zusätzliche Arbeitsplätze zu schaffen. Die südafrikanische Industriestrategie von 2026 zählt den Sektor deshalb zu den zentralen Bereichen. Bereits 2025 hatte das zuständige Ministerium eine Strategie für kritische Mineralien und Metalle vorgelegt, die Südafrika zu einem regionalen Zentrum für Schmelzen, Verarbeitung und fortgeschrittene Produktion im südlichen Afrika entwickeln soll.
EU und Südafrika bauen Rohstoffpartnerschaft aus
Die Europäische Union hat darauf bereits reagiert. Am Rande des G20-Gipfels im November 2025 vereinbarten die EU und Südafrika eine Zusammenarbeit bei nachhaltigen Wertschöpfungsketten für Mineralien und Metalle. Sie reicht von Exploration und Abbau über Raffination bis zum Recycling. Ergänzt wird sie durch die Clean Trade and Investment Partnership, die Investitionen und Handel in sauberen Lieferketten erleichtern soll.

Südafrika verhandelt parallel mit mehreren Partnern. Neben der EU führt Pretoria Gespräche mit den USA über Rohstoffprojekte und hat eine gemeinsame Arbeitsgruppe sowie eine Finanzierungsplattform vorgeschlagen. Auch China versucht, seine Position im südafrikanischen Rohstoffsektor auszubauen. Südafrika verfügt nach Einschätzung Müllers jedoch über eine stärkere eigene Verhandlungsposition als mehrere Nachbarstaaten.
Für europäische und deutsche Unternehmen liegt die nächste Hürde in konkreten Projekten. Bergbauunternehmen, Verarbeiter, industrielle Abnehmer und Finanzierer müssen so zusammengebracht werden, dass wirtschaftlich tragfähige Investitionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette entstehen. Viele europäische Unternehmen sind bereits in Südafrika tätig oder unterhalten Geschäftsbeziehungen zu südafrikanischen Partnern.
Südafrika muss zugleich seine Energie- und Transportinfrastruktur weiter ausbauen. Hohe Energiepreise und Engpässe im Transport erschweren insbesondere energieintensive Verarbeitungsschritte. Pretoria stellt bereits eigene Mittel für Exploration, Machbarkeitsstudien und den Aufbau neuer Lieferketten bereit.

