Somalia fordert, internationale Hilfe künftig stärker über nationale Institutionen zu steuern und die Vorstellung zu beenden, das Land verfüge nicht über ausreichende staatliche Kapazitäten. Präsident Hassan Sheikh Mohamud formulierte den Anspruch am Donnerstag, 24. September 2026, vor der UN-Generalversammlung in New York. Ein großer Teil der UN-Unterstützung laufe weiterhin über parallele Strukturen und außerhalb des somalischen Staatshaushalts, kritisierte er. Zugleich verband Mohamud den Anspruch auf mehr Eigenverantwortung mit direkten Wahlen, einer gesicherten Finanzierung der afrikanischen Sicherheitsmission und mehr Einfluss Afrikas im UN-Sicherheitsrat.
Mohamud will das Verhältnis zu den UN neu ordnen
Seit mehr als drei Jahrzehnten begleiten die Vereinten Nationen Staatsaufbau, humanitäre Hilfe und Sicherheitsprozesse in Somalia. Für Mohamud ist dieses Modell an einem Punkt angelangt, an dem sich die Rollen verändern müssen.
Somalia verlange keinen Rückzug der UN, sagte der Präsident. Nötig sei vielmehr „eine verantwortungsvollere, strategischere und ergebnisorientierte Partnerschaft“, in der somalische Institutionen die Führung bei der Umsetzung übernehmen.
Nach Darstellung Mohamuds wird ein großer Teil internationaler Hilfe weiterhin über parallele Strukturen, einzelne Projekte und außerhalb des nationalen Haushalts abgewickelt. Dies erschwere der Regierung Planung und Koordinierung und behindere den langfristigen Aufbau staatlicher Institutionen.
Besonders deutlich wurde der Präsident bei einem Grundsatz, der die internationale Zusammenarbeit mit Somalia über Jahrzehnte geprägt habe.
Die Vorstellung aus der früheren UN-Entwicklungspolitik, Länder wie Somalia verfügten grundsätzlich nicht über ausreichende eigene Kapazitäten, müsse „dauerhaft auf den Müllhaufen der Geschichte verbannt werden“, sagte Mohamud.
„Wir haben heute fähige Menschen, Institutionen und politische Konzepte, die unsere nationale Transformation selbstbewusst steuern.“
Die Vereinten Nationen haben ihre politische Präsenz in Somalia bereits schrittweise verändert. Die frühere Unterstützungsmission UNSOM wurde Ende Oktober 2024 beendet und durch die Übergangsmission UNTMIS ersetzt. Deren Aufgaben sollen zunehmend an somalische Behörden, das UN-Länderteam und andere Akteure übergehen.
Direkte Wahlen sollen ein Kapitel seit 1969 schließen
Mohamud verband den Anspruch auf stärkere nationale Verantwortung mit der politischen Ordnung des Landes.
Somalias letzte landesweite Wahl nach allgemeinem Wahlrecht fand 1969 statt. Seither wurden nationale politische Ämter über unterschiedliche indirekte Verfahren bestimmt.
„Heute sind wir entschlossen, diese Geschichte zu ändern“, sagte Mohamud.
Die laufende Verfassungsreform solle die Grundlagen für allgemeines Wahlrecht, verantwortliche Institutionen und ein Mehrparteiensystem schaffen. Ziel sei eine Demokratie, „in der Differenzen durch Dialog, Recht und Wahlen gelöst werden, nicht durch Gewalt“.
Der Weg dorthin ist jedoch innenpolitisch umstritten. Im Juni 2026 warnten die Vereinten Nationen nach gewaltsamen Auseinandersetzungen in Mogadischu vor einer erneuten Eskalation des Streits um den Wahlfahrplan. UN-Generalsekretär António Guterres forderte Regierung und andere politische Akteure auf, ihre Gespräche wieder aufzunehmen.
Zu den Streitpunkten gehören Verfassungsänderungen und der künftige Wahlmodus. Im ersten Halbjahr 2026 wurden die Mandate von Parlament und Präsident um ein Jahr verlängert und die nächsten Wahlen entsprechend verschoben. Internationale Partner forderten daraufhin einen politischen Konsens über einen Wahlfahrplan. Die Beziehungen der Bundesregierung in Mogadischu zu den Regionalregierungen Puntland und Jubaland blieben ebenfalls angespannt.
Damit steht der von Mohamud vor den UN beschriebene Übergang zu einer direkten Demokratie zugleich vor der Aufgabe, einen Wahlmodus zu finden, der von den wesentlichen politischen Kräften des föderalen Systems mitgetragen wird.
