Frankreich leidet unter Angriffen auf seine Verteidigungsindustrie durch Spionage

Frankreich sieht seine Verteidigungsindustrie im Fokus hybrider Angriffe. Spionage, Sabotage, Drohnenüberflüge, Datendiebstahl und Desinformation treffen nicht nur große Rüstungskonzerne, sondern auch Zulieferer und Beschäftigte mit sicherheitsrelevantem Wissen.

Frankreich sieht seine Streitkräfte, Rüstungsunternehmen und sicherheitsrelevanten Technologien zunehmend durch hybride Angriffe unter Druck.
Am 28. Mai beschrieben das französische Verteidigungsministerium und die Direktion für Nachrichtendienst und Sicherheit der Verteidigung, kurz DRSD, ein breites Spektrum feindlicher Aktivitäten gegen den Verteidigungsbereich.
Dazu zählen Spionage, Sabotage, wirtschaftlicher Druck, Cyberangriffe, Desinformation und die gezielte Ansprache von Beschäftigten in sensiblen Bereichen.

Olivia Penichou, die Delegierte für Information und Kommunikation der Verteidigung, verwies auf die Nationale Strategische Überprüfung 2025. Seit 2022 setzten Gegner Frankreichs demnach „enthemmter“ auf hybride Strategien, die französische Interessen beeinträchtigten. Die Bedrohungen seien vielgestaltig, miteinander verbunden und entwickelten sich laufend weiter.

Verteidigungsindustrie als Ziel

Im Zentrum der Warnung steht die französische Verteidigungsbasis. Dazu gehören große Rüstungskonzerne, Zulieferer, Forschungsakteure, Start-ups und Beschäftigte mit technischem Spezialwissen. Penichou beschrieb diesen Bereich als Ökosystem mit kritischen Fähigkeiten, das wegen seiner Technologien und Innovationskraft besonders im Fokus feindlicher Akteure stehe.

General Aymeric Bonnemaison, Direktor der DRSD, sagte, der Auftrag seines Dienstes laute: „Aufklären, um zu schützen.“ Die DRSD sei für Gegenspionage und Gegenbeeinflussung im Verteidigungsbereich zuständig. Sie schütze nicht nur die Streitkräfte, sondern auch militärische Geheimnisse und die Wirtschaft der Verteidigung.

Bonnemaison verwies auf ein verändertes strategisches Umfeld. Der Krieg in der Ukraine, die Konflikte im Nahen und Mittleren Osten, die Rückkehr nuklearer Drohungen und die Zunahme von Einflussoperationen hätten die Arbeit der französischen Sicherheitsdienste verändert. „Wir haben die Welt gewechselt“, sagte der General.

Drohnen, Datendiebstahl und digitale Ansprachen

Besonders stark zugenommen haben nach Darstellung der DRSD Ausspähversuche gegen militärische und industrielle Ziele. Dazu zählen Beobachtungen von Standorten, Drohnenüberflüge und der Diebstahl von Computern. Bonnemaison sagte, die registrierten Drohnenüberflüge hätten sich 2025 gegenüber 2024 verdoppelt.

Ein weiteres Feld sind digitale Annäherungen an Personen mit sicherheitsrelevantem Wissen. Die DRSD beobachtet demnach Ansprachen über Plattformen wie LinkedIn, bei denen vermeintliche Stellenangebote, bezahlte Interviews oder berufliche Kontakte genutzt werden, um Informationen über Unternehmen, Technologien oder interne Abläufe zu gewinnen.

Auch die Instrumentalisierung von Rechtsnormen und Kontrollen wurde als Risiko benannt. Bonnemaison sprach von Exportkontrollen, extraterritorialen Regeln und Untersuchungen durch spezialisierte Dienstleister, über die sensible Daten aus Unternehmen abgefragt werden könnten. Die DRSD begleite Firmen, damit rechtliche Prüfungen nicht zur Ausforschung genutzt würden.

