Marokkos neue Premierministerin Fatima Ezzahra El Mansouri hat ein Regierungsprogramm vorgestellt, das höhere Sozialleistungen, Steuerentlastungen, eine Rentenreform und umfangreiche Investitionen in Arbeitsplätze, Energie und Infrastruktur vorsieht. Am 19. Oktober 2026 präsentierte sie die politische Agenda für die Legislaturperiode 2026 bis 2031 vor beiden Kammern des Parlaments in Rabat. Die Regierung strebt ein jährliches Wirtschaftswachstum von durchschnittlich fünf Prozent an und will gleichzeitig die Inflation auf höchstens zwei Prozent begrenzen. Im Zentrum stehen die Kaufkraft der Bevölkerung, die hohe Jugendarbeitslosigkeit und die wirtschaftliche Eigenständigkeit des Landes.
Regierung will Sozialhilfe verdoppeln und Stromkosten senken
El Mansouri kündigte eine Reihe konkreter Maßnahmen an, mit denen ihre Regierung die finanzielle Belastung privater Haushalte verringern will.
Die direkte Sozialhilfe soll bis zum Ende der Legislaturperiode von derzeit 500 auf 1.000 Dirham erhöht und damit verdoppelt werden. Künftig soll das tatsächliche Haushaltseinkommen stärker darüber entscheiden, wer Anspruch auf Unterstützung hat.
Für berechtigte Haushalte ist zudem ein automatischer Zuschuss zur Stromrechnung vorgesehen. Liegt die monatliche Rechnung für den Hauptwohnsitz bei höchstens 100 Dirham, soll der entsprechende Betrag ohne gesonderten Antrag übernommen werden.
Eine schrittweise Reform der Einkommensteuer soll das Nettoeinkommen abhängig Beschäftigter erhöhen und zugleich reguläre, angemeldete Arbeitsverhältnisse fördern.
Auch bei den Lebensmittelpreisen will die Regierung eingreifen. Sie plant regionale Gesellschaften und Vermarktungsplattformen, über die landwirtschaftliche Erzeugnisse gebündelt und näher an die Verbraucher gebracht werden sollen.
Besonders bei Fleisch und Fisch sollen Vertriebswege reformiert werden. Außerdem will die Regierung die Versorgung des heimischen Marktes stärker mit dem Export landwirtschaftlicher Produkte abstimmen.

„Wir wollen von der Ausweitung des Sozialschutzes zur Qualität der Leistungen übergehen, vom Umfang der Investitionen zu ihrem Ertrag und von der Vielzahl der Programme zu ihrer Abstimmung und tatsächlichen Wirkung“, erklärte El Mansouri.
Renten sollen steigen – Witwen künftig volle Hinterbliebenenrente erhalten
Eine umfassende Rentenreform gehört zu den zentralen sozialpolitischen Vorhaben der neuen Regierung.
Die monatliche Mindestrente in den bestehenden Systemen soll schrittweise auf 3.000 Dirham steigen. Gleichzeitig kündigte El Mansouri an, Hinterbliebenenrenten für Witwen künftig auf 100 Prozent der maßgeblichen Rente des verstorbenen Ehemannes zu erhöhen.Bislang liegt der entsprechende Anteil bei 50 Prozent.
Die Regierung will die verschiedenen Rentensysteme außerdem stärker aufeinander abstimmen und Menschen einbeziehen, die bisher nicht über eine ausreichende Altersabsicherung verfügen.
El Mansouri betonte, eine Rentenreform dürfe sich nicht auf die Anhebung des Renteneintrittsalters oder veränderte Beitragssätze beschränken. Vielmehr müssten die Leistungsfähigkeit, die Finanzierung und die soziale Absicherung insgesamt verbessert werden.
Die Umsetzung soll in Abstimmung mit den Sozialpartnern erfolgen.
2,9 Millionen junge Menschen ohne Arbeit oder Ausbildung
Besonderen Handlungsbedarf sieht die neue Regierung bei der Beschäftigung junger Menschen.
Nach den von El Mansouri vorgestellten Zahlen befinden sich rund 2,9 Millionen Marokkaner zwischen 15 und 29 Jahren weder in Beschäftigung noch in schulischer oder beruflicher Ausbildung. Die Arbeitslosenquote der 15- bis 24-Jährigen liegt bei 29,2 Prozent.
