Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat zum 75. Jahrestag der Wiedergründung des Auswärtigen Amts eine grundlegende Neuorientierung der deutschen Außenpolitik gefordert. Am Dienstag verband er die Jubiläumsfeier in Berlin mit dem Appell, militärische Stärke, Diplomatie, europäische Geschlossenheit und eine regelbasierte Ordnung zusammenzudenken. Außenminister Johann Wadephul schlug zuvor einen ähnlichen Ton an und warb für einen moderneren, schlagkräftigeren Auswärtigen Dienst. Damit stand das Jubiläum nicht nur im Zeichen der Geschichte, sondern vor allem im Zeichen einer veränderten Weltlage.
Jubiläum im Schatten neuer Krisen
Steinmeier zeichnete in seiner Rede das Bild einer Welt, in der sich die außenpolitischen Gewissheiten Deutschlands tiefgreifend verschoben haben. Der Angriff Russlands auf die Ukraine, der Krieg im Nahen Osten, der Wandel im Verhältnis zu den USA und der Druck auf die internationale Ordnung hätten die Grundlagen deutscher Außenpolitik verändert, sagte er.
Der Bundespräsident sprach von einer „fundamentalen Neuorientierung“. Drei der prägenden Konstanten der deutschen Außenpolitik seit der Wiedergründung des Amts seien auf absehbare Zeit weggebrochen. Umso wichtiger werde die europäische Einheit. Ein geschlossenes Europa sei heute kein historisches Projekt mehr, sondern ein geopolitischer Imperativ.
Mehr militärische Stärke, aber nicht ohne Diplomatie
Steinmeier wandte sich gegen ein Denken, das militärische Stärke und Diplomatie gegeneinander ausspielt. Deutschland brauche beides. Es sei Zeit für eine „erwachsene Haltung“ zu diesem Verhältnis, sagte er. Militärische Stärke sei nötig, damit Deutschland und Europa ernst genommen würden. Gleichzeitig bleibe Diplomatie unverzichtbar, um Lösungen zu suchen und Bündnisse zu schmieden.

Er nannte vier Pfeiler, auf die sich deutsche Außenpolitik stützen müsse: militärische Stärke, kluge Diplomatie, Soft Power durch Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft sowie internationale Ordnung als verbindlicher Rahmen. Hinweise auf Völkerrecht und Diplomatie als naiv abzutun, wies er zurück. Gerade für Länder und Regionen, die nicht zu den Großmächten zählten, bleibe das Völkerrecht zentral.
Mit Blick auf den Krieg gegen den Iran sagte Steinmeier, dieser sei nach seiner Auffassung völkerrechtswidrig. Zugleich bezeichnete er ihn als politisch verhängnisvollen und vermeidbaren Krieg. Das Völkerrecht sei „kein alter Handschuh“, den man abstreifen könne, wenn andere es täten.
Wadephul kündigt Umbau des Auswärtigen Amts an
Außenminister Johann Wadephul nutzte die Jubiläumsveranstaltung ebenfalls für eine Botschaft an die Gegenwart. Er sprach von einer internationalen Ordnung, die unter Druck stehe, von einem tiefgreifenden Wandel im transatlantischen Verhältnis und von zwei Kriegen in Europas Nachbarschaft. Deutschlands Sicherheit sei womöglich konkreter bedroht als in den vergangenen Jahrzehnten.
Vor diesem Hintergrund kündigte Wadephul eine organisatorische Neuaufstellung des Auswärtigen Amts an. Ab dem Sommer solle die Struktur der Zentrale die veränderte Weltlage stärker abbilden. Auch Arbeitsweisen müssten sich ändern. Künstliche Intelligenz und neue Kommunikationsmittel veränderten das Berufsbild der Diplomatie, sagte der Minister.
Diplomatie ist heute nötiger denn je. Denn wir stehen vor neuen epochalen Herausforderungen, die von uns Veränderungen und neue Lösungsansätze fordern. Wir brauchen einen modernen, zukunftsfähigen und schlagkräftigen Auswärtigen Dienst – @AussenminDE bei #75JahreAA 3/5
— Auswärtiges Amt (@AuswaertigesAmt) March 24, 2026
Zugleich betonte Wadephul, dass Diplomatie trotz neuer Technik ein Beruf bleibe, der auf persönlichem Kontakt beruhe. „Diplomatie ist und bleibt People’s Business“, sagte er. Menschliches Miteinander könne keine Maschine ersetzen.
Rückblick auf Geschichte und Brüche
Beide Reden verknüpften das Jubiläum mit historischen Erfahrungen der Bundesrepublik. Wadephul erinnerte an die Wiedergründung des Außenministeriums am 15. März 1951 und an die politische Rückkehr Deutschlands in die internationale Verantwortung nach dem Nationalsozialismus. Er verwies auf die bleibende Last dieser Vergangenheit, aber auch auf Menschen im Auswärtigen Dienst, die sich dem NS-Regime widersetzt hatten.

Steinmeier stellte die Geschichte des Amts als Geschichte seiner Beschäftigten dar. Sie hätten durch ihre Arbeit, ihre Integrität und ihre Persönlichkeit Vertrauen in Deutschland aufgebaut. Dieses Vertrauen sei nach der politischen und moralischen Zerstörung durch das NS-Regime zur Grundlage der Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik geworden.
Europa rückt noch stärker ins Zentrum
Einen besonderen Akzent setzte Steinmeier auf die Rolle Europas. Wenn das Verhältnis zu Russland und den USA nicht mehr auf den alten Gewissheiten beruhe, werde die Einheit Europas zur entscheidenden Konstante. Europa müsse stärker werden, auch militärisch. Zugleich dürfe es seinen eigenen politischen Kern nicht preisgeben.
Macht könne Europa nicht gewinnen, indem es sich der Rücksichtslosigkeit anderer anpasse, sagte Steinmeier. Stärke entstehe auch daraus, Rücksicht auf Regeln, Recht, Geschichte und unterschiedliche Interessen zu nehmen. Gerade darin liege ein Teil der europäischen politischen Identität.
Nachwuchs soll Zukunft des Dienstes mitprägen
Die Jubiläumsveranstaltung stand auch im Zeichen des diplomatischen Nachwuchses. Unter dem Motto „Freiheit gestalten in einer Welt im Umbruch“ gestalteten Anwärterinnen und Anwärter der Akademie Auswärtiger Dienst einen Teil des Programms. Wadephul bezeichnete sie als die kommende Generation, die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik maßgeblich mitprägen werde.
Steinmeier würdigte deren Berufsentscheidung ausdrücklich. In einer Zeit wachsender Unsicherheit brauche es kluge Diplomatinnen und Diplomaten mit Urteilsvermögen, Kommunikationsfähigkeit und Integrität, sagte er. Gerade deshalb komme der Zukunft des Auswärtigen Dienstes besondere Bedeutung zu.
