Algerien beansprucht eine zentrale Rolle bei der Stabilisierung des Sahel und baut seine militärische und wirtschaftliche Zusammenarbeit mit den Nachbarstaaten aus. Am Samstag, 10. Oktober, bekräftigte Generalstabschef Saïd Chanegriha diesen Anspruch bei einem Besuch des Militärkommandos in Béchar im Süden des Landes. Seine Erklärung fällt mit einer verstärkten militärischen Präsenz Algeriens im Niger und einer Serie von Transportflügen zwischen Algerien und Russland zusammen. Die Flüge durch den polnischen Luftraum beschäftigen inzwischen auch Medien in dem NATO-Mitgliedstaat, während über ihre militärische Fracht und ihren Zweck keine gesicherten Angaben vorliegen.
Algerien sieht sich nicht als auswärtiger Akteur im Sahel
„Algerien betrachtet die Krisen im Sahel nicht aus der Perspektive eines externen Akteurs, sondern als echter Partner“, erklärte Chanegriha vor Offizieren und Soldaten der dritten Militärregion in Béchar.
Der Generalstabschef begründete diese Haltung mit den unmittelbaren Sicherheitsinteressen seines Landes. Die Stabilität der Nachbarstaaten sei eine grundlegende Voraussetzung für die eigene Sicherheit. Zugleich bezeichnete er wirtschaftliche Entwicklung als wirksamstes Mittel, um die Bevölkerung der Region vor Terrorismus, Extremismus und damit verbundener Kriminalität zu schützen.
„Algerien war immer und bleibt ein Faktor der Stabilität in seiner Region“, sagte Chanegriha. Das Land setze auf Solidarität, gute Nachbarschaft und die Achtung der staatlichen Souveränität im Einklang mit dem Völkerrecht.
Der Generalstabschef verwies dabei ausdrücklich auf gemeinsame Infrastrukturprojekte, die wirtschaftliche Entwicklung fördern und die Nachbarstaaten enger miteinander verbinden sollen.
Algerien grenzt im Süden an Mali und Niger und verfügt über eine lange gemeinsame Grenze mit beiden Staaten. Die Sicherheitslage in der Sahelzone ist für Algier deshalb unmittelbar mit dem Schutz des eigenen Staatsgebiets verbunden.
Algerien schickt Kampfjets in den Niger
Wie weit Algerien inzwischen bereit ist, seine Nachbarn militärisch zu unterstützen, zeigte sich Ende August im Niger.
Nach einem versuchten Staatsstreich in Niamey entsandte die algerische Luftwaffe am 30. August vier Kampfjets des Typs Suchoi Su-30 in das Nachbarland. Die Maschinen wurden von einem Tankflugzeug begleitet und landeten am Flughafen der nigrischen Hauptstadt.

Das algerische Verteidigungsministerium bestätigte, dass Generalstabschef Chanegriha die Entsendung auf Anweisung von Präsident Abdelmadjid Tebboune und auf Ersuchen der nigrischen Behörden angeordnet hatte.
Ziel sei es gewesen, die nigrischen Streitkräfte bei der Abwehr eines Destabilisierungsversuchs zu unterstützen. Nigers Premierminister Ali Mahaman Lamine Zeine dankte Algerien für die militärische Hilfe.
Die Entsendung markierte einen sichtbaren Ausbau der militärischen Zusammenarbeit. Algerien hatte sich lange auf eine zurückhaltende Sicherheitspolitik mit Schwerpunkt auf dem Schutz des eigenen Territoriums gestützt. Mit dem Einsatz der Kampfflugzeuge griff es nun unmittelbar in die Unterstützung der Sicherheitskräfte eines Nachbarstaates ein.
Energieprojekte sollen Algeriens Position stärken
Parallel zur militärischen Zusammenarbeit investiert Algier in die wirtschaftliche Anbindung der Sahelstaaten.
Im Juni nahm Niger ein von Algerien finanziertes Kraftwerk mit einer Leistung von 40 Megawatt in Betrieb. Die Anlage im Gebiet Gorou Banda nahe Niamey wurde dem Nachbarstaat als Schenkung übergeben.
Beide Regierungen verfolgen außerdem gemeinsame Projekte im Erdöl- und Erdgassektor. Eine besondere Rolle spielt die geplante Transsahara-Gaspipeline, die Nigeria über Niger mit Algerien verbinden soll. Das Vorhaben würde neue Transportkapazitäten für Erdgas in Richtung Mittelmeer und Europa schaffen.
Auch gegenüber Mali bemüht sich Algerien um eine Wiederbelebung der diplomatischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Das Verhältnis war durch politische Differenzen und sicherheitspolitische Konflikte erheblich belastet worden.
Chanegriha bezeichnete gemeinsame Infrastruktur und neue wirtschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten als Bestandteile der algerischen Sicherheitspolitik. Damit verbindet Algier seine Rolle als unmittelbarer Nachbar der Sahelstaaten mit dem Ausbau seines wirtschaftlichen und politischen Einflusses.
