Benins Finanzminister Romuald Wadagni will am Sonntag selbst Staatschef werden und geht als klarer Favorit in die Präsidentenwahl. Die Abstimmung fällt in eine Phase wachsender Unsicherheit, nachdem jihadistische Gruppen ihre Angriffe im Norden des Landes ausgeweitet haben. Wadagni steht für die wirtschafts- und staatspolitische Linie von Präsident Patrice Talon, der nach zwei Amtszeiten nicht erneut kandidieren darf. Die Wahl entscheidet damit nicht nur über die Nachfolge an der Staatsspitze, sondern auch über die Fortsetzung eines Machtmodells, das wirtschaftliche Erfolge mit einem enger gewordenen politischen Raum verbindet.
Wadagni ist 49 Jahre alt, stammt aus Lokossa im Süden Benins und gehört seit Jahren zu den zentralen Figuren der Regierung Talon. Der frühere Deloitte-Manager hat als Finanzminister maßgeblich an der Wirtschaftsagenda des Präsidenten mitgewirkt. Seine Kampagne verweist auf einen verdreifachten Staatshaushalt und auf die höchsten Wachstumsraten des Landes seit mehr als zwei Jahrzehnten.
Ein Technokrat will selbst an die Staatsspitze
Lange galt Wadagni als Mann im Hintergrund. Nun versucht er den Wechsel vom Regierungsmanager zum Präsidenten. Seit seiner Nominierung durch das Regierungslager im vergangenen September hat er jeden Eindruck eines politischen Bruchs vermieden. Im Gegenteil: Er setzt offen auf Kontinuität.
🇧🇯 COTONOU.
— Romuald Wadagni (@WadagniRomuald) April 10, 2026
Aujourd’hui, c’était spécial. Vous avez répondu présents, si nombreux.
En vous regardant, j’ai ressenti à la fois l’honneur… et le poids de la responsabilité.
Cette confiance nous engage. Nous devons être à la hauteur.
Ce dimanche 12 avril, faisons compter chaque… pic.twitter.com/FNCfkHXPJt
Vor Unterstützern sagte Wadagni im März, er habe unter Talon „einen Ihrer wertvollsten Schätze verwaltet: Ihr Geld“. Als Präsident werde er diese Aufgabe „mit derselben Ernsthaftigkeit und Hingabe“ erfüllen. Auch inhaltlich verspricht er keinen Kurswechsel, sondern eine Fortsetzung der bisherigen Linie mit neuen Entwicklungszentren im Land, einer breiteren Verteilung von Industrie- und Tourismusinvestitionen sowie einem besseren Zugang zur Gesundheitsversorgung.
Die Sicherheitslage im Norden überschattet den Wahlkampf
So stark Wadagni wirtschaftliche Kontinuität betont, so sehr wird der Wahlkampf von der Sicherheitslage bestimmt. Benin ist unter den Küstenstaaten Westafrikas inzwischen besonders stark von der Ausbreitung jihadistischer Gewalt betroffen. Vor allem die Grenzräume zu Niger und Burkina Faso haben sich zu aktiven Konfliktzonen entwickelt.
Gruppen mit Verbindungen zu Al-Qaida und zum sogenannten Islamischen Staat haben ihre Angriffe dort zuletzt deutlich verstärkt. Vor einem Jahr tötete die mit Al-Qaida verbundene Jama’at Nusrat al-Islam wal-Muslimin 54 beninische Soldaten bei einem Angriff. Im vergangenen Monat kamen bei einer weiteren Attacke 15 Soldaten ums Leben.
Der westafrikanische Analyst Gilles Yabi sagte, Benin habe historisch nie eine Lage erlebt, in der es „solch ernste Bedrohungen“ und „diese regelmäßigen Verluste in der Armee“ gebe. Damit rückt die Sicherheitsfrage mitten in eine Wahl, die ursprünglich stark von Wirtschafts- und Kontinuitätsversprechen geprägt war.
Frankreich unterstützt Benin auch militärisch im Norden
Zur angespannten Lage im Norden gehört inzwischen auch eine diskrete französische Militärpräsenz. Offiziell spricht Paris von Ausbildungsmissionen für beninische Streitkräfte, um die Armee bei der Abwehr jihadistischer Vorstöße im Grenzraum zu stärken. Französische Soldaten waren in den vergangenen Monaten demnach unter anderem in Parakou und Kandi präsent.
