Die Vereinten Nationen haben für 2025 fast 10.000 Fälle sexualisierter Gewalt in Konflikten verifiziert und damit mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr. Der Bericht wurde am 8. Juli 2026 im Sicherheitsrat in New York beraten. UN-Sonderbeauftragte Pramila Patten sprach von 9.788 bestätigten Fällen in 21 Konfliktlagen. Neu gelistet werden unter anderem staatliche Akteure aus Israel und Russland sowie weitere nichtstaatliche Gruppen in der Demokratischen Republik Kongo und Haiti.
Die tatsächliche Zahl der Fälle liegt nach Einschätzung der Vereinten Nationen deutlich höher. Patten verwies darauf, dass sexualisierte Gewalt in Kriegen chronisch untererfasst bleibt. Auf jeden Fall, der eine Klinik erreicht, kämen nach Schätzungen von Helfern zehn bis zwanzig weitere Fälle, die nicht gemeldet und nicht versorgt würden.
Der Sicherheitsrat befasste sich mit dem Bericht 17 Jahre nach der Schaffung des UN-Mandats zu sexualisierter Gewalt in Konflikten. Die Debatte wurde von der Demokratischen Republik Kongo geleitet, die im Juli den Vorsitz im Sicherheitsrat innehat.
Demokratische Republik Kongo, Haiti, Sudan und Zentralafrika besonders betroffen
Die höchsten von den Vereinten Nationen verifizierten Fallzahlen wurden in der Demokratischen Republik Kongo, Haiti, Sudan und der Zentralafrikanischen Republik registriert. Frauen und Mädchen stellen nach UN-Angaben weiterhin rund 90 Prozent der Opfer. Männer und Jungen sind vor allem in Haftkontexten sexualisierter Gewalt ausgesetzt.
Patten nannte Vergewaltigung, Gruppenvergewaltigung, sexuelle Versklavung, Zwangsheirat und Menschenhandel als wiederkehrende Muster. Diese Gewalt werde von staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren eingesetzt, darunter bewaffnete Gruppen, extremistische Organisationen und terroristische Netzwerke.
Fast 3.000 der dokumentierten Fälle betrafen Kinder. Das entspricht einem Anstieg um 37 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Opfer waren nach Angaben der Sonderbeauftragten zwischen einem Jahr und mehr als 70 Jahre alt.
Israel und Russland erstmals als staatliche Akteure gelistet
Der Bericht führt insgesamt 77 Konfliktparteien auf. Davon sind 62 nichtstaatliche Akteure. Mehr als 65 Prozent gelten als wiederkehrende Täter, weil sie seit mindestens fünf Jahren in den Berichten erscheinen, ohne ausreichende Gegenmaßnahmen zu ergreifen.

Erstmals werden staatliche Akteure aus Israel und Russland genannt. Patten sagte, die israelischen Streit- und Sicherheitskräfte würden mit anhaltenden Mustern von Vergewaltigung und anderen Formen sexualisierter Gewalt in Verbindung gebracht, vor allem in Haft, aber auch an Kontrollpunkten und während militärischer Operationen. Russische Streitkräfte würden weiterhin mit sexualisierter Gewalt gegen Kriegsgefangene, zivile Gefangene und Zivilisten in besetzten Gebieten seit dem Angriff auf die Ukraine 2022 in Verbindung gebracht.
Beide Regierungen wiesen die Aufnahme in den Bericht zurück. Russland sprach von fehlerhafter Methodik und selektiven Länderbewertungen. Israel bezeichnete die Entscheidung als politisch motiviert und nicht durch verifizierte Belege gedeckt.
Der palästinensische Vertreter im Sicherheitsrat verteidigte die Aufnahme Israels in den Bericht. Er verwies auf dokumentierte Fälle von sexualisierter Gewalt, entwürdigenden Leibesvisitationen, erzwungener Nacktheit und sexualisierter Gewalt als Mittel von Folter oder Demütigung in israelischen Gefängnissen, an Kontrollpunkten und bei militärischen Einsätzen.
