Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat am Donnerstag die französischen Botschafterinnen und Botschafter im Élysée-Palast empfangen. Im Rahmen der „Conférence des ambassadrices et ambassadeurs“ standen am 8. Januar 2026 drei thematische Arbeitssitzungen im Mittelpunkt, die die französische Außenpolitik 2026 strukturieren sollen. Genannt wurden ein Agenda-Block zur europäischen Souveränität, die französische G7-Präsidentschaft mit wirtschafts- und entwicklungspolitischen Schwerpunkten sowie Afrika mit Blick auf den Afrika-Frankreich-Gipfel in Nairobi.
Drei thematische Schwerpunkte für 2026

Die Konferenz der französischen Botschafter war laut offizieller Darstellung um drei Arbeitsformate organisiert, die den diplomatischen Jahresfahrplan abbilden sollen.
Europäische Souveränität als Leitmotiv
Im ersten Themenblock ging es um europäische Souveränität, explizit mit wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Dimensionen. Der Präsident verortete die Debatte in einem internationalen Umfeld, das er als zunehmend von Machtpolitik geprägt beschrieb. In der Rede war von einem „Weltgeschehen, das sich verstellt“ die Rede, verbunden mit der Diagnose schwächer werdender multilateraler Institutionen und einer Tendenz großer Mächte, Einflusszonen und Regeln neu zu definieren.
Als Teil dieser Lagebeschreibung wurden mehrere Akteure benannt: Die USA seien eine etablierte Macht, die sich schrittweise von Teilen ihrer Allianzen entferne und sich in einzelnen Politikfeldern von internationalen Regeln löse. China wurde als wirtschaftlich aufstrebende Macht mit „enthemmter“ Handelsaggressivität beschrieben, die insbesondere die europäische Wirtschaft belaste. Russland wurde als „destabilisierende Macht“ im Kontext des Krieges gegen die Ukraine genannt, ergänzt um Verweise auf Informationsoperationen und weitere Akteure.
G7-Präsidentschaft: Makroökonomische Ungleichgewichte und Entwicklungsfinanzierung

Der zweite Schwerpunkt betraf die französische Präsidentschaft der G7, die laut Rede im Juni 2026 in Evian stattfinden soll. Als Kernziele nannte der Präsident die Reduzierung globaler makroökonomischer Ungleichgewichte sowie Fragen der Finanzierung von Entwicklung und globaler Klimatransition.
Die Argumentation in der Rede ordnete diese Agenda in ein Dreieck globaler Wirtschaftsprobleme ein: US-Doppeldefizite, eine europäische Investitions- und Innovationsschwäche sowie eine chinesische Produktionsstärke bei zugleich zu geringer Binnenkonsumnachfrage. Der Präsident verband diese Diagnose mit dem Ziel, die G7 nicht als Blockbildung gegen China oder die BRICS zu nutzen. Stattdessen solle eine Brücke zu den BRICS gesucht werden, um Fragmentierung zu vermeiden. In diesem Zusammenhang verwies die Rede auf die Rolle Indiens und auf ein Treffen, an dem der indische Außenminister im Élysée teilnahm.
Afrika: Nairobi-Gipfel als politischer Fixpunkt

Der dritte Themenblock war Afrika, ausdrücklich „in der Perspektive des Afrika-Frankreich-Gipfels von Nairobi“. Der Präsident stellte diesen Gipfel als wichtigen Termin im Mai 2026 dar. Er ordnete ihn in eine seit Jahren verfolgte Neujustierung der Afrikapolitik ein, die er als „Partnerschaft auf Augenhöhe“ bezeichnete und auf Veränderungen seit der Rede von Ouagadougou zurückführte.
In der Rede wurde betont, Frankreich habe seine militärische Präsenz auf dem Kontinent umgebaut und Stützpunkte reduziert. Das sei teils als Rückzug gedeutet worden, werde jedoch als Rebalancing beschrieben. Parallel skizzierte der Präsident eine erneuerte militärische Kooperation, die in der Rede als „pertinent“ bezeichnet und unter anderem mit einem Verweis auf Benin konkretisiert wurde. Daneben wurden neue Kooperationsfelder genannt, darunter Unternehmertum, Jugend, Kultur- und Kreativwirtschaft, Sport sowie eine erinnerungs- und kulturpolitische Agenda. Auch die Mobilisierung von Diasporas wurde als Ziel genannt.

