ECOWAS stellt Weichen neu: Senegal übernimmt Führung, Pipeline-Deal und Anti-Terror-Pläne beschlossen

Neustart für Westafrika: Senegal übernimmt die ECOWAS-Spitze – und treibt Pipeline-Projekt sowie Anti-Terror-Pläne voran.

Senegals Präsident Bassirou Diomaye Faye übernimmt den Vorsitz der westafrikanischen Staatengemeinschaft ECOWAS, während der frühere senegalesische Verteidigungsminister Birame Diop zum Präsidenten der ECOWAS-Kommission ernannt wurde. Die Personalentscheidungen fielen am 19. Juli 2026 beim Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs in Freetown. Diop soll sein Amt am 1. September am Sitz der Kommission im nigerianischen Abuja antreten. Damit besetzt Senegal gleichzeitig die politische Führung und das wichtigste Exekutivamt der Regionalorganisation.

Der 69. ordentliche ECOWAS-Gipfel stand im Zeichen wachsender Sicherheitsrisiken, politischer Spannungen und einer Neuordnung der regionalen Zusammenarbeit. Die Staats- und Regierungschefs verabschiedeten zudem einen Zukunftspakt für die westafrikanische Integration und unterzeichneten das Regierungsabkommen für die geplante Atlantik-Gaspipeline zwischen Nigeria und Marokko.

Faye übernimmt politische Führung der Regionalorganisation

Bassirou Diomaye Faye folgt als Vorsitzender der ECOWAS-Konferenz auf Sierra Leones Präsident Julius Maada Bio. Der Vorsitz wechselt turnusmäßig zwischen den Mitgliedstaaten und koordiniert die politische Arbeit der Staats- und Regierungschefs.

Faye übernimmt die Führung in einer Phase, in der die Organisation ihre Rolle in Westafrika neu bestimmen muss. Die Mitgliedstaaten stehen vor grenzüberschreitendem Terrorismus, schwachen nationalen Stromnetzen, Handelshemmnissen und politischen Konflikten über den Umgang mit Militärregierungen.

Der neue Zukunftspakt der ECOWAS soll das Vertrauen zwischen Bürgern und staatlichen Institutionen stärken und die regionale Integration an veränderte geopolitische Bedingungen anpassen. Zu seinen Schwerpunkten gehören Sicherheit, demokratische Regierungsführung, wirtschaftliche Integration, Digitalisierung sowie die stärkere Beteiligung von Frauen und jungen Menschen.

Nigeria sagte dem neuen Vorsitz seine Unterstützung zu. Präsident Bola Tinubu bekräftigte die Bereitschaft seines Landes, an einer engeren wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Zusammenarbeit mitzuwirken.

Birame Diop wird Präsident der ECOWAS-Kommission

Mit Birame Diop übernimmt ein früherer General und Verteidigungsminister die Leitung der ECOWAS-Kommission. Das Amt gehört zu den einflussreichsten Positionen innerhalb der Regionalorganisation.

Die Kommission bereitet die politischen Entscheidungen der Staats- und Regierungschefs vor, koordiniert Programme und überwacht die Umsetzung gemeinsamer Beschlüsse. Ihr Präsident vertritt die Organisation zudem gegenüber Mitgliedstaaten, internationalen Partnern und anderen Regionalorganisationen.

Diop war Generalstabschef der senegalesischen Streitkräfte und später bis Sommer dieses Jahres Verteidigungsminister. Darüber hinaus arbeitete er als Berater des Generalsekretärs der Vereinten Nationen.

Seine militärische und internationale Erfahrung trifft auf eine sicherheitspolitisch angespannte Lage. Bewaffnete Gruppen haben ihre Aktivitäten aus der zentralen Sahelzone in Richtung der westafrikanischen Küstenstaaten ausgeweitet. Die ECOWAS berät deshalb über eine eigene Anti-Terror-Truppe und die Stärkung ihrer regionalen Bereitschaftstruppe.

Diop tritt die Nachfolge des gambischen Diplomaten Omar Alieu Touray an.

Staaten beraten über neue Sicherheitsarchitektur

Nigeria unterstützte beim Gipfel den Aufbau einer gemeinsamen Anti-Terror-Truppe. Sie soll die Zusammenarbeit bei Nachrichtendiensten, gemeinsamen Einsätzen und präventiver Diplomatie verbessern.

Tinubu erklärte, wirtschaftliche Entwicklung sei in einem Umfeld von Unsicherheit und politischer Instabilität nicht dauerhaft möglich. Die ECOWAS müsse deshalb am Grundsatz verfassungsgemäßer Regierungswechsel festhalten und zugleich ihre operativen Fähigkeiten ausbauen.