Kongo verweist auf eigene Reformen
Die Demokratische Republik Kongo stellte in der Debatte neben der eigenen Leidensgeschichte auch Reformen gegen Straflosigkeit heraus. Premierministerin Judith Suminwa Tuluka sagte, sexualisierte Gewalt in Konflikten sei nicht nur eine individuelle Tragödie, sondern eine Sprache des Krieges. Sie diene dazu, Menschen zu terrorisieren, zu demütigen, zu vertreiben und Gemeinschaften zu zerstören.
Kinshasa verwies auf einen nationalen Entschädigungsfonds und auf Zentren, die medizinische, rechtliche und soziale Unterstützung leisten. Patten nannte die Demokratische Republik Kongo zugleich als Beispiel dafür, dass politische Führung, nationale Verantwortung und internationale Zusammenarbeit Wirkung zeigen können. Ihr Büro werde im nächsten Berichtszyklus prüfen, ob die kongolesische Nationalpolizei nach einem fünfjährigen Rückgang zugeschriebener Fälle von der Liste gestrichen werden kann.
Die Sonderbeauftragte verwies zudem auf 35 verurteilte Waffenträger im vergangenen Jahr und auf Unterstützung für mehr als 45.000 vertriebene Überlebende. Mehr als 1.000 Kinder, die infolge von Vergewaltigungen geboren wurden, seien anerkannt und registriert worden.
Haiti meldet starken Anstieg
Besonders drastisch schilderte Carine Jocelyn vom Haitian Women’s Collective die Lage in Haiti. Nach UN-Angaben stiegen die Fälle sexualisierter Gewalt dort 2025 um 163 Prozent. Frauen und Mädchen würden von Banden vergewaltigt, verschleppt, sexuell ausgebeutet und in ihren Häusern, in Vertriebenenlagern und auf Alltagswegen angegriffen.
Jocelyn verwies auf den Zusammenbruch öffentlicher Ordnung in Teilen des Landes und auf Gewalt zwischen rivalisierenden Banden und der haitianischen Nationalpolizei. Kliniken würden geplündert oder niedergebrannt. Millionen Frauen und Mädchen hätten dadurch keinen Zugang zu reproduktiver Versorgung oder Hilfe nach Vergewaltigungen.
Sie forderte die vollständige Durchsetzung des Waffenembargos, mehr Mittel für lokale Frauenorganisationen und sichere Wege für Überlebende, Fälle zu melden und untersuchen zu lassen. Lokal geführte Frauenorganisationen seien in Krisen oft die ersten, die reagieren, und die letzten, die gehen.
Patten fordert Schutzberaterinnen, Hilfe für Überlebende und Strafverfolgung
Patten nannte drei Prioritäten für den Umgang mit sexualisierter Gewalt in Konflikten. Erstens müssten Frauen-Schutzberaterinnen schneller in UN-Missionen und andere relevante Einsätze entsandt werden. Sie dokumentieren Fälle, erkennen Risiken und unterstützen die Prävention.
Zweitens brauche es mehr Investitionen in Hilfe für Überlebende. Dazu zählen Gesundheitsversorgung, Rechtsberatung, psychosoziale Unterstützung, digitale Meldesysteme und mobile Kliniken in abgelegenen oder unsicheren Gebieten.
Drittens müsse Nulltoleranz zu tatsächlicher Rechenschaft führen. Patten nannte Ermittlungen, Strafverfolgung, Aufsicht, Entschädigungen und Justizmechanismen. Zu viele militärische und politische Verantwortliche handelten weiterhin außerhalb des Rechts.
Mehrere Delegationen unterstützten das Mandat der Sonderbeauftragten. Eine Gruppe von Sicherheitsratsmitgliedern zu Frauen, Frieden und Sicherheit forderte ausreichende Mittel für ihr Büro und mehr Unterstützung für nationale und internationale Gerichte. Die Vereinigten Staaten kritisierten den Bericht als zu wenig handlungsorientiert, verwiesen aber auf eigene Sanktionen gegen Kommandeure der Rapid Support Forces im Sudan sowie gegen bewaffnete Gruppen im Osten der Demokratischen Republik Kongo.
Die Debatte endete ohne einheitliche Linie zur Umsetzung neuer Maßnahmen. Der Bericht bleibt Grundlage für weitere Beratungen zu Schutz, Hilfe und Rechenschaft bei sexualisierter Gewalt in Konflikten.

