Die Seychellen haben vor der UN-Generalversammlung stärkere internationale Unterstützung für maritime Sicherheit gefordert und davor gewarnt, dass kleine Inselstaaten die wirtschaftlichen Folgen geopolitischer Konflikte mittragen, an denen sie nicht beteiligt sind. Präsident Mathew Antonio Patrick Herminie sprach am Dienstag, 22. September 2026, in New York. Bedrohte Schifffahrtswege, organisierte Kriminalität und illegale Fischerei träfen Staaten mit großen Seegebieten und begrenzten Sicherheitsbudgets besonders stark. Zugleich forderte Herminie zwei ständige afrikanische Sitze im UN-Sicherheitsrat und bezeichnete Klimafinanzierung nicht als Wohltätigkeit, sondern als rechtliche Verpflichtung.
Kleine Inselstaaten tragen die Folgen fremder Konflikte
„Kleine Staaten wie der unsere suchen keinen strategischen Wettbewerb. Wir suchen gemeinsame Lösungen“, sagte Herminie. Die Seychellen hielten deshalb an ihrer außenpolitischen Linie fest, „Freund aller und Feind von niemandem“ zu sein.
Der Präsident wandte sich gegen eine Normalisierung langwieriger Konflikte und gegen die selektive Anwendung des Völkerrechts. Regeln müssten unabhängig davon gelten, welcher Staat betroffen sei.
Besonders sichtbar werde dies auf den Weltmeeren. Werden Schifffahrtswege durch Piraterie, geopolitische Spannungen oder bewaffnete Auseinandersetzungen gefährdet, reichten die wirtschaftlichen Folgen weit über die eigentliche Konfliktregion hinaus.
„Kleine und verletzliche Staaten sollten niemals die wirtschaftlichen Kollateralkosten von Konflikten tragen, an denen sie keinen Anteil haben“, sagte Herminie.
Für die Seychellen sind sichere Seewege eng mit Handel, Versorgung und der eigenen wirtschaftlichen Stabilität verbunden. Der Inselstaat liegt im westlichen Indischen Ozean und kontrolliert ein Seegebiet, das seine Landfläche um ein Vielfaches übersteigt.
Mehr Überwachung und Geheimdienstkooperation gefordert
Neben militärischen und geopolitischen Risiken nannte Herminie grenzüberschreitende organisierte Kriminalität, Drogenhandel sowie illegale, nicht gemeldete und unregulierte Fischerei als unmittelbare Bedrohungen.
Diese Aktivitäten beschädigten marine Ökosysteme, belasteten die Sicherheitsbehörden und entzögen der Bevölkerung wirtschaftliche Ressourcen.
Die Antwort müsse deshalb ebenfalls grenzüberschreitend organisiert werden. Herminie forderte einen stärkeren Austausch von Geheimdienstinformationen, zusätzliche maritime Überwachung und praktische Unterstützung für Strafverfolgungsbehörden.
„Es ist unvernünftig, von Staaten, die mit bescheidenen Haushalten riesige Meeresgebiete schützen, dieselben Standards zu erwarten wie von Staaten mit umfangreichen Ressourcen, ohne ihnen die dafür notwendigen Mittel zur Verfügung zu stellen“, sagte er.
Der Präsident fasste die Lage der kleinen Inselstaaten mit den Worten zusammen: „Widerstandsfähigkeit ohne Ressourcen ist keine Widerstandsfähigkeit. Sie ist lediglich Überleben.“
Seychellen unterstützen zwei ständige Sitze für Afrika
Herminie verband die sicherheitspolitischen Forderungen mit der Debatte über die Reform des UN-Sicherheitsrats. Das Gremium könne in internationalen Krisen zu häufig nicht entschlossen handeln und bilde in seiner heutigen Zusammensetzung weiterhin die Machtverhältnisse einer vergangenen Epoche ab.
Eine Reform sei daher „keine Frage politischer Zweckmäßigkeit mehr“, sondern betreffe die institutionelle Legitimität und Funktionsfähigkeit des Rates.

Die Seychellen bekräftigten ausdrücklich die gemeinsame Position der Afrikanischen Union. Afrika müsse mindestens zwei ständige Sitze erhalten. Solange das Vetorecht der bestehenden fünf ständigen Mitglieder fortbestehe, müssten auch die afrikanischen Mitglieder mit denselben Befugnissen ausgestattet werden.