Der Präsident erklärte, der Gipfel solle zudem eine neue Form der Einbindung externer Partner zeigen. In der Rede sagte er, er habe den indischen Premierminister Modi und den deutschen Bundeskanzler Merz eingeladen, gemeinsam mit ihm in Nairobi präsent zu sein. Das wurde als Signal für eine veränderte Arbeitsweise und für breitere Koalitionen in Afrika beschrieben.
Weltlage und französischer Handlungsrahmen
Der Präsident zeichnete ein Bild eines internationalen Systems, in dem multilaterale Arenen als weniger leistungsfähig dargestellt werden und die „Logik des Stärkeren“ an Raum gewinnt. Im Zentrum stand die Abgrenzung von zwei Verhaltensweisen, die als unpassend für Frankreich und Europa bezeichnet wurden: Einerseits die Anpassung an Machtlogik bis hin zur „glücklichen Vasallisierung“, andererseits eine rein moralische Positionierung ohne Handlungsfähigkeit.
Stattdessen wurde eine Linie formuliert, die auf Stärkung von Kapazitäten, Interessenwahrung und Einflussarbeit setzt. Dazu zählte auch die Aussage, Diplomatie solle nicht primär kommentieren, sondern handeln.
Ukraine, europäische Verteidigung und Rüstungsindustrie

Die Sicherheitsdimension wurde in der Rede stark über den Ukraine-Krieg gerahmt. Der Präsident bezeichnete diesen Konflikt als grundlegendes Sicherheitsthema für Frankreich und Europa und verwies auf eine „Koalition der Willigen“, deren Treffen in Paris „vor 48 Stunden“ stattgefunden habe. Er sagte, die finanzielle Unterstützung für die ukrainische Widerstandsfähigkeit werde vollständig durch die Mitglieder dieser Koalition getragen, während weiterhin Abhängigkeiten bei Fähigkeiten bestünden.
Darauf aufbauend wurde die Entwicklung einer „Europa der Verteidigung“ als zentrale Veränderung seit 2022 dargestellt, einschließlich neuer Finanzierungselemente, strategischer Dokumente und einer „europäischen Präferenz“. In der Rede wurden zwei operative Erwartungen formuliert: Erstens solle die europäische Dimension stärker in Beschaffung und Planung einfließen. Zweitens wurden die Auslandsvertretungen aufgefordert, Partneroptionen zu erschließen, insbesondere im Kontext der Rüstungsindustrie und Exportperspektiven.
Wirtschaftspolitik: Schutz, Marktregeln und Investitionen
Ein weiterer Schwerpunkt war die wirtschaftliche Lage Europas zwischen chinesischer Konkurrenz und US-Zöllen. Die Rede benannte explizit eine gleichzeitige Belastung durch chinesische Handelspraktiken und amerikanische Tarifpolitik. Als Beispiel wurde angeführt, dass selbst Deutschland mittlerweile ein Handelsdefizit mit China aufweise und im Vorjahr 50.000 industrielle Arbeitsplätze verloren habe.
Als strategischer Rahmen wurde eine „Schutz“-Logik beschrieben, die von Protektionismus abgegrenzt wurde. Genannt wurden Instrumente wie Schutzklauseln, „Spiegelklauseln“ und Grenzschutzmechanismen gegenüber unlauterer Konkurrenz. Ergänzend verwies die Rede auf Agenda-Elemente wie Vereinfachung, Wettbewerbsfähigkeit, Binnenmarktvertiefung und Kapitalmarktunion.
Ein drittes Element betraf Investitionen in Innovation. Genannt wurden KI, Quanten, Raumfahrt und „Green Tech“ als Felder, in denen Europa mehr und schneller investieren müsse, um technologische und wirtschaftliche Interessen zu sichern.
Demokratie, Informationsraum und Regulierung
Die Rede verknüpfte die internationale Lage mit einer innen- und gesellschaftspolitischen Dimension. Als Risiko wurde eine doppelte Belastung durch autoritäre Systeme und durch die Wirkung großer Plattform-Algorithmen beschrieben. Genannt wurden dabei die europäischen Digitalregulierungen DSA und DMA sowie ein angekündigter „europäischer demokratischer Schutzschild“. Zudem verwies der Präsident auf Initiativen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen im digitalen Raum.
Partnerschaften: Indo-Pazifik, Mittelmeer und Afrika
Im Abschnitt zur Einflussarbeit stellte der Präsident mehrere Partnerschaftsachsen heraus. Genannt wurden ein Indo-Pazifik-Ansatz, der seit 2018 aufgebaut worden sei, sowie Formate im Mittelmeerraum, darunter die Beziehungen zu Ägypten, Libanon und Marokko. Zudem verwies die Rede auf die Anerkennung eines palästinensischen Staates durch Frankreich im Vorjahr und auf eine „Erklärung von New York“, die Frankreichs Glaubwürdigkeit in der Region gestärkt habe.
Frankreich will die Partnerschaft mit Afrika wirtschaftlich erneuern
Ein markanter Teil der Afrika-Passage bezog sich auf die Rolle französischer Unternehmen und Finanzakteure. Der Präsident stellte einen Widerspruch heraus: Während die Diplomatie die politische Beziehung neu ausrichte und „verständlich“ mache, hätten sich zugleich große Teile der französischen Wirtschaft vom afrikanischen Kontinent zurückgezogen.
Er nannte insbesondere den Rückzug des Bank- und Finanzsektors und sagte, Frankreich sei vor 15 Jahren noch eine „Bank- und Finanzmacht“ in Afrika gewesen, während „alle verkauft“ hätten. Die Rede deutete an, dass Regulierungen als Begründung für diesen Rückzug genannt würden, setzte dem aber entgegen, dass entstehende Lücken von anderen Akteuren gefüllt würden.
Der Präsident formulierte daraus eine Erwartung an die französische Regierung und die diplomatischen Strukturen: Es solle auf „finanzielle“ Fragen Antworten geben. Gleichzeitig skizzierte er eine Auswahl-Logik für wirtschaftliche Delegationen und Kooperationsprojekte. Er sagte sinngemäß, es solle stärker mit Akteuren gearbeitet werden, die bereit seien, in dem beschriebenen Partnerschaftsrahmen tätig zu sein, darunter ausdrücklich auch KMU, Start-ups und mittelständische Unternehmen.
Macro will sich der “Schlacht der Narrative” in Afrika stellen