Algerische Militärflugzeuge pendeln zwischen Moskau und Algier
Während Algerien seine Präsenz im Sahel ausweitet, sorgen zahlreiche Flüge algerischer Militärtransportmaschinen nach Russland für Aufmerksamkeit in Europa.
Das polnische Fachportal Defence24 dokumentierte seit September wiederholt Flugbewegungen zwischen Algerien und Moskau, bei denen Transportflugzeuge der algerischen Luftwaffe den Luftraum mehrerer europäischer Staaten einschließlich Polens durchquerten.
Am 24. September flogen eine Lockheed C-130H-30 Hercules und eine Iljuschin Il-76MD über Polen nach Moskau. Weitere Flüge folgten Anfang Oktober.
Besondere Aufmerksamkeit erhielt eine C-130H-30 Hercules, die am 6. Oktober von der algerischen Luftwaffenbasis Boufarik startete. Ihre Route führte über Italien, Kroatien, Ungarn, die Slowakei und Polen nach Belarus. Anschließend landete die Maschine am Moskauer Flughafen Wnukowo.
Am 7. Oktober registrierten polnische Beobachter erneut ein algerisches Militärtransportflugzeug, diesmal auf dem Rückweg von Moskau in Richtung Algerien.
Die Maschinen gehören zu den Transportkapazitäten der algerischen Streitkräfte. Flugzeuge dieser Typen können unter anderem Soldaten, militärische Ausrüstung und schwere Fracht befördern.
Was die Maschinen bei den dokumentierten Flügen tatsächlich transportierten, ist jedoch nicht öffentlich bekannt.
Polnische Medien hinterfragen Überfluggenehmigungen
Die wiederholten Flugbewegungen haben in Polen eine Debatte über den Umgang mit militärischen Transporten zwischen Algerien und Russland ausgelöst.
Defence24 und weitere polnische Medien stellen die Frage, weshalb Maschinen der algerischen Streitkräfte weiterhin Genehmigungen zur Durchquerung des polnischen Luftraums erhalten, obwohl die Europäische Union Russland wegen seines Krieges gegen die Ukraine mit umfangreichen Sanktionen belegt hat.
Nach Informationen des polnischen Portals Wirtualna Polska verfügte zumindest die am 6. Oktober registrierte Maschine über die erforderlichen Überfluggenehmigungen. Algerien habe für diesen Flug keine gefährlichen Güter angemeldet.
Militärische Staatsluftfahrzeuge benötigen für die Nutzung fremden Luftraums grundsätzlich eine entsprechende Genehmigung. Die zuständigen Behörden können solche Erlaubnisse erteilen oder verweigern.
Polnische Medien diskutieren deshalb nicht nur die möglichen Transportgüter, sondern auch die Frage, ob die Regierung ihre Genehmigungspraxis gegenüber algerischen Militärflugzeugen ändern sollte.
Bislang gibt es keinen öffentlich belegten Nachweis, dass die dokumentierten Maschinen Waffen für russische Streitkräfte oder Güter zur Umgehung europäischer Sanktionen transportierten.
Militärkooperation mit Russland reicht über den Waffenhandel hinaus
Algerien gehört seit Jahrzehnten zu den wichtigsten Abnehmern russischer Rüstungsgüter.
Nach Daten des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI entfielen zwischen 2021 und 2025 rund 39 Prozent der algerischen Importe größerer Waffensysteme auf Russland. Die algerischen Streitkräfte nutzen unter anderem russische Kampfjets, Luftverteidigungssysteme und gepanzerte Fahrzeuge.
Die Zusammenarbeit umfasst auch Wartung, Ausbildung und den Austausch militärischer Delegationen. Für 2026 vereinbarten beide Verteidigungsministerien ein bilaterales Kooperationsprogramm.
Russische Militärtransportflugzeuge nutzen darüber hinaus seit längerer Zeit algerische Flughäfen. Unter Berufung auf Recherchen von Defense News berichteten Medien über mindestens 167 russische Transportflüge zwischen Russland und Algerien von März 2025 bis April 2026. Einige Maschinen flogen anschließend weiter nach Guinea und Niger.
Russland unterhält im Sahel mit dem sogenannten Africa Corps eine militärische Präsenz, die unter anderem in Mali aktiv ist. Die Flugverbindungen zeigen die Bedeutung Algeriens als Verkehrs- und Logistikstandort zwischen Russland und afrikanischen Staaten. Eine direkte Beteiligung der aktuell beobachteten algerischen Militärtransporter an russischen Einsätzen im Sahel ist damit jedoch nicht nachgewiesen.
Die jüngsten Flüge fallen in eine Phase, in der Algerien seine eigenen Sicherheitsbeziehungen zu Niger und Mali ausbaut und zugleich seine langjährige militärische Partnerschaft mit Moskau fortsetzt.

