Rebeca Grynspan bleibt nach der jüngsten geheimen Abstimmung im UN-Sicherheitsrat die führende Kandidatin für das Amt der nächsten UN-Generalsekretärin, hat zugleich aber deutlich mehr Widerstand als noch in der vorherigen Runde erhalten. Am 7. Oktober stimmten neun der 15 Ratsmitglieder für „encourage“, sechs für „discourage“, niemand wählte „no opinion“. Damit erreicht Grynspan weiterhin die rechnerisch nötigen neun Stimmen für eine spätere formale Empfehlung. Ob sich unter ihren sechs Gegenstimmen jedoch eines oder mehrere der fünf Vetoländer befinden, ist weiterhin unbekannt.
Das Ergebnis verschärft damit die zentrale Unsicherheit des Auswahlverfahrens. In der vorherigen Abstimmungsrunde hatte Grynspan noch zehn unterstützende, drei ablehnende und zwei neutrale Stimmen erhalten. Ihre Zahl der Gegenstimmen hat sich nun verdoppelt.
Kein Kandidat erreicht bislang einen klaren Konsens
Hinter Grynspan fällt das Feld deutlich zurück.
Rafael Grossi aus Argentinien kam in der aktuellen Runde auf sechs unterstützende und sieben ablehnende Stimmen sowie zwei Enthaltungen. Carolyn Rodrigues-Birkett aus Guyana erhielt fünf unterstützende Stimmen, neun Gegenstimmen und eine Enthaltung.
Der frühere ugandische Außenminister und UN-Diplomat Olara Otunnu kam auf drei unterstützende und zwölf ablehnende Stimmen. Macky Sall aus Senegal erhielt fünf „encourage“ und zehn „discourage“. María Fernanda Espinosa aus Ecuador erreichte drei unterstützende, neun ablehnende und drei neutrale Stimmen.
Damit erhielt außer Grynspan keiner der genannten Kandidaten mehr positive als negative Stimmen.
Der Sicherheitsrat veröffentlicht die Ergebnisse dieser informellen Abstimmungen nicht offiziell. Die Zahlen werden aus diplomatischen Kreisen bekannt und dienen dazu, die Unterstützung für einzelne Kandidaturen zu testen, bevor der Rat eine formelle Empfehlung an die UN-Generalversammlung abgibt.
Grynspans Vorsprung schrumpft
Für Grynspan ist das Ergebnis zugleich Erfolg und Warnsignal.
Sie bleibt die einzige Kandidatin, die derzeit neun positive Stimmen erreicht. Genau diese Zahl wäre für eine formelle Empfehlung des Sicherheitsrats mindestens erforderlich.
Der Unterschied zwischen einer informellen Probeabstimmung und der späteren Entscheidung ist jedoch erheblich. Für die formale Empfehlung müssen nicht nur mindestens neun Ratsmitglieder zustimmen. Keines der fünf ständigen Mitglieder USA, China, Russland, Frankreich und Großbritannien darf die Kandidatur mit einem Veto blockieren.
Bislang verwenden die Ratsmitglieder dieselben Stimmzettel. Deshalb lässt sich nicht erkennen, ob ein „discourage“ von einem der fünf Vetomächte oder von einem der zehn gewählten Ratsmitglieder stammt.
Gerade deshalb ist die Zahl von sechs Gegenstimmen für Grynspan problematisch. Sie zeigt, dass ihre Kandidatur trotz des Vorsprungs weiterhin keinen breiten Konsens im Rat erreicht hat.
Farbige Stimmzettel werden zum nächsten entscheidenden Test
Die nächste Phase könnte erstmals Klarheit über die Haltung der Vetomächte schaffen.
Für eine der kommenden Abstimmungen wird mit sogenannten farbcodierten Stimmzetteln gerechnet. Dabei erhalten die fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats andere Stimmzettel als die zehn gewählten Mitglieder.
Damit lässt sich erkennen, ob eine ablehnende Stimme aus dem Kreis der Vetomächte stammt, ohne offenzulegen, welches konkrete Land sie abgegeben hat.
