Im Südsudan ist die Zahl der konfliktbedingten Gewalttaten im dritten Quartal 2025 insgesamt zurückgegangen. Gleichzeitig haben Entführungen und sexualisierte Gewalt deutlich zugenommen. Das geht aus einem aktuellen Menschenrechtsbericht der UN-Mission im Südsudan hervor. Die Entwicklung wirft ein Schlaglicht auf die anhaltend fragile Sicherheitslage und die weiterhin unzureichende Schutzwirkung staatlicher Strukturen für die Zivilbevölkerung.
Rückgang der Gewalt bei gleichzeitiger Verschärfung einzelner Delikte
Zwischen Juli und September 2025 dokumentierte die Menschenrechtsabteilung der UN-Mission im Südsudan insgesamt 295 konfliktbezogene Gewaltereignisse. Betroffen waren 1.153 Zivilpersonen. Im Vergleich zum vorangegangenen Quartal sank die Zahl der Vorfälle um zwölf Prozent, die Zahl der Opfer um 24 Prozent. Auch tödliche Gewalt und Verletzungen gingen zurück. Die Zahl der getöteten Zivilisten sank um 18 Prozent, die der Verletzten um 41 Prozent.

Demgegenüber steht ein gegenläufiger Trend bei besonders schweren Menschenrechtsverletzungen. Die Zahl der Entführungen stieg im selben Zeitraum um 20 Prozent, Fälle konfliktbezogener sexualisierter Gewalt nahmen um sieben Prozent zu. Insgesamt wurden 159 Zivilisten entführt, 79 Menschen Opfer sexualisierter Gewalt. Frauen und Kinder waren überproportional betroffen.
Regionale Schwerpunkte der Gewalt
Die Gewalt konzentrierte sich weiterhin auf mehrere Bundesstaaten. Besonders stark betroffen war Warrap, auf den fast die Hälfte aller zivilen Opfer entfiel. Auch Central Equatoria, Unity, Jonglei, Upper Nile sowie Western und Western Bahr el Ghazal verzeichneten anhaltend hohe Gewaltzahlen. In mehreren dieser Regionen kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen, Beschuss von Siedlungen sowie zu Luftangriffen, die zur Vertreibung der Zivilbevölkerung führten.
In Central Equatoria wurden besonders viele Entführungen dokumentiert. Allein dort entfielen rund zwei Drittel aller registrierten Entführungsfälle. Zugleich verzeichnete der Bundesstaat die höchste Zahl an Opfern konfliktbezogener sexualisierter Gewalt. Auch in Western Equatoria und Unity State wurden zahlreiche Übergriffe gemeldet, darunter Vergewaltigungen, Gruppenvergewaltigungen und Misshandlungen.
Rolle bewaffneter Gruppen und Sicherheitskräfte
Nach Angaben der UN-Mission wurden 72 Prozent aller zivilen Opfer durch gemeinschaftsbasierte Milizen und sogenannte Selbstverteidigungsgruppen verursacht. Diese Gewalt steht häufig im Zusammenhang mit lokalen Konflikten um Land, Vieh und Ressourcen, wird jedoch zunehmend durch politische Spannungen und den Zugang zu Waffen verschärft.
Weitere 21 Prozent der Opfer gingen auf das Konto regulärer Konfliktparteien und anderer bewaffneter Gruppen. In mehreren Fällen wurden auch staatliche Sicherheitskräfte für schwere Menschenrechtsverletzungen verantwortlich gemacht, darunter Tötungen, willkürliche Festnahmen und sexualisierte Gewalt. Die verbleibenden sieben Prozent der Opfer wurden nicht eindeutig identifizierbaren bewaffneten Akteuren zugeschrieben.
Zivilbevölkerung zwischen Gewalt und Vertreibung
Die anhaltenden Kampfhandlungen führten erneut zu umfangreichen Vertreibungen. Viele Familien wurden mehrfach gezwungen, ihre Wohnorte zu verlassen. Diese Zwangsvertreibungen verschärfen die humanitäre Lage erheblich und erhöhen das Risiko weiterer Gewalt. Besonders Frauen und Mädchen sind in Flüchtlingssituationen verstärkt sexuellen Übergriffen ausgesetzt.

Neben den unmittelbaren Gewalttaten leidet die Bevölkerung unter zerstörter Infrastruktur, eingeschränktem Zugang zu Nahrungsmitteln, medizinischer Versorgung und Bildung. Die UN-Mission weist darauf hin, dass zahlreiche Vorfälle aufgrund fehlenden Zugangs zu Konfliktgebieten vermutlich nicht erfasst werden konnten und die tatsächliche Zahl der Opfer höher liegt.
Politischer und sicherheitspolitischer Hintergrund
Der Bericht ordnet die Gewalt in einen breiteren politischen Kontext ein. Anhaltende Spannungen zwischen der Regierung und oppositionellen Kräften, ethnische Polarisierung sowie die unvollständige Umsetzung des Friedensabkommens prägen weiterhin die Lage. Zusätzlich erschweren Vorwürfe über die Beteiligung ausländischer bewaffneter Akteure die Sicherheitslage in Grenzregionen.
UNMISS verweist darauf, dass fehlende Rechenschaftspflicht und schwache staatliche Institutionen die Gewalt begünstigen. In vielen Regionen gibt es kaum funktionierende Justizstrukturen, was Täter selten zur Verantwortung zieht und das Vertrauen der Bevölkerung weiter untergräbt.
Aussagen der UN-Mission
Anita Kiki Gbeho, kommissarische Leiterin von UNMISS, erklärte mit Blick auf die aktuellen Zahlen: „Der Rückgang der Opferzahlen gibt Anlass zu vorsichtiger Hoffnung. Der Anstieg von Entführungen und sexualisierter Gewalt sowie die anhaltenden bewaffneten Auseinandersetzungen sind jedoch nicht hinnehmbar.“ Sie betonte, dass der Schutz der Zivilbevölkerung weiterhin massiv beeinträchtigt sei.
Our #EndofYearReview of #UNMISS patrols in #SouthSudan 🇸🇸 tells tales of challenges, successes and the odd aborted mission, showing that our peacekeepers have not shied away from efforts to reach even the remotest locations where they were needed.
— UNMISS (@unmissmedia) January 9, 2026
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Gbeho verwies zudem auf die Bedeutung der Einhaltung des humanitären Völkerrechts und der Menschenrechte durch alle Konfliktparteien. Verantwortlichkeit für begangene Verbrechen bleibe eine zentrale Voraussetzung für Vertrauen, Versöhnung und eine nachhaltige Friedensordnung im Südsudan.
Einordnung für Afrika
Die Entwicklungen im Südsudan stehen exemplarisch für die anhaltenden Herausforderungen in mehreren Konfliktstaaten Afrikas. Rückgänge bei einzelnen Gewaltindikatoren verdecken häufig strukturelle Defizite beim Schutz der Zivilbevölkerung. Besonders sexualisierte Gewalt und Entführungen bleiben in vielen Konfliktregionen ein zentrales Instrument bewaffneter Akteure.
Wie die United Nations Mission in South Sudan in ihrem Quartalsbericht für Juli bis September 2025 darlegt, bleibt der Südsudan trotz formeller Friedensabkommen in einer Phase fragiler Stabilität gefangen, in der lokale Konflikte, politische Machtkämpfe und unzureichende staatliche Kontrolle weiterhin schwerwiegende Folgen für die Bevölkerung haben.