Äthiopien fordert KI-Führungsrolle – während der Krieg in Tigray wieder aufflammt

Äthiopien will beim nächsten Technologiesprung nicht Zuschauer sein: Präsident Taye fordert eine Führungsrolle des Globalen Südens bei künstlicher Intelligenz. Gleichzeitig bringt Addis Abeba bei der UN seine Forderungen nach mehr afrikanischer Macht, Klimagerechtigkeit und Zugang zum Meer auf die internationale Bühne.

Äthiopiens Präsident Taye Atske Selassie fordert eine Führungsrolle des Globalen Südens bei künstlicher Intelligenz und eine grundlegende Reform der internationalen Machtstrukturen. Die Forderungen erhob er am Mittwoch, 23. September 2026, vor der UN-Generalversammlung in New York. Äthiopien will seine Position mit eigenen Technologieprojekten und als Gastgeber der Weltklimakonferenz COP32 im November 2027 unterstreichen. Die Rede fiel zugleich nur Stunden nach dem erneuten Ausbruch schwerer Kämpfe zwischen der Bundesregierung und Kräften aus Tigray. 

KI darf globale Ungleichheit nicht verschärfen

Taye stellte künstliche Intelligenz neben Klimawandel und globale Ungleichheit ins Zentrum seiner Rede. Afrika müsse sich entscheiden, ob es bei der technologischen Transformation erneut von anderen abhängig werde oder selbst an ihrer Gestaltung teilnehme.

„Wird das Zeitalter der künstlichen Intelligenz zu einem weiteren Instrument globaler Ungleichheit oder zu einem Katalysator unseres gemeinsamen Wachstums?“, fragte der Präsident.

Der Globale Süden müsse diese technologische Revolution anführen, „statt ein hilfloser Zuschauer zu bleiben“, forderte Taye. Äthiopien verweist dabei auf sein Ausbildungsprogramm „Five Million Coders“ und eine geplante Universität für künstliche Intelligenz.

Damit verband Taye Technologiepolitik unmittelbar mit der Forderung nach einer stärkeren politischen Rolle Afrikas. Entwicklungsländer sollten neue Technologien nicht lediglich importieren und nutzen, sondern an der Entwicklung, Regulierung und wirtschaftlichen Wertschöpfung beteiligt sein.

Äthiopien richtet COP32 in Addis Abeba aus

Auch beim Klimaschutz will Addis Abeba eine größere internationale Rolle übernehmen. Äthiopien wird vom 8. bis 19. November 2027 die COP32 ausrichten. Die Vertragsstaaten der UN-Klimarahmenkonvention hatten das Angebot Äthiopiens angenommen. 

Taye kündigte an, die Konferenz als Plattform für Regierungen, Unternehmen und internationale Organisationen zu nutzen. Im Mittelpunkt sollten konkrete Lösungen für den Klimaschutz stehen.

Der Präsident kritisierte zugleich die Verteilung der Kosten des Klimawandels. Hoher Konsum eines vergleichsweise kleinen Teils der Weltbevölkerung treibe die Emissionen, während verzögerte internationale Zusagen insbesondere ärmere Staaten belasteten.

Äthiopien hatte bereits 2025 seine Bewerbung für die COP32 mit dem Anspruch verbunden, afrikanische Interessen stärker in die internationale Klimapolitik einzubringen. 

Rede fällt mit neuer Eskalation in Tigray zusammen

Tayes Auftritt fand vor dem Hintergrund einer erneuten militärischen Eskalation im Norden Äthiopiens statt. Reuters berichtete, dass nur Stunden vor seiner Rede neue Kämpfe zwischen Tigray-Kräften und der Bundesregierung ausgebrochen waren. Damit geriet das Friedensabkommen von Pretoria aus dem Jahr 2022 erneut unter erheblichen Druck. 

Der Präsident ging auf die Kämpfe nicht ausdrücklich ein. Er erklärte jedoch, Äthiopien habe trotz fortgesetzter Einmischung „feindlicher Elemente“ große Zurückhaltung gezeigt.

An „Kräfte der Zerstörung und des Chaos“ richtete er die Forderung, das Recht der Menschen am Horn von Afrika auf Frieden und Wohlstand zu respektieren. Wen er damit konkret meinte, sagte Taye nicht.

Die äthiopische Regierung und die Führung in Tigray geben sich gegenseitig die Verantwortung für die neue Eskalation.  

Afrika fordert mehr Macht im Sicherheitsrat

Taye verknüpfte seine Forderung nach technologischer Eigenständigkeit mit einer Reform der Vereinten Nationen.

„Afrika hat viel zu lange im Schatten globaler Entscheidungsfindung gewartet“, sagte er. Der Kontinent verlange nun eine umfassende Reform des UN-Sicherheitsrats.

Die Forderung entspricht der seit Jahren vertretenen gemeinsamen afrikanischen Position, nach der die Zusammensetzung des Sicherheitsrats die heutigen geopolitischen Verhältnisse stärker widerspiegeln soll.

Für Taye ist diese Debatte Teil einer größeren Auseinandersetzung über internationale Ungleichheit. Die Vereinten Nationen müssten nicht nur extreme Armut bekämpfen, sondern auch strukturelle Unterschiede bei politischem Einfluss, Technologie und wirtschaftlichen Chancen.

Äthiopien stellt Landwirtschaft und Energie als Entwicklungsmodell heraus

Als Beispiel für größere afrikanische Eigenständigkeit verwies Taye auf die Landwirtschaft. Äthiopien habe sich innerhalb weniger Jahre von einem Weizenimporteur zu einem der größten Produzenten Afrikas entwickelt.

Bereits zuvor hatte der Präsident erklärt, dass Äthiopien mithilfe klimaresistenter Weizensorten seine heimische Produktion stark ausgeweitet habe. Bei einem Wirtschaftsforum der UN-Wirtschaftskommission für Afrika bezeichnete er das Land 2025 als inzwischen weitgehend selbstversorgend bei Weizen. 

„Afrika kann sich selbst ernähren“, sagte Taye nun vor der Generalversammlung.

Auch den Grand Ethiopian Renaissance Dam stellte der Präsident als panafrikanisches Energieprojekt dar. Der Staudamm am Blauen Nil ist für Äthiopien ein zentraler Baustein seiner Stromversorgung. Die Nutzung des Nilwassers ist zugleich seit Jahren Gegenstand von Auseinandersetzungen insbesondere mit Ägypten und Sudan.

Addis Abeba bringt Zugang zum Meer erneut auf die internationale Bühne

Einen weiteren strategischen Schwerpunkt setzte Taye beim Zugang zum Meer. Äthiopiens wirtschaftliche Entwicklung könne langfristig nicht ohne einen „zuverlässigen und verlässlichen Zugang zum Meer“ abgesichert werden, erklärte er.

Addis Abeba verfolge deshalb „alle möglichen diplomatischen Wege“, um den Zugang zu internationalen Seewegen zu verbessern. Nach Tayes Darstellung soll eine Lösung den gemeinsamen Interessen der Staaten am Horn von Afrika dienen. 

Das Binnenland Äthiopien wickelt einen großen Teil seines Außenhandels über Häfen in der Region ab. Der Zugang zum Meer ist in den vergangenen Jahren zu einem zentralen Thema der äthiopischen Außenpolitik geworden.

Parallel investiert das Land massiv in seine internationale Verkehrsanbindung. Der neue Flughafen bei Bishoftu soll in seiner ersten Ausbaustufe rund 12,5 Milliarden US-Dollar kosten. Nach vollständigem Ausbau ist eine Kapazität von bis zu 110 Millionen Passagieren jährlich vorgesehen.

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