Herminie stellte diese Forderung in den Zusammenhang des 50. Jahrestages der Unabhängigkeit seines Landes. Die vergangenen fünf Jahrzehnte hätten gezeigt, dass weder Größe noch geografische Lage den Anspruch eines Staates auf Souveränität und Gleichberechtigung minderten.
Klimafinanzierung soll als Verpflichtung gelten
Noch unmittelbarer beschrieb Herminie die Folgen des Klimawandels. Für die Seychellen sei die Klimakrise keine zukünftige Bedrohung, sondern bereits Teil des täglichen Lebens.
Steigende Meeresspiegel bedrohten Infrastruktur, Küstengebiete, wirtschaftliche Lebensgrundlagen und langfristig das Staatsgebiet selbst.
„Die Wissenschaft ist eindeutig. Die Ziele sind klar. Was fehlt, sind politischer Wille und Umsetzung“, sagte Herminie.
Vor allem die größten Emittenten müssten ihre Anstrengungen erhöhen. Zugleich müssten alle Staaten entsprechend ihrer Verantwortung und wirtschaftlichen Möglichkeiten handeln.
Die Seychellen begrüßten in diesem Zusammenhang das Gutachten des Internationalen Gerichtshofs zum Klimawandel. Herminie leitete daraus eine weitreichende Forderung ab: Emissionsminderung, Anpassung, Technologietransfer sowie Mittel für klimabedingte Verluste und Schäden seien „keine Akte der Wohltätigkeit“.
„Es sind rechtliche Verpflichtungen“, sagte der Präsident.
Schutz der Ozeane ist wirtschaftliche Notwendigkeit
Herminie verband die Klimapolitik eng mit dem Schutz der Meere. „Unser Überleben ist untrennbar mit der Gesundheit des Ozeans verbunden. Der Schutz unserer Meeresumwelt ist eine wirtschaftliche Notwendigkeit“, erklärte er.
Die Seychellen gehören zu den frühen Vertragsstaaten des internationalen BBNJ-Abkommens zum Schutz der biologischen Vielfalt in Meeresgebieten außerhalb nationaler Hoheitsgewalt.
Herminie rief weitere UN-Mitgliedstaaten dazu auf, ihre Ratifizierung abzuschließen. Sein Land erwarte die erste Vertragsstaatenkonferenz des Abkommens als nächsten Schritt beim Schutz der Hochsee.
Die maritime Agenda der Seychellen umfasst damit sowohl Sicherheit als auch Fischerei, Biodiversität, Handel und Klimaanpassung.
Inselstaaten verlangen anderes Finanzierungsmodell
Der Präsident kritisierte zugleich die Bedingungen, unter denen kleine Inselentwicklungsländer Zugang zu internationaler Finanzierung erhalten.
Eine Bewertung allein anhand des Bruttoinlandsprodukts pro Einwohner erfasse nicht, wie stark kleine Inselstaaten Klimaschocks, geografischer Isolation und hohen Infrastrukturkosten ausgesetzt seien.
Die Seychellen forderten deshalb erschwingliche und langfristige Finanzierung, Schuldenerleichterungen und die vollständige Anwendung des sogenannten multidimensionalen Vulnerabilitätsindex. Dieser soll neben wirtschaftlichen Kennzahlen auch strukturelle Verwundbarkeiten von Staaten berücksichtigen.
Schuldentragfähigkeit sei für kleine Inselstaaten keine rein finanzpolitische Frage, sondern „eine Angelegenheit nationalen Überlebens“, sagte Herminie.
UN soll zentrale Rolle bei globaler KI-Regulierung spielen
Auch bei künstlicher Intelligenz warnte der Präsident vor einer wachsenden Kluft zwischen reichen und ressourcenarmen Staaten.
Neue Technologien könnten Entwicklung und die Überwachung der Ozeane erleichtern. Gleichzeitig könnten sie Ungleichheiten verschärfen und neue Möglichkeiten für Cyberkriminalität und moderne Kriegsführung schaffen.
Die Seychellen forderten deshalb eine internationale digitale Ordnung, die sich an Menschenrechten, ethischen Standards und dem Völkerrecht orientiert. Die Vereinten Nationen sollten dabei eine zentrale Rolle übernehmen.
Herminie verband damit dieselbe Grundforderung wie bei Sicherheit, Klima und Finanzierung: Kleine Staaten dürften nicht nur die Folgen internationaler Entscheidungen tragen, sondern müssten an deren Gestaltung beteiligt werden.
„Unsere Stimme, unsere Souveränität und unsere Bestrebungen werden niemals an unserer Größe auf einer Landkarte gemessen“, sagte der Präsident.