Zugleich verlassen jährlich rund 300.000 Schülerinnen und Schüler das Bildungssystem ohne ausreichende Qualifikation.
Ab 2027 soll deshalb ein nationales Programm den Übergang in Ausbildung und Beschäftigung erleichtern. Vorgesehen sind die berufliche Qualifizierung von jährlich 100.000 jungen Menschen und die Vermittlung erster praktischer Berufserfahrungen für weitere rund 100.000 Personen pro Jahr.
Die Kapazitäten für praxisorientierte Berufsausbildung sollen auf jährlich 150.000 bis 200.000 Plätze steigen.
Zusätzlich will die Regierung 60.000 Unternehmen bei ihrer Entwicklung unterstützen. Geplant sind bessere Finanzierungsmöglichkeiten, staatliche Garantien und ein erleichterter Zugang zu öffentlichen Aufträgen.
El Mansouri kündigte auch Vereinbarungen mit ausländischen Partnerstaaten über legale Arbeitsmigration an. Sie sollen jungen Marokkanern den Zugang zu Berufen ermöglichen, für die in anderen Ländern Arbeitskräfte gesucht werden.
Ein neuer Mobilitätspass soll zudem Menschen unterstützen, die außerhalb ihrer Heimatregion eine Beschäftigung finden. Ergänzend sind bezahlbare Mietwohnungen für Arbeitskräfte vorgesehen.
Mehr Investitionen in Schulen, Krankenhäuser und Wohnraum
Das Regierungsprogramm verbindet die Arbeitsmarktpolitik mit Reformen im Bildungs- und Gesundheitswesen.
Bis 2031 sollen mindestens 80 Prozent der Schülerinnen und Schüler die grundlegenden schulischen Kompetenzen beherrschen. Die Regierung will dafür bestehende Reformschulen ausbauen, regelmäßige Lernstandserhebungen einführen und individuelle Förderangebote stärken.
Bis 2030 strebt sie außerdem an, Schulabbrüche vollständig zu verhindern. Jugendliche, die das Bildungssystem dennoch verlassen, sollen möglichst früh erkannt und gezielt in Schulen, Berufsausbildungen oder alternative Qualifizierungsangebote vermittelt werden.
Im Gesundheitswesen stehen die medizinische Versorgung außerhalb der größeren Städte, die Notfallmedizin und die Organisation von Patientenbehandlungen im Vordergrund. Geplant sind ein landesweit einheitliches Gesundheitsinformationssystem und Verbesserungen bei der Versorgung in öffentlichen Einrichtungen.
Auch der Wohnungsbau soll neu ausgerichtet werden. Neben der Förderung von Wohneigentum will die Regierung ein nationales Angebot an Mietwohnungen aufbauen und Wohngebiete stärker mit Arbeitsplätzen, öffentlichen Verkehrsmitteln und Dienstleistungen verbinden.
Für den ländlichen Raum ist die Sanierung oder Errichtung von 100.000 Wohnungen während der Legislaturperiode vorgesehen. Berechtigte Haushalte sollen dabei direkte finanzielle Unterstützung und kostenlose technische Beratung erhalten.
Erneuerbare Energien sollen bis 2030 mehr als 52 Prozent erreichen
Marokko will seinen Energiesektor weiter ausbauen und die Abhängigkeit von Energieimporten verringern.
Nach dem Regierungsprogramm soll der Anteil erneuerbarer Energien am Energiemix bis 2030 auf mehr als 52 Prozent steigen. Zu den wichtigsten Vorhaben gehören neue Projekte zur Erzeugung grünen Wasserstoffs und der schrittweise Ausbau der Gasinfrastruktur.
Parallel will die Regierung den Energieverbrauch durch Effizienzmaßnahmen begrenzen.
Auch die Wasserversorgung erhält einen hohen Stellenwert. Marokko leidet seit Jahren unter Trockenperioden und einer zunehmenden Belastung seiner Wasserressourcen.
El Mansouri kündigte den weiteren Bau von Staudämmen sowie eine beschleunigte Errichtung von Meerwasserentsalzungsanlagen an. Bis 2031 soll durch Entsalzung eine Wassermenge von 1,8 Milliarden Kubikmetern mobilisiert werden können.
Ergänzend sind Wassertransfers zwischen Regionen und Einzugsgebieten vorgesehen, sofern dadurch die Wasserhaushalte der betroffenen Gebiete nicht beeinträchtigt werden.
