Der Attentäter des Berliner Christopher Street Days, Abdul Ballout, hatte versucht, über Mauretanien zum Islamischen Staat auszureisen, während dessen afrikanische Ableger ihre Kämpfer zunehmend zwischen dem Tschadsee und dem Sahel verlagern. Die Tat ereignete sich am 25. Juli 2026. Bei dem Angriff wurde eine Frau getötet, 29 Menschen wurden verletzt. Neue Recherchen des Institute for Security Studies zeigen zugleich, wie eng die IS-Strukturen in Westafrika und im Sahel inzwischen zusammenarbeiten.
Der 21-jährige Abdul Ballout ist am Rand des Berliner CSD mit einem gemieteten Fahrzeug in eine Menschenmenge gefahren und anschließend weitere Menschen mit einer Stichwaffe angegriffen haben. Die Behörden gehen von einem islamistischen Terroranschlag aus. Der Tatverdächtige wurde nach einer fast eintägigen Fahndung bei einem Polizeieinsatz getötet.
Erster Reiseversuch führte nach Mauretanien
Abdul Ballout hatte bereits in der zweiten Hälfte des Jahres 2025 den Entschluss gefasst, sich dem bewaffneten Kampf des Islamischen Staates anzuschließen. Im Mai versuchte er zunächst, über die Türkei nach Mauretanien auszureisen. Der Versuch scheiterte. Wenige Tage später flog er über die Türkei in den Libanon, um von dort nach Syrien weiterzureisen und sich dem IS anzuschließen.
Im Libanon nahm er nach Erkenntnissen der Berliner Generalstaatsanwaltschaft Kontakt zu Personen auf, die er für Mitglieder der Terrororganisation hielt. Die libanesischen Behörden nahmen ihn im Juli 2025 fest. Nach einer dreimonatigen Haft kehrte er im November nach Deutschland zurück und wurde am Flughafen Berlin-Brandenburg erneut festgenommen.

Das Amtsgericht Tiergarten verurteilte ihn im Mai 2026 wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat und wegen der Verbreitung verbotener IS-Propaganda zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und zehn Monaten. Das Gericht stellte die Entscheidung über eine Bewährung zunächst für sechs Monate zurück und hob den Haftbefehl auf. Das Urteil war noch nicht rechtskräftig, weil die Generalstaatsanwaltschaft eine höhere Strafe und seine weitere Inhaftierung verlangt hatte.
Die Generalstaatsanwaltschaft benennt keinen konkreten afrikanischen IS-Ableger, dem sich Abdul Ballout anschließen wollte. Sein versuchter Reiseweg nach Mauretanien führte jedoch an den westlichen Rand des Sahel, in dessen östlicheren Teilen die sogenannte Provinz Islamischer Staat Sahel inzwischen große Gebiete bedroht.
ISWAP will 100 Kämpfer nach Mali schicken
Nach Erkenntnissen des Institute for Security Studies hat die Führung der Provinz Islamischer Staat Westafrika beschlossen, 100 Kämpfer zur Unterstützung der Provinz Islamischer Staat Sahel zu entsenden. Ziel ist demnach die Region Ménaka im Osten Malis nahe der Grenze zu Niger.
Das Institut stützt sich auf Aussagen von Überläufern, die weiterhin mit aktiven Kämpfern in Verbindung stehen. Die Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen. Demnach benötigt der IS-Ableger im Sahel Verstärkung, nachdem er sich aus Teilen der Region zurückziehen musste, die malische Truppen wieder unter ihre Kontrolle gebracht hatten.
ISWAP operiert vor allem im Gebiet des Tschadsees und im Nordosten Nigerias. Der Sahel-Ableger ist hauptsächlich im Grenzgebiet zwischen Mali, Burkina Faso und Niger aktiv. Dort konkurriert er auch mit der al-Qaida-nahen Gruppierung Jama’at Nusrat al-Islam wal-Muslimin.
Die geplante Verlegung über mehrere Ländergrenzen hinweg zeigt, dass die regionalen Ableger nicht getrennt voneinander handeln. Kämpfer, Waffen, Ausbilder und technische Fähigkeiten werden zwischen weit entfernten Einsatzgebieten verschoben.
Weitere Kämpfer sollen nach Zentralnigeria
Neben der Verstärkung für Mali sollen weitere 50 ISWAP-Kämpfer in den zentralnigerianischen Bundesstaat Nasarawa entsandt werden. Bereits im vergangenen Jahr hatte die Organisation nach Angaben des ISS 25 Männer dorthin geschickt.
