Malis Übergangsregierung steht nach koordinierten Angriffen auf zentrale Militärstandorte unter massivem Druck. Seit Samstag, 25. April 2026, kam es in Bamako, Kati, Kidal, Gao, Mopti und Sévaré zu schweren Kämpfen. Verteidigungsminister Sadio Camara wurde bei einem Angriff auf seine Residenz in Kati getötet. Übergangspräsident Assimi Goïta ist seit Beginn der Angriffe nicht öffentlich aufgetreten.
Rebellen melden Kontrolle über Kidal
Der Front de libération de l’Azawad hat nach den Angriffen die Kontrolle über Kidal im Norden Malis für sich reklamiert. Die Tuareg-Rebellen erklärten, ihre Kräfte kontrollierten die gesamte Stadt und gingen weiter gegen Einheiten vor, die sich in Bunkern des früheren MINUSMA- und Barkhane-Camps verschanzt hätten. Videos auf X zeigten wie russische Söldner freies Geleit zum Verlassen der Basis gewährt wurde.
Auch aus Gao meldete der FLA eine Präsenz innerhalb der Stadt. Unabhängige Bestätigungen für diese Angaben lagen zunächst nicht vor. Die malische Armee erklärte, die Lage sei unter Kontrolle.

Kidal hat für Mali eine besondere militärische und politische Bedeutung. Die Armee hatte die Stadt im November 2023 von den Rebellen zurückerobert. Eine erneute Einnahme durch den FLA würde die Kontrolle der Übergangsregierung im Norden offen infrage stellen.
Verteidigungsminister stirbt bei Angriff auf Kati
Die schwersten Angriffe trafen Kati, eine Garnisonsstadt rund 15 Kilometer von Bamako entfernt. Kati gilt als Machtzentrum der malischen Militärführung. Dort wurde Verteidigungsminister Sadio Camara bei einem Angriff auf seine Residenz tödlich verletzt.

Die Regierung erklärte am Sonntagabend, ein mit Sprengstoff beladenes Fahrzeug sei von einem Selbstmordattentäter gegen die Residenz gesteuert worden. Bei den anschließenden Kämpfen seien Angreifer neutralisiert worden. Camara wurde nach Regierungsangaben verletzt in ein Krankenhaus gebracht und starb dort.
Der Einsturz seiner Residenz forderte weitere Opfer. Eine nahe gelegene Moschee wurde ebenfalls zerstört, dabei kamen Gläubige ums Leben. Die Behörden ordneten ein zweitägiges nationales Trauerprogramm und ein Staatsbegräbnis für Camara an.
Camara war einer der wichtigsten Männer der malischen Übergangsregierung. Sein Tod trifft die Militärführung in einem Moment, in dem sie sich seit Jahren als Garant staatlicher Kontrolle und innerer Sicherheit präsentiert.
Goïta bleibt öffentlich unsichtbar
Übergangspräsident Assimi Goïta hat seit Beginn der Angriffe nicht öffentlich gesprochen. Die Regierung verweist in ihrer Kommunikation weiter auf seine Autorität als Staatschef und oberster Befehlshaber der Streitkräfte. Ein öffentliches Auftreten oder eine Ansprache an die Bevölkerung gab es zunächst nicht.

