Äthiopien: Tigray erklärt neuen Krieg – Kämpfe erfassen drei Regionen

Fano hatte während des Tigray-Krieges von 2020 bis 2022 noch auf Seiten der Bundesregierung gegen die TPLF gekämpft. Seit 2023 führt die Bewegung selbst einen bewaffneten Aufstand gegen die Regierung in Addis Abeba.

Im Norden Äthiopiens ist der Konflikt zwischen der Führung der Region Tigray und der Bundesregierung wieder in offene Kriegshandlungen übergegangen. Die Eskalation begann am Mittwoch, 23. September 2026. Tigray-Kräfte brachten Flughäfen unter ihre Kontrolle, Ethiopian Airlines stellte sämtliche Verbindungen nach Mekelle, Axum und Shire ein, während Kämpfe auch aus den benachbarten Regionen Afar und Amhara gemeldet wurden. Die Tigray-Regierung spricht von einem „Verteidigungskrieg“, Vertreter der Bundesregierung werfen ihr dagegen eine groß angelegte Offensive vor.

Tigray-Führung erklärt „Verteidigungskrieg“

Die von der Tigray People’s Liberation Front, TPLF, geführte Regionalregierung erklärte, ihre Streitkräfte seien angewiesen worden, auf Angriffe der Bundesregierung zu reagieren.

„Die Tigray-Kräfte wurden angewiesen, den Angriff abzuwehren, und sind in einen Verteidigungskrieg eingetreten“, hieß es in einer Erklärung aus Mekelle. Die Regionalregierung beschuldigte die Bundesregierung von Premierminister Abiy Ahmed, ihre Angriffe gegen Tigray ausgeweitet zu haben.

Aus Addis Abeba kam eine gegenteilige Darstellung. Getachew Reda, Berater Abiys und früher selbst führender TPLF-Politiker, erklärte, die TPLF habe eine „umfassende Offensive“ gegen Bundesstellungen in Afar und Amhara begonnen und zuvor von der Bundesregierung kontrollierte Flughäfen in Tigray übernommen.

Eine ausführliche Stellungnahme der äthiopischen Bundesregierung zu den Gefechten lag zunächst nicht vor. Reuters berichtete jedoch unter Berufung auf vier Regierungs-, Diplomaten-, humanitäre und konfliktnahe Quellen von Kämpfen in Tigray, Afar und Amhara.

Flughäfen unter Kontrolle von Tigray-Kräften

Besonders sichtbar wurde die Eskalation an den Flughäfen der nördlichen Region. Lokale und Sicherheitsquellen bestätigten die Übernahme des Flughafens von Mekelle durch Tigray-Kräfte. Die US-Botschaft in Addis Abeba erklärte, ihr lägen zudem Berichte vor, wonach auch die Flughäfen von Axum und Shire unter deren Kontrolle geraten seien.

Ethiopian Airlines reagierte mit der vollständigen Aussetzung der Flüge zu allen drei Städten.

„Ethiopian Airlines hat seine Flüge nach Mekelle, Shire und Axum ab heute aufgrund der gegenwärtigen Situation in der Region Tigray eingestellt“, teilte die staatliche Fluggesellschaft mit. Wann der Betrieb wieder aufgenommen werden kann, blieb offen.

Die US-Botschaft untersagte ihrem Personal Reisen nach Tigray und Afar und riet US-Bürgern, beide Regionen zu meiden. Menschen, die sich bereits dort aufhalten, sollten vorerst an einem sicheren Ort bleiben.

Kämpfe breiten sich nach Afar und Amhara aus

Die neuen Gefechte beschränken sich nicht auf Tigray. In der östlich angrenzenden Region Afar kämpfen Tigray-Kräfte nach Informationen von Reuters gemeinsam mit einer örtlichen bewaffneten Gruppe gegen ihre Gegner.

Die Regionalregierung von Afar warf der TPLF ihrerseits eine Invasion vor und kündigte an, ihre Gebiete gemeinsam mit Verbündeten zu verteidigen.

Auch in Amhara sind die Kämpfe eskaliert. Dort operieren Tigray-Kräfte nach Angaben mehrerer Quellen gemeinsam mit Teilen der Fano-Miliz. Bewohner der Stadt Lalibela berichteten Reuters, Bundeskräfte hätten schwere Waffen gegen vorrückende Fano-Einheiten eingesetzt, die sich rund 50 Kilometer außerhalb der Stadt befunden hätten.

