Sudan und Äthiopien schließen gegenseitig Konsulate – Streit über Drohnenangriffe eskaliert

Sudan und Äthiopien weisen gegenseitig Diplomaten aus und schließen ihre Konsulate. Khartum beschuldigt Addis Abeba, Drohnenangriffe der RSF zu ermöglichen. Äthiopien wirft Sudan, Ägypten und Eritrea Unterstützung von Rebellen vor. Der Konflikt belastet die gesamte Region am Horn von Afrika.

Sudan und Äthiopien haben gegenseitig ihre Konsulate geschlossen und Diplomaten ausgewiesen, während sich die Spannungen zwischen beiden Nachbarstaaten wegen mutmaßlicher militärischer Unterstützung bewaffneter Gruppen verschärfen. Der sudanesische Gegenschritt erfolgte am Mittwoch, 4. November 2026. Äthiopien hatte zuvor sechs sudanesische Konsulatsmitarbeiter zur Ausreise aufgefordert. Hintergrund sind gegenseitige Vorwürfe der Einmischung in die Kriege im Sudan und in Nordäthiopien, die zunehmend die Sicherheit am Horn von Afrika belasten.

Die sudanesische Regierung ordnete die Schließung des äthiopischen Konsulats in der östlichen Grenzstadt Gedaref an und erklärte dessen Mitarbeiter zu unerwünschten Personen. Ihnen wurde eine Frist von 48 Stunden eingeräumt, um das Land zu verlassen. Zwei sudanesische Regierungsvertreter bestätigten die Entscheidung gegenüber den Nachrichtenagenturen Reuters und AFP.

Damit reagierte Khartum auf einen entsprechenden Schritt Äthiopiens. Addis Abeba hatte bereits am 2. November die Schließung des sudanesischen Konsulats in Assosa angeordnet und sechs Mitarbeiter ausgewiesen. Diese verließen Äthiopien am darauffolgenden Abend.

Öffentliche Erklärungen der Außenministerien zu den gegenseitigen Ausweisungen lagen zunächst nicht vor.

Sudan beschuldigt Äthiopien, Drohnenangriffe der RSF zu ermöglichen

Der diplomatischen Eskalation gingen schwere Anschuldigungen Sudans gegen die äthiopische Regierung voraus. Khartum wirft Addis Abeba vor, die paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) zu unterstützen, die seit April 2023 gegen die sudanesische Armee kämpfen.

Besonders schwer wiegt der Vorwurf, dass RSF-Einheiten äthiopisches Territorium als Ausgangspunkt für Drohnenangriffe auf sudanesische Städte und zivile Infrastruktur nutzen dürfen.

Die sudanesische Regierung legte ihre Anschuldigungen dem UN-Sicherheitsrat und dem Friedens- und Sicherheitsrat der Afrikanischen Union vor. Dabei berief sie sich auf Untersuchungen zu zahlreichen Drohnenangriffen auf Elektrizitätswerke, Treibstoffanlagen und andere Einrichtungen.

Nach Darstellung des sudanesischen Präsidialberaters Amjad Farid wurden zwischen dem 15. Februar und dem 27. Oktober insgesamt 70 Angriffe mit 187 Sprengstoffdrohnen von äthiopischem Territorium aus durchgeführt. Dabei seien mehr als 400 Zivilisten getötet worden. Ein Bericht des sudanesischen Souveränitätsrats spricht von insgesamt nahezu 500 getöteten und verletzten Zivilisten.

Sudan beschuldigt darüber hinaus die Vereinigten Arabischen Emirate, Drohnen an die RSF geliefert zu haben. Abu Dhabi bestreitet eine militärische Unterstützung der paramilitärischen Gruppe.

Äthiopien wirft Sudan, Ägypten und Eritrea Unterstützung von Rebellen vor

Äthiopien erhebt seinerseits Anschuldigungen gegen Sudan und dessen regionale Partner. Die Regierung von Ministerpräsident Abiy Ahmed wirft Khartum vor, bewaffnete Gruppen im Norden Äthiopiens zu unterstützen.

