Die Bundesregierung will den Etat des Entwicklungsministeriums 2027 erneut senken. Nach dem vom Kabinett gebilligten Haushaltsentwurf soll das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung 9,469 Milliarden Euro ausgeben dürfen. Das sind knapp 600 Millionen Euro weniger als im laufenden Jahr.
Der Einschnitt erfolgt in einem Bundeshaushalt, der insgesamt deutlich wächst. Der Entwurf sieht für 2027 Ausgaben von 555,4 Milliarden Euro im Kernhaushalt vor. Das wären 30,9 Milliarden Euro mehr als 2026. Der Verteidigungshaushalt soll auf 109,7 Milliarden Euro steigen. Die Nettokreditaufnahme im Kernhaushalt wird mit 118,7 Milliarden Euro veranschlagt.
Bundesfinanzminister Lars Klingbeil begründete die Kürzungen am Montag in Berlin mit notwendigen Einsparungen. Es habe „harte Entscheidungen“ gebraucht, um Lücken im Haushalt zu schließen. Zugleich betonte er, Deutschland bleibe nach dem Rückzug der USA aus Teilen der internationalen Entwicklungsfinanzierung ein glaubwürdiger Partner und wichtiger Unterstützer der Vereinten Nationen.
Alabali Radovan verteidigt Priorisierung
Bundesentwicklungsministerin Reem Alabali Radovan sprach von „schwierigen Kürzungen“, stellte den Entwurf aber als Grundlage für eine stärker fokussierte Entwicklungspolitik dar. Die Mittel sollten dort eingesetzt werden, „wo sie den größten Unterschied machen“, erklärte die SPD-Politikerin. Entwicklungszusammenarbeit sei zugleich eine Investition in Deutschlands Sicherheit, Wohlstand und Zukunft.

Die Ministerin verwies dabei auf globale Krisen, Konflikte und die Folgen des Klimawandels. Diese träfen Menschen im Globalen Süden oft zuerst, machten aber nicht an Grenzen halt. Als Beispiel nannte sie die Lage in der Straße von Hormus, die zeige, wie unmittelbar internationale Konflikte auch Deutschland betreffen könnten.
Deutschland verfehlt erneut das ODA-Ziel
Mit dem niedrigeren BMZ-Etat setzt sich auch der Druck auf Deutschlands internationale Entwicklungsfinanzierung fort. Die deutsche ODA-Quote lag 2025 nach vorläufigen OECD-Berechnungen bei 0,56 Prozent des Bruttonationaleinkommens. Damit verfehlte Deutschland erneut das international vereinbarte Ziel von 0,7 Prozent. Ohne Kosten für die Versorgung und Unterbringung von Geflüchteten im Inland hätte die Quote nach BMZ-Angaben nur 0,46 Prozent betragen.
Die Entwicklung ist Teil eines breiteren internationalen Rückgangs. Die OECD stellte im Juni fest, dass die öffentliche Entwicklungsfinanzierung 2025 real um 23,3 Prozent sank. Für 2026 erwartet sie einen weiteren Rückgang um 6,9 Prozent. Besonders betroffen seien die ärmsten Länder und Subsahara-Afrika.
Kritik aus Wissenschaft und Opposition
Der Entwicklungsökonom Rainer Thiele vom Kiel Institut für Weltwirtschaft kritisierte die erneute Kürzung scharf. Deutschland spare damit nicht nur am Existenzminimum von Menschen in Partnerländern, sondern auch an der eigenen Handlungsfähigkeit und Soft Power. Internationale Partnerschaften würden untergraben, während die Auswirkungen globaler Krisen auf Deutschland unterschätzt würden.
Auch aus der Opposition kam deutliche Kritik. Die Linken-Abgeordnete Charlotte Neuhäuser verwies auf Modellrechnungen, wonach internationale Kürzungen bei Entwicklung und humanitärer Hilfe bis 2030 Millionen zusätzliche Todesfälle verursachen könnten. Eine in „The Lancet Global Health“ diskutierte Projektion nennt bei einem moderaten Rückgang der Hilfe 9,4 Millionen zusätzliche Todesfälle bis 2030, bei einem schweren Kürzungsszenario 22,6 Millionen.
Weniger Mittel, höhere Erwartungen
Der Haushaltsentwurf verschärft damit einen Zielkonflikt der deutschen Entwicklungspolitik. Die Bundesregierung will Entwicklungszusammenarbeit stärker an strategischen Interessen ausrichten, Krisenprävention, Ernährungssicherheit, Klimaresilienz und wirtschaftliche Perspektiven fördern. Gleichzeitig sinken die verfügbaren Mittel.
Für Afrika ist diese Entwicklung besonders relevant. Die OECD erwartet, dass bilaterale Hilfe für Subsahara-Afrika 2026 weiter zurückgeht. Damit trifft der Sparkurs eine Region, in der Deutschland zugleich Stabilität, Energiepartnerschaften, Migrationskooperation, Gesundheitsvorsorge und wirtschaftliche Zusammenarbeit stärken will. Der Entwurf für 2027 zeigt deshalb nicht nur eine haushaltspolitische Entscheidung, sondern auch eine außenpolitische Prioritätensetzung.
