Ibrahim Traoré: “Demokratie passt nicht zu Burkina Faso”

Burkina Fasos Übergangspräsident Ibrahim Traoré hat in einem ausführlichen Pressegespräch Wahlen klar nachrangig behandelt und das westlich geprägte Verständnis von Demokratie für sein Land ausdrücklich zurückgewiesen. Er verband das mit scharfer Kritik an europäischen Institutionen, Nachbarstaaten und westlichen Medien und stellte zugleich neue Prioritäten für Burkina Faso und die Allianz der Sahelstaaten AES heraus.

Die zentralen Aussagen machte Traoré in dem Interview ein Jahr nach der Ausrufung der von ihm so bezeichneten „fortschrittlichen Volksrevolution“ und wenige Wochen nach der Resolution des Europäischen Parlaments vom 12. März zur Freilassung des gestürzten nigrischen Präsidenten Mohamed Bazoum.

Für die politische Entwicklung Burkina Fasos ist das relevant, weil Traoré damit nicht nur seine bisherige Linie bekräftigt, sondern den Umbau des Staates ausdrücklich über einen klassischen Wahlfahrplan stellt. Zugleich verknüpfte er Sicherheits-, Wirtschafts- und Integrationspolitik der AES enger mit seiner ideologischen Grundlinie von Souveränität, Selbstversorgung und staatlicher Kontrolle.

Traoré rückt Wahlen aus dem Zentrum der Debatte

Traoré wies die Debatte über mögliche künftige Kandidaturen oder Wahlen deutlich zurück. Auf die Frage, ob die jüngst verabschiedete Revolutionscharta ihm den Weg zu dauerhaftem Machterhalt ebne, sagte er, die Diskussion über Wahlen werde von anderen mit einer bestimmten Absicht geführt.

Stattdessen stellte er die „Refondation“, also den politischen und gesellschaftlichen Umbau des Landes, in den Vordergrund. Wörtlich sagte er sinngemäß, Burkina Faso habe andere Herausforderungen und wolle sich nicht an ein Demokratiemodell anpassen, das von außen vorgegeben werde. Das Modell, das man Afrika als Demokratie präsentiere, interessiere ihn nicht. Burkina Faso wolle ein eigenes Modell verfolgen.

Diese Passage war eine der politisch weitreichendsten Aussagen des Gesprächs. Traoré stellte Demokratie dabei nicht als Zielrahmen des Übergangs dar, sondern als Konzept, das aus seiner Sicht in Afrika vor allem mit Gewalt, Destabilisierung und äußerem Einfluss verbunden sei.

Scharfe Abgrenzung gegenüber Europa

Besonders deutlich wurde Traoré in seiner Reaktion auf die Resolution des Europäischen Parlaments zur Lage in Niger und zu Mohamed Bazoum. Er sprach von einer Einmischung in innere Angelegenheiten der AES und stellte infrage, warum europäische Institutionen über politische Vorgänge in Niger urteilen sollten.

Auch gegenüber Frankreich und der Europäischen Union verschärfte er den Ton. Vertreter europäischer Staaten und Institutionen warf er vor, Afrika weiterhin mit kolonialem Blick zu behandeln. Die wiederholte Kritik westlicher Akteure an Sicherheitslage, Menschenrechten und Pressefreiheit in Burkina Faso deutete er als Ausdruck dieser Haltung.

Auf Fragen internationaler Journalisten zu Medienfreiheit und Menschenrechten wies Traoré die Vorwürfe ebenfalls zurück. Er sagte, in Burkina Faso gebe es Meinungsfreiheit, diese habe aber Grenzen dort, wo staatliche Stabilität, Kriegsführung oder gesellschaftlicher Zusammenhalt berührt würden. Internationale Kritik an Einschränkungen gegenüber Presse, Zivilgesellschaft oder Freiheiten stellte er als politisch motiviert dar.

Sicherheitslage bleibt zentrales Legitimationsfeld

Einen großen Teil des Interviews nutzte Traoré, um Fortschritte im Kampf gegen bewaffnete Gruppen herauszustellen. Er sagte, die Initiative liege inzwischen bei den burkinischen Streitkräften. Mehrere Orte im Norden und Osten des Landes seien zurückerobert worden, darunter Gebiete in Richtung Djibo sowie Orte nahe der Grenze zu Benin.

Zugleich wies er Darstellungen zurück, wonach große Teile Burkina Fasos unter Kontrolle jihadistischer Gruppen stünden. Solche Karten und Einschätzungen im Internet und in westlichen Medien bezeichnete er als falsch. Die burkinischen Streitkräfte hätten ihre Taktik verändert, neue Ausbildungsansätze entwickelt und seien nicht mehr von ausländischen Militärdoktrinen abhängig.