ISWAP soll in Nasarawa eine verdeckte Zelle aufgebaut haben. Ein vergleichbares Netzwerk besteht dem Institut zufolge im benachbarten Bundesstaat Kogi. Diese Zelle soll 2022 an einem Angriff auf eine Kirche im Südwesten Nigerias und an der Erstürmung des Kuje-Gefängnisses in der Hauptstadt Abuja beteiligt gewesen sein.
Kämpfer der IS-Provinz Sahel sind zugleich aus dem Süden Nigers in die nordwestnigerianischen Bundesstaaten Sokoto und Kebbi vorgedrungen. Damit treffen im Grenzgebiet von Nigeria, Niger und Benin mehrere bewaffnete Gruppen und Schmuggelnetzwerke aufeinander.
Gemeinsamer Angriff auf Flughafen in Niger
Die Zusammenarbeit der beiden IS-Ableger wurde bereits bei koordinierten Angriffen auf den internationalen Flughafen Diori Hamani und den Militärstützpunkt Air Base 101 in Niger sichtbar. ISWAP stellte dafür nach Informationen des Instituts Kämpfer und Drohnen aus dem Tschadseegebiet und dem Nordwesten Nigerias bereit.
Der Sahel-Ableger hatte zuvor die Ziele ausgespäht und die Angriffe vorbereitet. Vertreter der Multinationalen Gemeinsamen Einsatztruppe am Tschadsee beobachteten bereits Wochen zuvor Bewegungen von ISWAP-Kämpfern in westlicher Richtung. Niger war dennoch nicht ausreichend auf die Attacken vorbereitet.
Die Multinationale Gemeinsame Einsatztruppe koordiniert den Kampf gegen islamistische Gruppen rund um den Tschadsee. Ihre Strukturen reichen jedoch nicht in gleicher Weise in die zentralen Sahelstaaten hinein. Die dortigen Sicherheitskräfte arbeiten wiederum nur eingeschränkt mit den Institutionen rund um den Tschadsee zusammen.
ISWAP senkt Rekrutierungsalter auf 15 Jahre
ISWAP steht gleichzeitig unter militärischem und finanziellem Druck. Bei gemeinsamen amerikanisch-nigerianischen Angriffen im Mai sollen der Kommandeur Bukar Mainok und rund 200 Kämpfer getötet worden sein. Der Schura-Rat der Organisation beschloss daraufhin, die Abgaben auf Viehzucht und Fischerei in den kontrollierten Gebieten um 50 Prozent zu erhöhen.
Die Führung senkte zudem das Mindestalter für neue Rekruten von 17 auf 15 Jahre. Der Schwerpunkt der Anwerbung liegt demnach auf der Region Tumbuma im nigerianischen Bundesstaat Borno. Viele Jugendliche werden nicht freiwillig angeworben, sondern unter Druck gesetzt oder zwangsrekrutiert.
Zehn ausländische Ausbilder aus dem Irak, Tschetschenien und Libyen sollen im Juli in das Einsatzgebiet gereist sein. Sie sollen ISWAP-Kämpfer im Umgang mit Flugabwehrwaffen unterweisen, die mutmaßlich aus dem Sudan geliefert wurden. Die Organisation hatte zuvor Reisebeschränkungen für ausländische Dschihadisten zu ihren Stützpunkten auf Inseln im Tschadsee aufgehoben.
Politische Brüche behindern den Informationsaustausch
Zwischen den Sicherheitsstrukturen am Tschadsee und jenen im Sahel bestehen nach Angaben von Vertretern der Afrikanischen Union kaum feste Kanäle für den Austausch von Geheimdienstinformationen. Die nationalen Systeme sind auf einzelne Länder oder Teilregionen ausgerichtet, während sich die Terrororganisationen über diese Grenzen hinweg bewegen.
Mali, Niger und Burkina Faso haben die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS verlassen und eine eigene Allianz der Sahelstaaten gegründet. Die drei militärisch regierten Länder bauen eine gemeinsame Eingreiftruppe auf. ECOWAS arbeitet parallel an einer eigenen regionalen Einheit gegen den Terrorismus.
Das Institute for Security Studies fordert einen ständigen Informationskanal zwischen den Staaten des Sahel und des Tschadseebeckens. Der Sondergesandte der Afrikanischen Union für den Sahel, Burundis Präsident Évariste Ndayishimiye, könnte nach Einschätzung des Instituts Gespräche über eine solche Zusammenarbeit vermitteln.