Eine solche Abstimmung könnte nach derzeitigen Planungen Mitte Oktober stattfinden. Als möglicher Termin wird der 16. Oktober genannt.
Erst dann dürfte sich zeigen, ob Grynspans sechs Gegenstimmen vor allem aus dem Kreis der gewählten Ratsmitglieder kommen oder ob mindestens eine Vetomacht ihre Kandidatur grundsätzlich ablehnt.
Schwaches Feld könnte neue Kandidaturen auslösen
Die jüngste Abstimmung verändert deshalb auch die Dynamik außerhalb des bestehenden Kandidatenfeldes.
Diplomaten in New York rechnen inzwischen damit, dass weitere hochrangige Persönlichkeiten in das Rennen einsteigen könnten. Mehrere ehemalige oder amtierende Außenminister und frühere Staats- und Regierungschefs erwägen nach Angaben aus UN-Kreisen eine Kandidatur.
Die Voraussetzung dafür ist politisch günstig: Zwar führt Grynspan das Feld an, doch auch sie kann bislang keinen stabilen Konsens vorweisen. Gleichzeitig haben alle anderen Kandidaten inzwischen mehr Gegenstimmen als Unterstützung.
Damit entsteht eine Konstellation, in der ein später Kandidat versuchen könnte, sich als Kompromiss zwischen den fünf Vetomächten und den übrigen Mitgliedern des Sicherheitsrats zu positionieren.
Ein solcher Verlauf wäre im Auswahlverfahren für UN-Generalsekretäre nicht ungewöhnlich. Die informellen Abstimmungen dienen gerade dazu, Kandidaten mit begrenzter Unterstützung sichtbar zu machen und schrittweise ein Feld herauszubilden, auf das sich die Vetomächte einigen können.
Grynspan setzt auf Vermittlung und UN-Reform
Grynspan hat ihre Kandidatur unterdessen mit einem umfassenden Reformprogramm verbunden.
Die frühere Vizepräsidentin Costa Ricas und bisherige Generalsekretärin der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung beschreibt die Vereinten Nationen als Organisation in einer politischen, institutionellen und operativen Krise.
Ihr Programm beruht auf drei Schwerpunkten: Frieden und Sicherheit, bessere Ergebnisse der Organisation und der Aufbau einer stärker auf technologische und wirtschaftliche Veränderungen vorbereiteten UN.
Besonders stark betont sie die Rolle des Generalsekretärs als Vermittler. Die UN müsse wieder häufiger an den Verhandlungstisch zurückkehren und ihre „Good Offices“ stärker nutzen.

Grynspan verweist dabei auf ihre eigene Rolle während des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine. 2022 war sie an den Verhandlungen beteiligt, die zur sogenannten Schwarzmeer-Getreideinitiative führten. Nach ihrer Darstellung trugen die Vereinbarungen dazu bei, die globalen Lebensmittelpreise zu senken und Versorgungsengpässe abzufedern.
„Kriege warten nicht auf perfekte Bedingungen. Diplomatie sollte es auch nicht tun“, formuliert sie in ihrem Konzept für das Amt.
Mehr Macht für Vermittlung und Krisenprävention
Grynspan will die Vermittlungsfähigkeiten der Vereinten Nationen schneller und flexibler machen.
Mediationsteams sollen kurzfristiger eingesetzt werden können. Frühwarnsysteme und KI-gestützte Analysen sollen Risiken früher sichtbar machen. Friedensmissionen sollen enger mit regionalen Organisationen und lokalen Akteuren zusammenarbeiten.
Auch organisierte Kriminalität, Terrorismus, Waffenhandel, Cyberangriffe und neue militärische Technologien zählt sie zu den zentralen Sicherheitsproblemen der kommenden Amtszeit.
Den Sicherheitsrat will Grynspan dabei nicht umgehen. In ihrem Programm betont sie ausdrücklich dessen besondere rechtliche Stellung und fordert zugleich eine stärkere Repräsentativität des Gremiums.