Im Zentrum stehen Kämpfer aus dem Umfeld der Tigray People’s Liberation Front (TPLF). Äthiopien beschuldigt Sudan, Ägypten und Eritrea, Rebellen in der Region Tigray Rückzugsräume und logistische Unterstützung bereitzustellen.

Alle drei Staaten bestreiten diese Vorwürfe. Unabhängige Belege für die behauptete Unterstützung liegen bislang nicht vor.

Die Spannungen reichen über die bilateralen Beziehungen zwischen Sudan und Äthiopien hinaus. Addis Abeba unterhält auch mit Ägypten und Eritrea zunehmend schwierige Beziehungen.

Bereits Anfang Oktober hatte Äthiopien zehn eritreische Diplomaten ausgewiesen. Eritrea reagierte darauf mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen. Auch ein ägyptischer Diplomat wurde im Oktober aus Äthiopien ausgewiesen.

Zwischen Äthiopien und Ägypten besteht zudem seit Jahren ein Streit über den Grand Ethiopian Renaissance Dam, den äthiopischen Staudamm am Blauen Nil. Kairo befürchtet negative Folgen für seine Wasserversorgung, während Addis Abeba das Projekt als zentralen Bestandteil seiner wirtschaftlichen Entwicklung betrachtet.

Grenzregion zwischen beiden Staaten wird zum Konfliktschauplatz

Die geschlossenen Konsulate befinden sich auf beiden Seiten einer sicherheitspolitisch sensiblen Grenzregion. Das sudanesische Konsulat in Assosa liegt in der äthiopischen Region Benishangul-Gumuz. Gedaref befindet sich auf sudanesischer Seite nahe der gemeinsamen Grenze.

Besonders angespannt ist die Lage im angrenzenden sudanesischen Bundesstaat Blue Nile. Dort haben RSF-Einheiten ihre militärischen Operationen im Laufe des Jahres ausgeweitet.

In der Nacht zum 5. November meldeten Einwohner der Stadt Al-Damazin, der Hauptstadt von Blue Nile, wiederholte Drohnenangriffe. Nach Angaben der Vereinten Nationen haben die Kämpfe in der Region rund 100.000 Menschen vertrieben. Ein erheblicher Teil von ihnen suchte Zuflucht in Al-Damazin.

Parallel dazu haben Drohnenangriffe auf Elektrizitätsanlagen in anderen Teilen Sudans die Strom- und Wasserversorgung beeinträchtigt. Betroffen waren zuletzt unter anderem Einrichtungen in Al-Dabbah und Abu Hamad im Norden des Landes.

Die sudanesische Regierung macht die RSF für diese Angriffe verantwortlich. Die Anschuldigungen gegen Äthiopien betreffen insbesondere die Frage, ob Teile dieser Operationen von dessen Staatsgebiet aus organisiert oder durchgeführt werden.

Khartum will offenen Krieg mit Äthiopien vermeiden

Trotz der gegenseitigen Ausweisungen erklärte die sudanesische Führung, eine direkte militärische Konfrontation mit Äthiopien vermeiden zu wollen.

„Die sudanesische Regierung hält an ihrem Recht fest, ihr Territorium zu verteidigen. Dennoch unternimmt sie alle möglichen Anstrengungen, um einen offenen Krieg mit Äthiopien zu vermeiden“, sagte Amjad Farid, Berater des sudanesischen Souveränitätsrats für Politik und auswärtige Angelegenheiten.

Die diplomatischen Beziehungen waren bereits zuvor erheblich eingeschränkt. Äthiopien ist seit Beginn des sudanesischen Bürgerkriegs nicht mehr auf Botschafterebene im Sudan vertreten. Im Mai hatte Khartum seinen Botschafter aus Addis Abeba zeitweise zu Konsultationen zurückgerufen.

Der Krieg zwischen der sudanesischen Armee und den RSF hat seit April 2023 nach Angaben der Vereinten Nationen mehr als 14 Millionen Menschen vertrieben. Gleichzeitig haben neue bewaffnete Auseinandersetzungen in Nordäthiopien die Sicherheitslage in Tigray verschärft.

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