Diese Abwesenheit verschärft die Unsicherheit in Bamako und Kati. Nach zwei Tagen intensiver Kämpfe herrschte dort am Montagmorgen eine angespannte Ruhe. In Kati waren ausgebrannte Fahrzeuge und Einschusslöcher zu sehen. In der Umgebung des Flughafens Sénou kreisten Militärflugzeuge in regelmäßigen Abständen. Gerüchten zufolge könne der Vizepräsident der Übergangsregierung Malick Diaw den Präsidenten bald ersetzen.
Ein Offizier erklärte gegenüber der Nachrichtenagentur AFP, Sicherheitskräfte hätten die ganze Nacht Durchsuchungen durchgeführt und Kontrollpunkte teilweise entlastet. Die Bevölkerung solle verdächtige Personen melden.
Armee meldet mehr als 200 getötete Angreifer
Generalstabschef Oumar Diarra erklärte, die malischen Streitkräfte hätten mehr als 200 Terroristen getötet und umfangreiche militärische Ausrüstung beschlagnahmt. Die Angriffe hätten mehr als 20 Orte im Land betroffen.
Diarra sprach von einer angemessenen und verhältnismäßigen Reaktion der Armee. Die Sicherheitskräfte hätten in nahezu allen betroffenen Orten Operationen geführt. Zugleich warnte er, bewaffnete Gruppen nutzten inzwischen Militäruniformen, um sich unter die Zivilbevölkerung zu mischen und sich in der Nähe von Städten und Dörfern zu versorgen.

Die malische Regierung beschreibt die Angriffe nicht als einzelne Terrorakte, sondern als Versuch, die Institutionen der Übergangsordnung zu zerschlagen und den politischen Prozess zu beenden. Sie macht bewaffnete Gruppen und nicht näher benannte ausländische Unterstützer verantwortlich.
Jihadisten und Tuareg-Rebellen greifen gemeinsam an
Die Angriffe wurden dem Groupe de soutien à l’islam et aux musulmans und dem Front de libération de l’Azawad zugeschrieben. Der JNIM ist mit Al-Qaida verbunden. Der FLA steht für die separatistische Tuareg-Rebellion im Norden Malis. Außerdem werden weitere unterstützende Akteure wie die Polisario mit den Angriffen in Verbindung gebracht.
Die Allianz der Sahelstaaten verurteilte die Angriffe scharf. Burkina Fasos Präsident Ibrahim Traoré sprach als amtierender Vorsitzender der Staatenkonferenz der Allianz von einem „monströsen Komplott“, das von Gegnern des souveränistischen Kurses im Sahel unterstützt werde.
Russlands Sicherheitsversprechen gerät unter Druck
Die Angriffe treffen auch die russische Rolle in Mali. Die Übergangsregierung hat ihre Sicherheitspolitik seit dem Bruch mit Frankreich und westlichen Partnern eng an Moskau ausgerichtet. Russische Militärberater und Sicherheitsstrukturen wurden zum sichtbaren Teil der neuen Machtarchitektur in Bamako.
Der Tod des Verteidigungsministers, die Angriffe auf Kati und die von Rebellen beanspruchte Kontrolle über Kidal beschädigen die Grundlage dieser Partnerschaft: das Versprechen, die malische Armee könne mit russischer Unterstützung verlorene Gebiete sichern und staatliche Autorität wiederherstellen.

Für Moskau ist Mali ein Schlüsselstaat im Sahel. Russland hat seinen Einfluss in der Region vor allem über Sicherheitskooperationen, militärische Beratung und die Unterstützung von Übergangsregierungen ausgebaut. Wenn zentrale Militärstandorte fallen oder umkämpft bleiben, verliert dieses Modell an politischer Wirkung.
Sahel-Strategie vor neuer Belastungsprobe
Mali ist seit 2012 von jihadistischer Gewalt, separatistischen Konflikten und staatlicher Instabilität geprägt. Die Militärführung übernahm 2020 die Macht und stellte die Bekämpfung bewaffneter Gruppen in den Mittelpunkt ihrer Legitimation.
Die Angriffe vom 25. April treffen nun mehrere Säulen dieser Ordnung zugleich: die militärische Führung in Kati, die Kontrolle über den Norden, die Handlungsfähigkeit der Übergangsregierung und die Glaubwürdigkeit ihrer internationalen Sicherheitsallianzen.
Die Behörden riefen die Bevölkerung zur Ruhe auf. General Diarra warnte vor Gerüchten und Falschinformationen und forderte die Bürger auf, sich an offizielle Mitteilungen des Generalstabs zu halten. Die Armee kündigte an, defensive Positionen in betroffenen und bislang verschonten Gebieten zu verstärken.

