Der KI-Anbieter Anthropic hat nach eigenen Angaben einen Claude-Nutzer gesperrt, der für Malis Staatssicherheitsdienst ANSE eine landesweite Überwachungsplattform für rund 25 Millionen SIM-Karten entwickelt haben soll. Der Konzern veröffentlichte die Erkenntnisse am 10. September 2026. Das System „Lakana 360“ sei auf alle drei nationalen Mobilfunkanbieter ausgerichtet und könne Anrufdaten, SMS sowie Sprachverkehr erfassen. Die bereits lokal installierte Plattform werde durch die Sperre des Claude-Kontos nicht abgeschaltet.
Anthropic führt den Fall in seinem neuen Bericht über den Missbrauch seiner KI-Modelle. Das Unternehmen entwickelt den KI-Assistenten Claude. Der betreffende Nutzer sei wahrscheinlich ein unabhängiger Berater aus Bamako gewesen, der mit der Agence Nationale de la Sécurité d’État, kurz ANSE, zusammengearbeitet habe. Anthropic beschreibt Claude als das zentrale Entwicklungswerkzeug beim Aufbau der Software.
„Lakana 360“ soll Kommunikation landesweit erfassen
Die technische Reichweite des Systems geht nach Darstellung von Anthropic deutlich über die Abfrage einzelner Telefonanschlüsse hinaus. Eine grundlegende Datenerfassung sei darauf ausgelegt, Kommunikationsdaten aus den Mobilfunknetzen des Landes zusammenzuführen. Dazu gehören Anrufdaten und SMS sowie die zusätzliche Erfassung von Sprachverkehr.
„Lakana 360“ soll darüber hinaus Personen anhand ihrer Stimme über verschiedene SIM-Karten hinweg wiedererkennen können. Das System könne Nutzer von Verschlüsselungstechniken und virtuellen privaten Netzwerken markieren, geografisch definierte Beobachtungslisten führen und Daten mit dem nationalen biometrischen Personenregister sowie weiteren staatlichen Registern abgleichen. Auch Hinweise auf mutmaßlich verdeckte Treffen sollten aus den verfügbaren Daten abgeleitet werden können.

Damit richtet sich die Plattform Anthropic zufolge nicht nur auf einzelne Verdächtige. Ihre Architektur sei auf eine Analyse der Mobilfunkkommunikation im gesamten Land ausgelegt. Die rund 25 Millionen SIM-Karten entsprechen dabei nicht zwingend ebenso vielen Personen, da einzelne Nutzer mehrere Anschlüsse besitzen können. Der Bericht macht keine Angaben dazu, wie viele Menschen tatsächlich überwacht wurden.
Gerichtliche Kontrolle aus einem Teil des Systems entfernt
Besondere Vorwürfe erhebt Anthropic gegen die Gestaltung der Zugriffskontrollen. Malische Vorschriften verlangten dem Bericht zufolge für die Herausgabe bestimmter Überwachungsdaten einen Gerichtsbeschluss. Der Entwickler habe die Plattform jedoch so verändert, dass ein Teil der automatisierten Auswertung ohne einen entsprechenden Nachweis genutzt werden könne.
Betroffen sei eine Funktion, die mithilfe eines Sprachmodells zu einer beliebigen Telefonnummer ein Geheimdienstdossier erstellt. Die ursprünglich vorgesehene Anforderung einer richterlichen Genehmigung sei auf Wunsch des Betreibers entfernt worden. Für diesen landesweiten Auswertungsweg sei die Kontrolle standardmäßig deaktiviert und eine unbegrenzte Speicherung der Daten vorgesehen worden.
Anthropic unterscheidet dabei zwischen gezielter Überwachung und der breiteren Datenerfassung. Für bestimmte Einzelmaßnahmen habe die Software weiterhin Genehmigungs- und Prüfmechanismen vorgesehen. Diese Kontrollen hätten jedoch nicht für die landesweite Sammel- und Analyseebene gegolten.
Claude half bei Entwicklung, Plattform läuft mit lokalen KI-Modellen
Die Rolle von Claude lag nach Angaben des Unternehmens vor allem bei Softwarearchitektur und Programmierung. Der einzelne Nutzer habe die KI damit faktisch als technische Entwicklungsressource eingesetzt, die Aufgaben übernehmen konnte, für die ansonsten ein größeres Entwicklerteam erforderlich gewesen wäre.
Das fertige System arbeitet dem Bericht zufolge jedoch nicht dauerhaft über Anthropic. „Lakana 360“ sei lokal auf eigener Infrastruktur installiert worden und nutze dort andere, lokal betriebene KI-Modelle. Die Sperrung des Claude-Kontos habe deshalb zwar die weitere Entwicklungsarbeit des Akteurs über Anthropic unterbrochen, nicht aber die bereits installierte Plattform außer Betrieb gesetzt.
Anthropic erklärte, den Nutzer gesperrt und zusätzliche Erkennungsmechanismen eingerichtet zu haben, um vergleichbare Aktivitäten künftig aufzuspüren. Ob „Lakana 360“ gegenwärtig von der ANSE eingesetzt wird und in welchem Umfang Daten tatsächlich erfasst werden, wird in dem Bericht nicht unabhängig belegt. Eine Stellungnahme malischer Behörden enthält das Dokument nicht.
Anthropic verweist auf Vorgehen gegen Opposition und Medien
Der Konzern stellt den Fall zugleich in den innenpolitischen Kontext Malis. Er verweist auf Dokumentationen des US-Außenministeriums und von Human Rights Watch über Festnahmen und Verschleppungen von Oppositionellen, Journalisten und Vertretern der Zivilgesellschaft durch malische Sicherheitsorgane. Anthropic legt jedoch keine Belege dafür vor, dass „Lakana 360“ konkret gegen diese Personen eingesetzt wurde.
Der Mali-Fall gehört zu mehreren Überwachungsoperationen, die Anthropic zwischen Dezember 2025 und August 2026 nach eigenen Angaben identifiziert und unterbrochen hat. Das Unternehmen dokumentiert in dem Bericht außerdem staatlich oder kommerziell ausgerichtete Überwachungsaktivitäten mit Verbindungen nach China, Iran und Westafrika.

