1 Euro Entwicklungshilfe, 2,50 Euro mehr Exporte: Studie beziffert Effekt für Deutschland

1 Euro Entwicklungshilfe – 2,50 Euro zusätzliche deutsche Exporte: Eine neue Göttinger Studie beziffert erstmals umfassend, wie stark deutsche Unternehmen und Arbeitsplätze von bilateraler Entwicklungspolitik profitieren.

Ein Euro deutscher Entwicklungszusammenarbeit geht nach einer neuen Göttinger Untersuchung mit durchschnittlich 2,50 Euro zusätzlichen deutschen Waren- und Dienstleistungsexporten in Partnerländer einher. Die Ergebnisse wurden am 24. August 2026 von KfW Development Research aufgegriffen. Die Forschenden beziffern die damit verbundenen Beschäftigungseffekte auf rund 379.000 geschaffene oder gesicherte Arbeitsplätze in Deutschland. Entwicklungsministerin Reem Alabali Radovan sieht darin ein Argument dafür, Entwicklungspolitik auch als Teil deutscher Wirtschafts- und Interessenpolitik zu betrachten.

Alabali Radovan: Deutschland profitiert wirtschaftlich

„Wer bei Entwicklungspolitik nur sieht, was Deutschland ausgibt, übersieht, was Deutschland dadurch gewinnt“, erklärte Alabali Radovan zu den Ergebnissen. Die Studie zeige, dass Entwicklungszusammenarbeit nicht nur Partnerländer unterstütze, sondern zugleich deutsche Unternehmen stärke und Arbeitsplätze sichere.

Die Ministerin verwies dabei auch auf ihre jüngste Reise nach Indonesien. Dort habe sie ein großes Interesse an deutscher Technologie und deutschen Investitionen erlebt. Angesichts eines härteren internationalen Wettbewerbs um Märkte, Rohstoffe und politische Partner könne Deutschland es sich nicht leisten, anderen Staaten wirtschaftlich das Feld zu überlassen.

Die Untersuchung liefert für diese Argumentation einen deutlich höheren Wert als frühere Studien. Der zentrale Schätzwert liegt bei 2,50 Euro zusätzlichen Exporten je Euro bilateraler Entwicklungszusammenarbeit. In der wissenschaftlichen Studie wird für Deutschland eine Bandbreite von umgerechnet 1,88 bis 3,11 Dollar zusätzlicher Exporte je eingesetztem Dollar ausgewiesen. Der Wert von 2,50 entspricht dem mittleren Schätzwert.

Deutschland zeigt stärksten Effekt unter fünf Geberländern

Die Ökonomen Inmaculada Martínez-Zarzoso und Jonathan Lessing untersuchten die Entwicklungszusammenarbeit von Deutschland, Dänemark, den Niederlanden, Norwegen und Schweden mit ihren jeweiligen Partnerländern zwischen 2005 und 2024. Anders als viele ältere Arbeiten beziehen sie neben Waren erstmals auch Dienstleistungen umfassend in die Berechnungen ein.

Für Deutschland zeigt das verwendete Handelsmodell einen besonders ausgeprägten Zusammenhang. Eine Erhöhung der bilateralen Entwicklungsleistungen um zehn Prozent geht den Berechnungen zufolge langfristig mit einem Anstieg der deutschen Exporte in das betreffende Partnerland um rund 1,1 Prozent einher. Der deutsche Effekt fällt im Vergleich der fünf untersuchten Geberländer am höchsten aus.
Die Forschenden berücksichtigen dabei unter anderem Einkommen, Wechselkurse, Freihandelsabkommen und andere Faktoren, die den Handel zwischen zwei Staaten beeinflussen. Zudem prüfen sie, ob der Zusammenhang auch bestehen bleibt, wenn speziell auf Handelsförderung ausgerichtete Entwicklungshilfe herausgerechnet beziehungsweise kontrolliert wird. Auch unter diesen Bedingungen bleibt für Deutschland ein positiver statistischer Zusammenhang bestehen.

