Die Bundesregierung widerspricht der Einstufung der Gewalt gegen Christen in Nigeria als Genozid und beschreibt die Sicherheitskrise des Landes als Zusammenwirken von Terrorismus, organisierter Kriminalität, ethnischen Spannungen sowie Land- und Ressourcenkonflikten. Ihre Einschätzung veröffentlichte sie Mitte August in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der AfD-Fraktion. Gleichzeitig sind nach Angaben von IOM und UNHCR innerhalb Nigerias 3,6 Millionen Menschen auf der Flucht, weitere rund 400.000 Nigerianer haben Schutz in Nachbarstaaten gesucht. Christen gehören in mehreren Landesteilen zu den Opfern gezielter Angriffe, doch Gewalt und Terror treffen nach Einschätzung der Bundesregierung auch Muslime und Angehörige anderer Religionen.
Bundesregierung folgt Genocide Watch nicht
Ausgangspunkt der parlamentarischen Anfrage waren Berichte über hohe Opferzahlen unter der christlichen Bevölkerung. Die Organisation Genocide Watch spricht von einem Genozid an Christen in Nigeria.
Die Bundesregierung macht sich diese Einordnung ausdrücklich nicht zu eigen. Eine weitergehende Begründung liefert sie in ihrer Antwort nicht. Sie verweist stattdessen auf die Einschätzung der Vereinten Nationen, wonach die Gewalt überwiegend nicht als Religionskonflikt beschrieben werden könne.
Auch die von der AfD-Fraktion angeführten Opferzahlen werden nicht übernommen. Open Doors nennt für den Zeitraum von Oktober 2024 bis September 2025 insgesamt 3.490 getötete Christen. Die nigerianische Organisation Intersociety spricht für 2025 von rund 7.500 getöteten und mehr als 8.500 entführten Christen. Diese Angaben stammen aus der Anfrage und werden von der Bundesregierung nicht als eigene Erkenntnisse bestätigt.
Boko Haram, IS-Ableger und Banditen prägen die Gewalt
Die Sicherheitslage unterscheidet sich stark zwischen den Regionen. Im Nordosten operieren weiterhin Boko Haram und Ableger des sogenannten Islamischen Staates. Im Nordwesten spielen bewaffnete Banditengruppen und organisierte Kriminalität eine zentrale Rolle. Im Südosten kommen separatistische Bewegungen hinzu.
Im sogenannten Middle Belt im Zentrum Nigerias überlagern sich religiöse Zugehörigkeit und Konflikte um Land und Ressourcen. Dort kommt es zu Gewalt zwischen überwiegend christlichen sesshaften Bauern und überwiegend muslimischen teilnomadischen Viehhirten. Klimatische Veränderungen verschärfen nach Darstellung der Bundesregierung den Druck auf verfügbare Flächen und Ressourcen.
Gezielte Angriffe auf religiöse Einrichtungen finden dennoch statt. Die Bundesregierung verweist unter anderem auf Attacken gegen Schulen und Kirchen in den Bundesstaaten Kwara, Niger und Kebbi im November 2025.
3,6 Millionen Menschen innerhalb Nigerias vertrieben
Das Ausmaß der Gewalt zeigt sich besonders bei den Fluchtbewegungen. Nach Daten der Internationalen Organisation für Migration und des UN-Flüchtlingshilfswerks sind derzeit rund 3,6 Millionen Menschen innerhalb Nigerias vertrieben.
Weitere rund 400.000 Nigerianer leben als Schutzsuchende in Nachbarstaaten. Eine Aufschlüsselung dieser Zahlen nach Religionszugehörigkeit liegt nicht vor.
Nigeria hat mit mehr als 200 Millionen Einwohnern eine der größten christlichen Bevölkerungen der Welt. Die Bevölkerung ist nach Einschätzung der Bundesregierung annähernd zur Hälfte christlich und muslimisch geprägt. Der Islam dominiert stärker im Norden, das Christentum im Süden. Die Verfassung garantiert die freie Religionsausübung und untersagt die Einführung einer Staatsreligion.
Nigerianische Asylanträge in Deutschland deutlich zurückgegangen
Die Antwort der Bundesregierung enthält auch neue Zahlen zu Nigerianern, die in Deutschland Asyl beantragen. Im ersten Halbjahr 2026 wurden 665 Asylanträge von Personen mit nigerianischer Staatsangehörigkeit registriert. Davon waren 512 Erstanträge und 153 Folgeanträge.
Damit liegt die Zahl deutlich unter früheren Jahren. 2025 wurden 1.716 Anträge registriert, 2024 waren es 2.523. Den höchsten Wert seit 2017 verzeichneten die Behörden 2018 mit 11.073 Anträgen.
Von den 665 Antragstellern im ersten Halbjahr 2026 bezeichneten sich 558 als Christen und 58 als Muslime. Neun gaben an, keiner Konfession anzugehören, bei 40 Personen blieb die Religionszugehörigkeit unbekannt. Die Angaben zur Religion erfolgen freiwillig im Asylverfahren.
Auch in den vergangenen Jahren stellten Christen die deutliche Mehrheit der nigerianischen Asylantragsteller. 2025 waren es 1.382 von insgesamt 1.716 Antragstellern.
Deutschland unterstützt Projekte zum Minderheitenschutz
Der Beauftragte der Bundesregierung für Religions- und Weltanschauungsfreiheit, Thomas Rachel, besuchte Nigeria vom 25. bis 28. April 2026. In Abuja und im Bundesstaat Benue führte er Gespräche mit staatlichen Stellen, Religionsgemeinschaften, Vertretern der Zivilgesellschaft und internationalen Partnern.
In der deutschen Entwicklungszusammenarbeit werden unter anderem Vorhaben zur Rechtsstaatlichkeit, zum Minderheitenschutz, zu inklusivem Regierungshandeln und zum gesellschaftlichen Zusammenhalt unterstützt. Humanitäre Hilfe wird unabhängig von Religion und Konfession nach Bedürftigkeit vergeben und richtet sich damit an christliche wie muslimische und andere schutzbedürftige Bevölkerungsgruppen.