Somalia verlangt Geld für die Sicherheitsübergabe
Auch in der Sicherheitspolitik beansprucht Mogadischu schrittweise mehr Verantwortung.
Somalia befinde sich weiterhin „an der Frontlinie“ des Kampfes gegen internationalen Terrorismus, sagte Mohamud. Die Übergabe der Sicherheitsverantwortung an somalische Institutionen müsse jedoch ausreichend finanziert und schrittweise umgesetzt werden.
Besonders hob er die Unterstützung für die African Union Support and Stabilization Mission in Somalia, AUSSOM, hervor. Die AU-Mission unterstützt somalische Sicherheitskräfte insbesondere im Kampf gegen Al-Shabaab und soll zugleich die weitere Übernahme von Sicherheitsaufgaben durch Somalia ermöglichen.
Die Finanzierung bleibt offen. Für 2025 belief sich das AUSSOM-Budget nach Angaben in einem Bericht des UN-Generalsekretärs auf 154,7 Millionen Dollar. Mitte 2026 bestand davon noch eine Finanzierungslücke von etwa 38,5 Millionen Dollar. Im Sicherheitsrat gibt es zudem unterschiedliche Positionen darüber, ob und in welchem Umfang die Mission über reguläre UN-Beiträge finanziert werden soll.
Der Sicherheitsrat verlängerte das Mandat der Mission bis Ende 2026 und autorisierte weiterhin bis zu 11.826 uniformierte Kräfte.

Mohamuds Forderung nach stärkerer somalischer Führung bedeutet damit nicht den Verzicht auf internationale Unterstützung. Mogadischu will Sicherheitskräfte, staatliche Institutionen und Entwicklungsprogramme zunehmend selbst steuern, verlangt dafür aber weiterhin internationale Finanzierung und technische Unterstützung.
Von Krisenhilfe zur Prävention
Auch die Art der internationalen Finanzierung stellte Mohamud infrage.
Zu viele Mittel würden erst mobilisiert, nachdem Konflikte, Dürren oder andere Katastrophen bereits eingetreten seien. Somalia fordere deshalb einen stärkeren Wechsel von Krisenreaktion zu Vorsorge, resilienter Infrastruktur und Frühwarnmaßnahmen.
„Lasst uns nicht nur in die Bewältigung von Krisen investieren, sondern auch in ihre Verhinderung“, sagte der Präsident.
Diese Forderung trifft Somalia unmittelbar. Wiederkehrende Dürren, Überschwemmungen und die Gewalt von Al-Shabaab belasten den Staatshaushalt und die humanitäre Versorgung. Gleichzeitig versucht die Bundesregierung in Mogadischu nach dem internationalen Schuldenerlass, eigene Einnahmen zu erhöhen und das öffentliche Finanzmanagement auszubauen.
Mohamud bezifferte das reale Wirtschaftswachstum für 2026 auf 3,1 Prozent.
Afrika soll dauerhaft im Sicherheitsrat vertreten sein
Somalia übertrug seine Forderung nach institutioneller Eigenverantwortung zugleich auf die Vereinten Nationen selbst.
Mohamud verlangte einen repräsentativeren, transparenteren und handlungsfähigeren Sicherheitsrat. Afrika sei unter den ständigen Mitgliedern überhaupt nicht und unter den nichtständigen Mitgliedern nicht ausreichend vertreten.
„Diese historische Ungerechtigkeit gegenüber 54 souveränen Staaten kann nicht unbegrenzt aufgeschoben werden“, sagte er.
Somalia unterstützt damit die gemeinsame Position der Afrikanischen Union, die eine dauerhafte afrikanische Vertretung im Sicherheitsrat verlangt.
Das Land sitzt derzeit selbst als gewähltes Mitglied im Sicherheitsrat. Sein Mandat läuft von 2025 bis Ende 2026. Neben Somalia gehören derzeit unter anderem die Demokratische Republik Kongo und Liberia dem Rat als afrikanische nichtständige Mitglieder an. Dauerhafte Sitze besitzen ausschließlich China, Frankreich, Russland, Großbritannien und die Vereinigten Staaten.
„Lasst uns von Versprechen zu Ergebnissen kommen“, sagte Mohamud. Vertrauen in die Vereinten Nationen werde nicht durch weitere Erklärungen wiederhergestellt, sondern dadurch, dass Institutionen internationales Recht konsequent anwendeten und Ergebnisse lieferten, die Menschen tatsächlich wahrnehmen könnten.