Sabotage und Subversion unterhalb der Kriegsschwelle

Die französischen Behörden sehen zudem eine wachsende Gefahr durch Sabotage. Bonnemaison nannte Aktionen gegen elektrische Transformatoren, Farbattacken auf Unternehmen und Protestformen, die aus einem pro-palästinensischen und anti-israelischen Kontext in eine antimilitaristische Richtung übergehen könnten.

Neben ideologisch motivierten Aktionen verwies der DRSD-Direktor auf sogenannte Insider-Risiken. Beschäftigte in Unternehmen oder militärischen Strukturen könnten Produktionsketten stören oder sensible Daten weitergeben. Auch über das Internet angeworbene Personen könnten als Stellvertreter für Sabotageakte eingesetzt werden, teilweise ohne die eigentlichen Auftraggeber zu kennen.

Im Bereich der Subversion sieht die DRSD eine wachsende Rolle künstlicher Intelligenz. Manipulierte Bilder, Stimmen und Videos erschwerten die Einordnung von Informationen. Frankreich habe bereits Desinformationskampagnen im frankophonen Afrika erlebt, darunter russische Kampagnen gegen französische Präsenz und Interessen. Heute richteten sich vergleichbare Methoden auch gegen Unternehmen, militärische Reputationen und das Verhältnis zwischen Armee und Gesellschaft.

Schutz der Zulieferer rückt stärker in den Fokus

Die DRSD sieht nicht nur große Rüstungskonzerne als gefährdet an. Kleine und mittlere Unternehmen sowie mittelständische Zulieferer seien oft weniger gut auf Cyberangriffe, Datendiebstahl oder wirtschaftliche Ausforschung vorbereitet. Gleichzeitig werden sie für die Verteidigungsproduktion wichtiger, weil technologische Innovationen schneller in militärische Anwendungen übergehen.

Bonnemaison sprach von einer „Wirtschaftskriegsführung in einer Kriegswirtschaft“. Verteidigungsbudgets stiegen, die internationale Konkurrenz nehme zu und Frankreich verfüge über starke industrielle Fähigkeiten. Dadurch wachse der Druck auf Unternehmen, die Schlüsseltechnologien entwickeln oder Produktionskapazitäten bereitstellen können.

Die DRSD setzt nach eigenen Angaben auf Sensibilisierung, Sicherheitsprüfungen, Audits und Beratung. Bonnemaison nannte auch einfache Nachlässigkeiten als großes Risiko. „80 Prozent der Kompromittierungen sind heute auf einfache Nachlässigkeiten zurückzuführen“, sagte er. Dazu zählte er offene Dienstcomputer in Zügen, unbeaufsichtigte Geräte oder wiederholte Diebstähle aus Fahrzeugen.

Hybride Angriffe erschweren die Zuordnung

Die französischen Sicherheitsbehörden sehen die größte Herausforderung in der Kombination verschiedener Angriffsmethoden. Eine Datenpanne könne auf einen Cyberangriff zurückgehen, auf einen Insider, auf eine Serie von Computerdiebstählen oder auf das Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Der Zweck könne Datendiebstahl sein, aber auch die Schädigung des Rufs eines Unternehmens während eines Exportgeschäfts oder einer Kapitalrunde.

Bonnemaison beschrieb die französische Antwort als dynamischen Ansatz. Die DRSD analysiere Bedrohungen, Schwachstellen und mögliche Angriffspfade. Daraus folgten administrative Prüfungen, operative Recherchen, Audits und gezielte Begleitung sensibler Akteure in der Verteidigungswirtschaft.

Die zentrale Botschaft des Briefings war eine breitere Wachsamkeit im Verteidigungsumfeld. Bonnemaison sagte, die Sicherheit sei kollektiv. Die DRSD könne nicht allein alle Risiken abdecken, sondern brauche Meldungen, Hinweise und ein höheres Bewusstsein in Streitkräften, Unternehmen und Zulieferketten. 

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