Mit dem Reformplan „Zukunft zusammen global gestalten“ hat Bundesentwicklungsministerin Reem Alabali Radovan im Januar 2026 eine umfassende Neuausrichtung der deutschen Entwicklungspolitik vorgestellt. Der Ansatz reagiert auf eine zunehmend konfliktreiche multipolare Weltordnung und definiert Entwicklungspolitik stärker als strategisches Instrument der Außen-, Sicherheits- und Wirtschaftspolitik. Afrika rückt dabei klar in den Mittelpunkt der politischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Prioritäten Deutschlands.
Entwicklungspolitik im Kontext globaler Machtverschiebungen
Der Plan des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung setzt bei einer grundlegenden Analyse der internationalen Lage an. Die Bundesregierung beschreibt eine Welt, die von geopolitischer Konkurrenz, regionalen Konflikten, Klimarisiken und wirtschaftlicher Fragmentierung geprägt ist. Klassische Entwicklungszusammenarbeit, so der Befund, reicht unter diesen Bedingungen nicht mehr aus. Entwicklungspolitik soll künftig politischer, strategischer und zugleich partnerschaftlicher ausgestaltet werden.

Ministerin Reem Alabali Radovan betont in diesem Zusammenhang, Deutschland müsse internationale Solidarität mit klaren Interessen verbinden. Ziel sei es, Stabilität zu fördern, globale Ungleichheiten abzubauen und zugleich deutsche Sicherheits- und Wirtschaftsinteressen zu berücksichtigen. Entwicklungspolitik wird damit explizit als integraler Bestandteil deutscher Außenpolitik verstanden.
Afrika als strategischer Schwerpunkt deutscher Entwicklungspolitik
Afrika nimmt im Reformkonzept eine zentrale Rolle ein. Der Kontinent wird sowohl als Region mit erheblichen strukturellen Herausforderungen als auch als politisch und wirtschaftlich zunehmend bedeutender Akteur beschrieben. Bevölkerungswachstum, Urbanisierung, Klimafolgen und fragile Staatlichkeit treffen hier auf wirtschaftliches Potenzial, regionale Integrationsprozesse und eine wachsende politische Eigenständigkeit.
Der Reformplan sieht vor, die Zusammenarbeit mit afrikanischen Staaten stärker zu fokussieren und zu differenzieren. Besonders hervorgehoben werden fragile Regionen wie der Sahel, das Horn von Afrika und Teile Nordafrikas. In diesen Kontexten soll deutsche Entwicklungspolitik verstärkt präventiv wirken, Konfliktrisiken mindern und staatliche Strukturen stabilisieren.
Armutsbekämpfung, Ernährungssicherheit und soziale Ungleichheit
Ein zentrales Ziel bleibt die Bekämpfung von Armut und Hunger. Der Reformplan verweist auf anhaltende Ernährungskrisen, insbesondere in Afrika südlich der Sahara. Deutschland will seine Maßnahmen zur Ernährungssicherung ausbauen, unter anderem durch Investitionen in nachhaltige Landwirtschaft, resiliente Ernährungssysteme und Wassermanagement.
Soziale Ungleichheit wird als politischer Risikofaktor definiert, der Instabilität, Gewalt und Flucht begünstigt. Entwicklungszusammenarbeit soll daher stärker auf inklusive Wachstumspfade, den Zugang zu Bildung und Gesundheit sowie auf die Stärkung sozialer Sicherungssysteme ausgerichtet werden.
Frieden, Sicherheit und Wiederaufbau
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Frieden und Sicherheit. Entwicklungspolitik soll Konflikten vorbeugen und gleichzeitig den Wiederaufbau nach Krisen unterstützen. Das BMZ versteht sich dabei zunehmend als Wiederaufbau- und Stabilisierungspartner, der humanitäre Hilfe, Entwicklungsmaßnahmen und politische Begleitung miteinander verbindet.
Für Afrika bedeutet dies eine stärkere Präsenz in Post-Konflikt-Situationen sowie eine engere Abstimmung mit regionalen Akteuren und multilateralen Organisationen. Flucht und Migration werden dabei als Folge von Gewalt, Perspektivlosigkeit und staatlicher Schwäche behandelt, nicht als isoliertes Migrationsproblem.
Wirtschaftliche Zusammenarbeit und neue Wachstumssektoren
Der Reformplan setzt deutlich stärker auf wirtschaftliche Kooperation. Ziel ist es, private Investitionen zu fördern, lokale Wertschöpfung zu stärken und faire Handelsbeziehungen auszubauen. Afrika wird als wichtiger Partner für Zukunftssektoren wie erneuerbare Energien, grüne Industrie, Digitalisierung und Infrastrukturentwicklung gesehen.
Besondere Bedeutung kommt dabei der beruflichen Bildung, der Fachkräfteentwicklung und der wirtschaftlichen Integration afrikanischer Staaten zu. Programme sollen stärker an den wirtschaftlichen Realitäten der Partnerländer ausgerichtet und mit deutschen und europäischen Wirtschaftsinteressen verknüpft werden.
Partnerschaften auf Augenhöhe und differenzierte Kooperation
Ein zentrales Element des Reformplans ist die Abkehr von starren Länderklassifikationen. Künftig sollen Kooperationsformate flexibler gestaltet werden und stärker auf politische, wirtschaftliche und institutionelle Rahmenbedingungen reagieren. Afrika wird dabei nicht als homogener Raum betrachtet, sondern als Kontinent mit sehr unterschiedlichen Entwicklungs- und Kooperationsbedarfen.
"Die deutsche Entwicklungspolitik wird fokussierter", so Entwicklungsministerin Reem Alabali Radovan @BMZ_Bund. Man werde sich künftig auf Krisenregionen konzentrieren, die für die Sicherheit "in Deutschland und in Europa von zentraler Bedeutung sind." pic.twitter.com/yhvvfwhRY5
— phoenix (@phoenix_de) January 12, 2026
Least Developed Countries sollen weiterhin umfassend unterstützt werden, während mit wirtschaftlich stärkeren Partnern verstärkt auf gemeinsame Investitionen, Klimaschutz und Eigenverantwortung gesetzt wird. Regionale Organisationen wie die Afrikanische Union gewinnen als strategische Partner an Bedeutung.
Multilateralismus und globale Ordnungspolitik
Der Reformplan unterstreicht die Bedeutung multilateraler Zusammenarbeit. Themen wie Klimaschutz, globale Gesundheit, Verschuldung und internationale Finanzarchitektur können nach Einschätzung des BMZ nur gemeinsam gelöst werden. Deutschland will sich stärker für Reformen internationaler Institutionen einsetzen und afrikanische Positionen in globalen Foren stärker einbeziehen.
Zugleich soll die deutsche Entwicklungspolitik klarer priorisieren, um Wirkung und politische Anschlussfähigkeit zu erhöhen. Interne Reformen im BMZ, eine stärkere strategische Steuerung und verbesserte Wirkungsanalysen sind Teil dieses Ansatzes.
Politische Leitlinien der Reform

Ministerin Alabali Radovan fasst den Anspruch der Reform mit dem Ziel zusammen, Entwicklungspolitik strategischer, fokussierter und partnerschaftlicher zu gestalten. Deutschland soll als verlässlicher Akteur auftreten, der internationale Verantwortung übernimmt und zugleich eigene Interessen transparent vertritt.
Der Reformplan „Zukunft zusammen global gestalten“ markiert damit einen deutlichen Kurswechsel. Afrika steht dabei nicht nur als Empfänger von Unterstützung, sondern als zentraler Partner in einer neu definierten deutschen Entwicklungs- und Außenpolitik.