Auch die stellvertretende Generalsekretärin der Vereinten Nationen, Amina Mohammed, sagte der Region Unterstützung beim Kampf gegen Terrorismus und organisierte Kriminalität zu. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen müsse afrikanische Lösungsansätze stärker berücksichtigen.

Guineas Präsident Mamadi Doumbouya forderte zugleich eine ECOWAS, die ihre Mitgliedstaaten stärker begleite und weniger auf Sanktionen setze. Die Organisation müsse näher an den Bedürfnissen der Bevölkerung arbeiten und Dialog, Zusammenarbeit und nationale Souveränität miteinander verbinden.

Doumbouya war nach einem Militärputsch 2021 an die Macht gekommen. Seine Teilnahme am Gipfel unterstrich die laufenden Bemühungen um eine stärkere Einbindung Guineas in die regionalen Strukturen.

Nigeria fordert Reaktion auf Angriffe in Südafrika

Nigeria nutzte den Gipfel außerdem, um eine gemeinsame afrikanische Reaktion auf Angriffe gegen Migranten in Südafrika zu fordern.

Tinubu verurteilte die Gewalt gegen Nigerianer und andere Afrikaner. Sein Land habe bereits 1.490 Staatsangehörige in sieben Gruppen aus Südafrika ausgeflogen.

Die ECOWAS solle nach Auffassung Nigerias geschlossen auftreten und das Thema auf die Tagesordnung des nächsten Gipfels der Afrikanischen Union setzen. Eine gemeinsame Stellungnahme müsse deutlich machen, dass Gewalt und Diskriminierung gegen Menschen aus anderen afrikanischen Staaten nicht akzeptiert würden.

Tinubu verwies auf die Unterstützung, die Nigeria und andere afrikanische Länder während des südafrikanischen Befreiungskampfes gegen die Apartheid geleistet hatten.

ECOWAS unterzeichnet Abkommen für Atlantik-Gaspipeline

Zu den wichtigsten wirtschaftlichen Entscheidungen des Gipfels gehörte die Unterzeichnung eines Regierungsabkommens für die Afrikanische Atlantik-Gaspipeline.

Das Projekt soll Nigeria entlang der westafrikanischen Atlantikküste mit Marokko verbinden. Von dort ist eine Anbindung an das europäische Gasnetz über Spanien vorgesehen.

Die Pipeline soll nach Angaben der Projektpartner eine Länge von rund 6.900 Kilometern erreichen und jährlich bis zu 30 Milliarden Kubikmeter Erdgas transportieren können. Neben Exporten nach Europa soll sie Staaten entlang der Strecke mit Gas versorgen.

Das Projekt wird von der staatlichen Nigerian National Petroleum Company und dem marokkanischen Amt für Kohlenwasserstoffe und Bergbau vorangetrieben. Die beteiligten Staaten wollen damit neue Kraftwerke, Düngemittelfabriken, petrochemische Anlagen und industrielle Produktionsstätten ermöglichen.

Das Regierungsabkommen schafft einen gemeinsamen rechtlichen und institutionellen Rahmen. Vorbereitende technische Studien, Streckenuntersuchungen sowie Umwelt- und Sozialprüfungen wurden nach Angaben der Projektpartner bereits abgeschlossen.

Marokko und Mauretanien sollen das zwischenstaatliche Regelwerk noch durch gesonderte Unterzeichnungen ergänzen. Anschließend sind eine übergeordnete Pipeline-Behörde in Abuja und eine Projektgesellschaft in Casablanca vorgesehen.

Digitaler Binnenmarkt und weniger Handelsbarrieren

Der Zukunftspakt der ECOWAS umfasst auch den Aufbau eines regionalen digitalen Binnenmarktes. Gemeinsame Regeln für künstliche Intelligenz, Cybersicherheit und digitale Infrastruktur sollen Unternehmen den Zugang zu Märkten in mehreren Mitgliedstaaten erleichtern.

Nigeria sprach sich zugleich dafür aus, Handelsbarrieren abzubauen und den grenzüberschreitenden Verkehr von Personen, Waren und Dienstleistungen zu vereinfachen. Bessere Straßen, Stromnetze und digitale Verbindungen sollen die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den Mitgliedstaaten vertiefen.

Die Region zählt mehr als 400 Millionen Einwohner. Nationale Grenzen, unterschiedliche Vorschriften und schwache Verkehrsverbindungen erschweren jedoch weiterhin den innerwestafrikanischen Handel.

Die neue Führung aus Senegal übernimmt damit eine ECOWAS, die gleichzeitig ihre Sicherheitsstrukturen, ihre politischen Instrumente und ihre wirtschaftliche Zusammenarbeit neu ordnet.

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