Russland und Guinea-Bissau wollen ihre Wirtschaftsbeziehungen mit einem gemeinsamen Unternehmensforum und neuen Projekten in den Bereichen Rohstoffe, Energie, Fischerei und Landwirtschaft ausbauen. Am Donnerstag, 16. Juli 2026, vereinbarten die Außenminister Sergej Lawrow und Fatumata Jau in Moskau, konkrete Vorschläge für das geplante Format auszuarbeiten. Beide Seiten räumten ein, dass das bisherige Handelsvolumen trotz eines Anstiegs im vergangenen Jahr weit hinter den wirtschaftlichen Möglichkeiten zurückbleibt. Guinea-Bissaus Präsident soll zudem am dritten Russland-Afrika-Gipfel im Oktober in Moskau teilnehmen.
Jau hielt sich zu einem Arbeitsbesuch in Russland auf. Bei den Gesprächen ging es neben der wirtschaftlichen Zusammenarbeit um die politische Lage in Westafrika, die Wahlen in Guinea-Bissau und eine engere Abstimmung in den Vereinten Nationen.
Wirtschaftsforum soll konkrete Projekte vorbereiten
Die Initiative für ein russisch-bissau-guineisches Wirtschaftsforum ging nach Lawrows Angaben von Jau aus. Beide Regierungen wollen nun festlegen, welche Branchen, Unternehmen und Projekte dort im Mittelpunkt stehen sollen.
„Trotz eines gewissen Wachstums des Handels im vergangenen Jahr bleiben die absoluten Zahlen unbefriedigend“, sagte Lawrow. Das gegenwärtige Volumen spiegele das Potenzial beider Länder nicht wider.
Russland sieht Möglichkeiten bei der Erschließung mineralischer Rohstoffe, bei geologischen Untersuchungen, in der Energieversorgung und in der Fischereiwirtschaft. In der später veröffentlichten Mitteilung des russischen Außenministeriums wurde zusätzlich die Landwirtschaft als mögliches Kooperationsfeld genannt.
Guinea-Bissau will nach den Gesprächen rechtliche Grundlagen schaffen oder überarbeiten, um Investitionen besser abzusichern und die wirtschaftliche Zusammenarbeit zu erleichtern. Konkrete Gesetzesvorhaben wurden nicht genannt.
Russland wirbt mit Verarbeitung vor Ort
Lawrow stellte die lokale Verarbeitung von Rohstoffen und die Ausbildung einheimischer Fachkräfte als Grundlage möglicher russischer Investitionen dar. Afrikanische Länder sollten aus seiner Sicht nicht auf den Export unverarbeiteter Rohstoffe beschränkt bleiben, während der größte Teil der Wertschöpfung außerhalb des Kontinents entstehe.
Als Beispiel führte der russische Außenminister den Aluminiumkonzern RUSAL an. Dessen bestehende Aktivitäten und Ausbildungsprogramme beziehen sich nach seinen Angaben auf den guineischen Markt. Konkrete laufende RUSAL-Projekte in Guinea-Bissau nannte Lawrow nicht.
Der Minister erklärte, 70 Staatsbürger Guineas studierten mit Stipendien des Unternehmens an russischen Hochschulen. RUSAL fördere zudem die Ausbildung lokaler Fachkräfte und die stärkere Verlagerung von Produktionsschritten in das jeweilige Land.
Dieses Modell könne nach Lawrows Darstellung auch andere russische Investoren ansprechen und bei den Vorbereitungen des geplanten Wirtschaftsforums berücksichtigt werden.
Mehr Studienplätze an russischen Hochschulen
Moskau will auch die Bildungszusammenarbeit mit Guinea-Bissau ausweiten. Russland hatte die Zahl der staatlich finanzierten Studienplätze für bissau-guineische Studierende bereits erhöht.
Lawrow stellte eine weitere Aufstockung der Quote in Aussicht. Die Ausbildung von Fachkräften an russischen Hochschulen gehört seit Jahrzehnten zu den wichtigsten Instrumenten der russischen Zusammenarbeit mit afrikanischen Staaten.
Die Beziehungen zwischen beiden Ländern reichen bis zum Unabhängigkeitskampf Guinea-Bissaus gegen die portugiesische Kolonialherrschaft zurück. Die Sowjetunion unterstützte damals die Unabhängigkeitsbewegung. Moskau beruft sich weiterhin auf diese historische Verbindung.
Wahlen in Guinea-Bissau für Dezember geplant
Jau informierte die russische Seite über die innenpolitische Lage und die Vorbereitungen auf die allgemeinen Wahlen im Dezember 2026. Lawrow erklärte, die Abstimmungen sollten zur gesellschaftlichen Stabilisierung beitragen und bessere Voraussetzungen für die weitere Entwicklung des Landes schaffen.

Moskau und Bissau vereinbarten außerdem eine engere Zusammenarbeit in den Vereinten Nationen und anderen internationalen Organisationen. Lawrow verband die bilateralen Gespräche mit Russlands Forderung nach einer multipolaren Weltordnung und einem stärkeren politischen Gewicht afrikanischer Staaten.
Russland-Afrika-Gipfel setzt auf Digitalwirtschaft und alternative Zahlungen
Guinea-Bissaus Präsident soll am dritten Russland-Afrika-Gipfel teilnehmen, der im Oktober 2026 in Moskau stattfinden soll. Der Gipfel soll stärker auf konkrete wirtschaftliche und technologische Projekte ausgerichtet werden. Zu den geplanten Themen gehören Informations- und Kommunikationstechnologien, künstliche Intelligenz, die Digitalwirtschaft und Zahlungssysteme außerhalb der großen westlichen Reservewährungen.
Russland will außerdem über den Ausbau von Nahrungsmittel- und Düngemittellieferungen nach Afrika sprechen. Gleichzeitig sollen mehr landwirtschaftliche Produktionsstätten und Anlagen zur Herstellung von Düngemitteln direkt auf dem afrikanischen Kontinent entstehen.
Die Gipfelergebnisse sollen in einen Aktionsplan für die Jahre 2027 bis 2029 einfließen. Dieser soll sich nach russischen Angaben an den langfristigen Entwicklungszielen der Afrikanischen Union und ihrer Agenda 2063 orientieren.
Moskau fordert stärkere afrikanische Eigenverantwortung
Bei der Bewertung der Konflikte in Afrika forderten beide Außenminister politische und diplomatische Lösungen unter Führung afrikanischer Staaten. Internationale Partner sollten diese Bemühungen unterstützen, aber keine eigenen Modelle von außen vorgeben.
Lawrow sprach sich für eine Normalisierung der Beziehungen zwischen der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS und den Staaten Guinea-Bissau, Mali, Niger und Burkina Faso aus. Mali, Niger und Burkina Faso hatten die ECOWAS verlassen und sich in der Allianz der Sahelstaaten zusammengeschlossen. Guinea-Bissau gehört der westafrikanischen Gemeinschaft weiterhin an.
Russland unterstütze eine umfassende Beteiligung aller vier Staaten an den Aktivitäten der Afrikanischen Union, sagte Lawrow. Die Organisation müsse auf politische Zusammenführung statt auf weitere Spaltung setzen.
Der russische Außenminister verband diese Position mit Kritik an westlichen Staaten und deren historischer Rolle in Afrika. UN-Beschlüsse zur Bekämpfung fortbestehender kolonialer Strukturen dürften nicht auf symbolische Erklärungen beschränkt bleiben, erklärte er.