Der Präsident verband die Afrika-Agenda mit einem größeren Kontext internationaler Einflusskonkurrenz. Er sprach von einer „Schlacht der Narrative“ und einer intensiven Auseinandersetzung um Deutungshoheit. In der Rede wurde betont, Frankreich müsse die eigene Politik stärker erklären und Desinformation bekämpfen. Das wurde als Bestandteil der Sicherung von Interessen und Einfluss beschrieben.
Zugleich ordnete der Präsident Afrika in ein weltpolitisches Umfeld ein, das er als zunehmend instabil charakterisierte und in dem multilaterale Institutionen weniger wirksam seien. Er verwies auf mehrere Krisenräume, die Frankreich 2026 weiter begleiten wolle, darunter Sudan, die Hornregion Afrikas und die Region der Großen Seen.
Multilateralismus: Ozeane, Gesundheit, Rohstoffe und UN-Reform
Der Präsident verteidigte die Idee eines „wirksamen Multilateralismus“ als Interesse Frankreichs. Als Beispiele nannte die Rede ein KI-Gipfelformat in Paris, den Ozeangipfel und die Ratifizierung eines Hochsee-Abkommens (BBNJ). Für 2026 wurden weitere multilaterale Prioritäten genannt, darunter Plastikregulierung, Gesundheitspolitik und ein Gipfel in Lyon im April sowie Kooperationen zu kritischen Rohstoffen.
Zur G7-Präsidentschaft wurde neben Makroökonomie auch die Vermeidung globaler Blockbildung betont. Darüber hinaus nannte die Rede drei Baustellen: eine Krise der internationalen Sicherheitsinstrumente und Friedensmissionen, eine Krise der öffentlichen Entwicklungsfinanzierung vor dem Hintergrund eines US-Rückzugs sowie die Reform internationaler Governance, insbesondere der Vereinten Nationen. In diesem Kontext wurde ein französischer Anspruch formuliert, Initiativen zur Reform der globalen Ordnung gemeinsam mit „großen Schwellenländern“ voranzutreiben.