Nach Informationen von Le Monde geht die Zusammenarbeit über Ausbildung hinaus. Demnach beteiligen sich auch Angehörige französischer Spezialkräfte an Kampfeinsätzen an der Seite der beninischen Armee. Die Zeitung verweist zudem darauf, dass Mitglieder des französischen Kommandos für Spezialoperationen beninische Spezialkräfte ausbilden.
Die sicherheitspolitische Zusammenarbeit erhielt zusätzliche Aufmerksamkeit, weil die beninische Spezialeinheit zuvor von Oberstleutnant Pascal Tigri geführt worden war. Er gilt als Kopf der Meuterei vom 7. Dezember 2025 in Cotonou.
Der Putschversuch vom Dezember wirkt nach
Zusätzliche Schwere bekam die Lage durch den Putschversuch vom 7. Dezember. Unzufriedene Soldaten übernahmen in den frühen Morgenstunden vorübergehend den staatlichen Fernsehsender und rückten so nah an Präsident Talon heran, dass dieser die Zusammenstöße unmittelbar miterlebte.

Nigeria flog Luftangriffe, und die westafrikanische Staatengemeinschaft ECOWAS setzte Teile ihrer Bereitschaftstruppe ein, um Talon im Amt zu halten. Rund 100 mutmaßliche Beteiligte sitzen laut den vorliegenden Angaben im Gefängnis und warten auf ihren Prozess.
Die Putschisten begründeten ihr Vorgehen unter anderem mit der Vernachlässigung der Soldaten, die im Norden an der Front stehen. Damit griffen sie ein Thema auf, das auch im öffentlichen Raum an Gewicht gewonnen hat: den Eindruck, dass der Staat den Druck der Gewalt an seinen nördlichen Grenzen nur unzureichend auffängt.
Wadagni setzt auf Präsenz und Kontrolle
Wadagni versucht im Wahlkampf, gerade daraus politisches Kapital zu ziehen. Er hat mehrere Kundgebungen im Landesinneren abgehalten, darunter in Parakou und Tanguiéta. Die Auftritte sollten auch zeigen, dass der Staat sein gesamtes Territorium weiterhin kontrolliert.

Zugleich kündigte er an, in nördlichen Grenzkommunen kommunale Polizeikräfte aufzubauen, um Angriffe besser abwehren zu können. Damit verbindet seine Kampagne wirtschaftliche Entwicklung mit einem sichtbaren Versprechen staatlicher Ordnung.
Schwache Opposition erleichtert den Weg zur Macht
Wadagnis Favoritenrolle hängt jedoch nicht nur mit seiner Regierungsnähe oder seiner Bekanntheit zusammen. Sie ist auch Ergebnis eines politischen Systems, in dem die Opposition unter Talon Schritt für Schritt an Einfluss verloren hat.
Bei der Präsidentenwahl tritt ihm nur ein einziger Kandidat gegenüber: Paul Hounkpè von den Cowry Forces for an Emerging Benin. Hounkpè hält der Regierung entgegen, dass viele Bürgerinnen und Bürger von den hohen Wachstumszahlen und den sichtbaren Prestigeprojekten im Tourismussektor nicht profitierten.
Die wichtigste Oppositionskraft, die Partei The Democrats, schaffte es nicht, genügend Abgeordnete zu finden, um überhaupt einen eigenen Kandidaten aufzustellen. Auch bei den Parlamentswahlen im Januar gewann sie keinen einzigen Sitz. Für Wadagni bedeutet das einen deutlich leichteren Weg an die Spitze des Staates.
Kontinuität mit offenem Machtanspruch
Genau darin liegt die politische Brisanz dieser Wahl. Unterstützer Talons argumentieren, eine starke Präsidentschaft sei wirksamer, um das Land zu entwickeln und Sicherheitskrisen zu begegnen. Kritiker sehen dagegen einen immer engeren politischen Raum und warnen vor weiterer Machtkonzentration.
Nina Wilen vom Egmont Royal Institute for International Relations verweist auf das Risiko, dass anhaltende Unsicherheit im Norden den Druck auf die Opposition weiter erhöhen könnte. Wo sich jihadistische Gewalt ausbreite, wollten Regierungen oft vollständige Kontrolle behalten, sagte sie.
Für Benin steht damit am Sonntag mehr auf dem Spiel als nur ein personeller Wechsel. Die Wahl verbindet drei Konfliktlinien in einer Abstimmung: wirtschaftliche Kontinuität, wachsende Unsicherheit im Norden und die Frage, wie viel politischer Wettbewerb im Land noch möglich ist.