Besonders wichtig war ihm dabei die Botschaft der Eigenständigkeit. Burkina Faso bilde seine Soldaten inzwischen nach eigenen Erfahrungen aus. Unterstützung von außen beschrieb Traoré vor allem als Zugang zu Ausrüstung, nicht als militärische Führung auf dem Schlachtfeld. Zur Zusammenarbeit mit Russland sagte er, Moskau verkaufe Ausrüstung und ermögliche Erfahrungsaustausch. Gekämpft werde aber von Burkinern.

Innenpolitischer Umbau soll weitergehen

Auch innenpolitisch kündigte Traoré eine Fortsetzung des Umbaus an. Die Auflösung der politischen Parteien verteidigte er mit dem Argument, die bisherige Parteienpolitik habe das Land gespalten und wirtschaftlich geschwächt. Sie sei von Abhängigkeiten zu Geldgebern und Patronagenetzwerken geprägt gewesen.

Zugleich begründete er die Aufwertung traditioneller Autoritäten mit deren Rolle für soziale Ordnung, lokale Streitschlichtung und Wertevermittlung. Eine geplante stärkere Regulierung des religiösen Feldes präsentierte er als Versuch, religiöse Autoritäten institutionell zu ordnen und unkontrollierte Predigttätigkeit einzuschränken.

Zu dem aus Togo ausgelieferten Ex-Machthaber Paul-Henri Sandaogo Damiba sagte Traoré, die Ermittlungen liefen weiter. Er sprach von belastenden Beweisen und einem komplexen Fall mit möglichen Verbindungen in mehrere Länder. Auch diese Aussagen ordnete er in ein wiederkehrendes Narrativ ein, wonach Burkina Faso fortlaufend mit Destabilisierungsversuchen konfrontiert sei.

Wirtschaftspolitik als zweites Machtzentrum der Erzählung

Neben Sicherheit rückte Traoré wirtschaftliche Souveränität als zweites Hauptthema in den Mittelpunkt. Er verwies auf nach eigenen Angaben rekordhohe Staatseinnahmen im Jahr 2025 und führte dies auf Reformen, strengere Abgabenerhebung und den Kampf gegen Korruption zurück.

Besonders ausführlich sprach er über Infrastruktur, Industrie und Rohstoffe. Das Straßenbauprojekt zwischen Ouagadougou und Bobo-Dioulasso stellte er als Symbol eines neuen Entwicklungsansatzes dar. Burkina Faso solle Straßen, Energieanlagen und industrielle Kapazitäten zunehmend selbst aufbauen. Das Land wolle Importe verringern und mehr lokale Wertschöpfung schaffen, etwa bei Mehl, Teigwaren, Speiseöl, Reis, Fruchtsäften und Textilien.

Auch die Goldpolitik beschrieb Traoré als strategische Frage staatlicher Unabhängigkeit. Burkina Faso baue eine Goldreserve auf, deren Umfang er bewusst nicht offenlegen wolle. Gold sei für ihn eine Sicherheits- und Verhandlungsreserve in Zeiten blockierter Finanztransaktionen und äußerer Druckversuche.

AES soll militärisch und wirtschaftlich enger zusammenrücken

Für die Allianz der Sahelstaaten Burkina Faso, Mali und Niger formulierte Traoré drei Prioritäten. Erstens solle die gemeinsame Streitkraft operativ gestärkt werden. Zweitens müsse Integration im Alltag spürbar werden, etwa an Grenzen, in Verwaltungen und beim Kampf gegen Korruption. Drittens brauche die AES ein stärker wirtschaftlich ausgerichtetes Instrument, das nicht nur Projekte ausführt, sondern sektorübergreifend plant.

Dabei machte Traoré auch deutlich, dass bilaterale Beziehungen einzelner Mitgliedstaaten aus seiner Sicht nicht gegen die Interessen der Konföderation wirken dürften. Über entsprechende Regeln werde innerhalb der AES bereits beraten.

Konfliktlinien mit Nachbarstaaten bleiben bestehen

Auf Fragen zu Benin und Côte d’Ivoire wies Traoré jede Verantwortung für eine Entspannung der Beziehungen zurück. Er sagte, die Feindseligkeiten seien von dort ausgegangen. Eine Deeskalation sei aus seiner Sicht nicht möglich, solange sich an der Haltung der betreffenden Regierungen nichts ändere.

Diese Aussagen fügen sich in eine Linie des Interviews, in der Traoré regionale Spannungen durchgängig mit äußerem Einfluss, geopolitischem Druck und einem Kampf um Rohstoffe und politische Kontrolle verknüpfte.

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