Maschinenbau und Transport mit hohen Exporteffekten

Besonders deutlich sind die errechneten Effekte in mehreren für die deutsche Exportwirtschaft wichtigen Branchen. Dazu gehören Maschinenbau, Transport, Informationstechnologie sowie die Chemie- und Elektroindustrie.

Die sektoralen Berechnungen zeigen, dass allein bei Warenexporten der größte zusätzliche Exportwert auf Transportausrüstung und Maschinen entfällt. Für Transportausrüstung errechnet die Studie rund 13,1 Milliarden Dollar an zusätzlichen Exporten, für Maschinen etwa 10,7 Milliarden Dollar. Auch Computer- und Elektronikprodukte, chemische Erzeugnisse und elektrische Ausrüstung weisen hohe Werte auf.

Über alle untersuchten Waren- und Dienstleistungssektoren hinweg kommen die Autoren auf rund 57,2 Milliarden Dollar an zusätzlichen Exporten. Mithilfe von Input-Output-Daten berechnen sie daraus knapp 379.000 Arbeitsplätze und eine mit diesen Exporten verbundene Wertschöpfung von etwa 37,8 Milliarden Dollar in Deutschland.

Schwellenländer bringen stärkere Handelswirkungen

Der wirtschaftliche Effekt verteilt sich nicht gleichmäßig auf alle Partnerländer. Besonders ausgeprägt ist er bei größeren Schwellenländern. Bei ärmeren Empfängerländern fällt der zusätzliche Exportwert dagegen tendenziell geringer aus, obwohl auch dort positive Zusammenhänge auftreten können. Ein Grund liegt nach Darstellung der Forschenden in der niedrigeren Importnachfrage dieser Volkswirtschaften.

Als mögliche Ursachen nennen die Autoren mehrere Mechanismen. Entwicklungszusammenarbeit kann Einkommen und wirtschaftliche Aktivität in Partnerländern erhöhen und damit deren Fähigkeit verbessern, Waren und Dienstleistungen zu importieren. Langjährige Beziehungen können zugleich Informationsbarrieren zwischen Unternehmen verringern, Vertrauen schaffen und den Marktzugang für Firmen aus dem Geberland erleichtern.

Damit reichen die untersuchten Effekte über Projekte hinaus, bei denen deutsche Unternehmen unmittelbar Aufträge erhalten. Auch Entwicklungsmaßnahmen in Bereichen ohne direkten Beschaffungsbezug können dem Modell zufolge längerfristig Handelsbeziehungen beeinflussen.

Nicht jeder Euro Entwicklungshilfe ist erfasst

Die Zahl von 2,50 Euro lässt sich allerdings nicht pauschal auf den gesamten deutschen Entwicklungsetat oder auf jedes einzelne Projekt übertragen. Untersucht wurde ausschließlich direkt einem Empfängerland zurechenbare bilaterale öffentliche Entwicklungszusammenarbeit. Die KfW weist deshalb ausdrücklich darauf hin, dass der berechnete Effekt nicht für jedes Vorhaben gelten kann.

Nicht berücksichtigt werden unter anderem Schuldenerlasse, regional eingesetzte Mittel ohne eindeutiges Empfängerland und Entwicklungsausgaben, die im Geberland selbst anfallen. Dazu gehören etwa bestimmte Kosten für die Aufnahme von Flüchtlingen, die nach den Regeln der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung teilweise als öffentliche Entwicklungsleistungen angerechnet werden können.

Die Studie „More than Meets the Port: Donor Export Effects of Foreign Aid Revisited“ erschien als Diskussionspapier des Ibero-Amerika-Instituts für Wirtschaftsforschung der Universität Göttingen. Sie basiert auf Handels- und Entwicklungsdaten für den Zeitraum von 2005 bis 2024 und untersucht die Exportwirkungen bilateraler Entwicklungszusammenarbeit bei fünf europäischen Geberstaaten.

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