Fano hatte während des Tigray-Krieges von 2020 bis 2022 noch auf Seiten der Bundesregierung gegen die TPLF gekämpft. Seit 2023 führt die Bewegung selbst einen bewaffneten Aufstand gegen die Regierung in Addis Abeba.

Ehemalige Kriegsgegner bilden gemeinsame Allianz

Der erneute Kriegsausbruch folgt nur wenige Tage auf eine politische Neuordnung unter Äthiopiens bewaffneten Oppositionsgruppen.

Sieben Organisationen verkündeten am Sonntag die Gründung der Ethiopian Peoples’ Forces Alliance for Survival. Zu ihr gehören unter anderem die TPLF, die Oromo Liberation Army und die Amhara Fano National Movement sowie Gruppen aus Afar und Benishangul-Gumuz. Die Allianz erklärte ausdrücklich, die Regierung von Abiy Ahmed stürzen und eine Übergangsregierung schaffen zu wollen.

Besonders bemerkenswert ist das Bündnis zwischen TPLF und Fano. Beide standen sich im Krieg von 2020 bis 2022 als Gegner gegenüber. Zwischen ihnen bestehen weiterhin erhebliche territoriale und politische Konflikte, weshalb offen ist, wie eng sie ihre militärischen Operationen tatsächlich koordinieren können.

Die Bundesregierung wirft Mitgliedern des neuen Bündnisses vor, bereits seit Längerem finanzielle Unterstützung aus Eritrea zu erhalten. Eritrea hat entsprechende Vorwürfe wiederholt zurückgewiesen.

Pretoria-Abkommen nach vier Jahren unter massivem Druck

Der Krieg zwischen der TPLF und den äthiopischen Bundeskräften hatte im November 2020 begonnen. Hunderttausende Menschen kamen während der zweijährigen Kämpfe ums Leben. Im November 2022 schlossen beide Seiten unter Vermittlung der Afrikanischen Union in Pretoria ein Friedensabkommen.

Die Vereinbarung beendete die großen Kampfhandlungen, wurde jedoch nur teilweise umgesetzt. Streit gab es unter anderem über die politische Kontrolle Tigrays, umstrittene Gebiete, die Entwaffnung und die Rückkehr von Vertriebenen.

Noch im Februar 2026 waren nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks rund 750.000 Menschen innerhalb Tigrays vertrieben. In den vergangenen Monaten hatten Drohnenangriffe, bewaffnete Zusammenstöße und der politische Bruch zwischen Addis Abeba und der TPLF die Spannungen erneut verschärft.

Afrikanische Union fordert sofortige Gespräche

Der Vorsitzende der Kommission der Afrikanischen Union, Mahmoud Ali Youssouf, rief beide Seiten auf, die Spannungen unverzüglich abzubauen und direkte Gespräche aufzunehmen. Auch die Nachbarstaaten sollten nichts unternehmen, was die Auseinandersetzung weiter verschärfen könne.

US-Botschafter Ervin Massinga machte dagegen die TPLF-Führung für die neue militärische Eskalation verantwortlich. Er sprach von einer „groß angelegten Offensive“ und warnte, Washington verfüge über Möglichkeiten für weitere Sanktionen. Gleichzeitig bezeichnete er einen politischen Dialog unter Vermittlung der Afrikanischen Union als den richtigen Weg.

Äthiopiens Präsident reagiert vor der UN

Nur wenige Stunden nach Beginn der neuen Kämpfe trat Äthiopiens Präsident Taye Atske Selassie vor die UN-Generalversammlung in New York.

Äthiopien habe trotz fortgesetzter Einmischung „feindlicher Elemente“ große Zurückhaltung gezeigt, erklärte er. „Unsere Botschaft an die Kräfte der Zerstörung und des Chaos ist laut und deutlich“, sagte der Präsident und forderte sie auf, das Recht der Menschen am Horn von Afrika auf Frieden und Wohlstand zu respektieren. Wen er mit den ausländischen Akteuren konkret meinte, führte er in diesem Zusammenhang nicht aus.

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