Ein neuer nationaler Wasserplan soll die langfristige Versorgung von Bevölkerung, Landwirtschaft und Industrie sichern.
Marokko plant eigene Rüstungsindustrie und neue Handelswege nach Afrika
Auch die Industriepolitik soll stärker auf strategische Eigenständigkeit ausgerichtet werden.
Die Regierung kündigte den Aufbau einer nationalen industriellen und technologischen Basis für den Verteidigungssektor an. Dafür sollen rechtliche Rahmenbedingungen verbessert und Investitionsanreize geschaffen werden.
Zudem will Marokko eine leistungsfähigere nationale Handelsflotte aufbauen und große Hafenprojekte sowie die dazugehörigen Industrie- und Logistikzonen beschleunigen.
Die Regierung setzt dabei auch auf die afrikanischen und atlantischen Initiativen von König Mohammed VI. Vorgesehen ist die Entwicklung neuer Seehandels-, Transport- und Energiekorridore, die Marokkos wirtschaftliche Verbindungen mit anderen afrikanischen Staaten stärken sollen.
El Mansouri stellte zugleich die Nähe zu europäischen Märkten, die industriellen Kapazitäten Marokkos und die Verbindungen nach Afrika als Standortvorteile heraus.
Im Bereich der Digitalisierung plant die Regierung einen nationalen Mechanismus für Cybersicherheit, einen besseren Internetzugang in abgelegenen Regionen sowie einen rechtlichen Rahmen für die verantwortungsvolle Nutzung künstlicher Intelligenz.
Fünf Prozent Wachstum bei begrenzter Inflation
Wirtschaftspolitisch hat sich die neue Regierung mehrere konkrete Ziele bis 2031 gesetzt.
Das Bruttoinlandsprodukt soll zwischen 2027 und 2031 im Durchschnitt um fünf Prozent jährlich wachsen. Die Inflation soll auf höchstens zwei Prozent begrenzt werden.
Das jährliche Haushaltsdefizit will die Regierung bei ungefähr drei Prozent der Wirtschaftsleistung halten. Die öffentliche Verschuldung soll bis 2031 auf rund 62 Prozent des Bruttoinlandsprodukts sinken.
Ein größerer Teil der Investitionen soll künftig von privaten Unternehmen kommen. Ihr Anteil an den gesamten nationalen Investitionen soll auf zwei Drittel steigen.
Dazu will die Regierung den Zugang zu Bankkrediten und alternativen Finanzierungsmöglichkeiten verbessern, Investitionsvorhaben beschleunigen und regionale Investitionszentren reformieren.
Auch der Tourismus bleibt ein Schwerpunkt. Bis 2030 soll Marokko jährlich 26 Millionen Besucher erreichen.
Mehr Geld für Regionen und härtere Regeln gegen Korruption
El Mansouri kündigte an, den Regionen künftig deutlich mehr finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen. Ab 2027 sollen die staatlichen Zuweisungen an die Regionen mindestens zwölf Milliarden Dirham erreichen.
Zwischen Zentralregierung und Regionalverwaltungen sind zusätzliche Programmverträge vorgesehen, die konkrete Ziele für Beschäftigung, Investitionen und den Abbau regionaler Unterschiede festlegen.
Gleichzeitig soll die staatliche Verwaltung dezentralisiert werden, damit regionale Institutionen mehr Verantwortung bei der Umsetzung wirtschaftlicher und sozialer Projekte übernehmen.
Im Kampf gegen Korruption will die Regierung unerlaubte Bereicherung strafrechtlich erfassen und Interessenkonflikte stärker sanktionieren. Auch die Kontrolle öffentlicher Ausschreibungen soll verschärft werden.
Gemeinsam mit dem marokkanischen Wettbewerbsrat sollen Instrumente gegen Monopole und missbräuchliche Vermittlungspraktiken entwickelt werden.
Bei öffentlichen Aufträgen kündigte die Premierministerin zudem Maßnahmen zur Förderung kleiner und mittlerer marokkanischer Unternehmen an. Auftragnehmer sollen verpflichtet werden, einen Anteil von 30 Prozent des Auftragswerts an entsprechende Unternehmen weiterzugeben.
El Mansouri bat beide Parlamentskammern um Vertrauen für ihr Regierungsprogramm. Sie erklärte, ihre Regierung wolle mit der parlamentarischen Mehrheit, der Opposition, den Sozialpartnern und der Zivilgesellschaft zusammenarbeiten.