Eine Reform des Sicherheitsrats gehört seit Jahren zu den großen Forderungen afrikanischer Staaten, die trotz ihrer zahlenmäßigen Bedeutung innerhalb der Vereinten Nationen weiterhin keinen ständigen Sitz besitzen.
Reformprogramm richtet sich gegen schwerfällige UN-Strukturen
Ein zweiter Schwerpunkt ihrer Kandidatur betrifft die innere Organisation der Vereinten Nationen.
Grynspan fordert eine UN, die „nützlicher, agiler und rechenschaftspflichtiger“ arbeitet. Überschneidende Zuständigkeiten und getrennte Entscheidungsprozesse sollen reduziert werden.
Mandate, Budgets und Umsetzung müssten stärker aufeinander abgestimmt werden. Gleichzeitig fordert sie schnellere Entscheidungswege und flexiblere Finanzierung für Krisensituationen.
Künstliche Intelligenz und datenbasierte Analysen sollen dabei nicht nur Gegenstand internationaler Regulierung sein, sondern auch im operativen UN-System selbst genutzt werden.
Grynspan kündigt außerdem leistungsbezogene und geografisch ausgewogene Personalentscheidungen, öffentliche Erfolgsmessung und unabhängige Evaluierungen an.
Entwicklungsfragen bleiben zentral
Die Kandidatin verbindet Sicherheitsfragen eng mit wirtschaftlicher Entwicklung.
Viele Entwicklungs- und Schwellenländer hätten trotz wachsender globaler Vermögen weiterhin Schwierigkeiten beim Zugang zu Kapital, Technologie, Handel und Investitionen. Besonders betroffen seien verschuldete Staaten, Binnenländer und Länder, die stark unter klimatischen Veränderungen leiden.
Grynspan sieht darin auch eine sicherheitspolitische Frage. Entwicklung, Frieden und politische Stabilität könnten nicht dauerhaft voneinander getrennt werden.
Ihr Programm greift damit Themen auf, die insbesondere für afrikanische Staaten eine große Rolle spielen: Finanzierung, Schulden, Klimarisiken, Infrastruktur, technologische Teilhabe und eine stärkere Rolle regionaler Organisationen.
Afrikas Kandidat Macky Sall bleibt weit zurück
Für Afrika fällt die aktuelle Abstimmungsrunde dagegen ernüchternd aus.
Auch Olara Otunnu aus Uganda konnte seine Position nicht verbessern. Zwölf der 15 Ratsmitglieder stimmten gegen seine Kandidatur.
Damit zeichnet sich bislang kein afrikanischer Kandidat mit realistischer Mehrheit ab.
Die Auswahl des nächsten Generalsekretärs fällt zugleich in eine Phase, in der afrikanische Staaten verstärkt eine Reform der Vereinten Nationen und insbesondere des Sicherheitsrats verlangen. Mehrere Regierungen argumentieren, die heutige Machtverteilung bilde die geopolitischen Realitäten nicht mehr ab.
Entscheidung liegt letztlich bei den Vetomächten
António Guterres scheidet Ende 2026 nach zwei Amtszeiten aus dem Amt.
Der Sicherheitsrat muss der Generalversammlung einen Kandidaten empfehlen. Für diese Empfehlung sind mindestens neun Stimmen erforderlich und kein Veto eines ständigen Ratsmitglieds darf dagegenstehen.
Die Generalversammlung nimmt anschließend die formelle Ernennung vor.
In der mehr als 80-jährigen Geschichte der Vereinten Nationen hat bislang keine Frau das Amt des Generalsekretärs bekleidet.
Grynspan bleibt damit trotz ihres geschrumpften Vorsprungs die am stärksten unterstützte Kandidatin. Die nächste entscheidende Frage lautet jedoch nicht mehr nur, wie viele Mitglieder sie unterstützen, sondern ob eine der fünf Vetomächte bereit ist, ihre Kandidatur zu blockieren.

