Wie Tunesien das 100-Millionen-Paket mit Deutschland in konkrete Projekte überführen will

Mehr als 100 Millionen Euro sind vereinbart. Jetzt versucht Tunesien, daraus konkrete Geschäfte, Investitionen und Ausbildungsprojekte zu machen – mit Wirtschaftsforen, deutschen Bundesländern und direkten Unternehmenskontakten.

Tunesien versucht, das mit Deutschland vereinbarte Finanzierungspaket von mehr als 100 Millionen Euro in konkrete Wirtschafts-, Ausbildungs- und Investitionsprojekte zu überführen. Die fünf Vereinbarungen wurden am 31. August in Tunis unterzeichnet. Seitdem folgen Gespräche mit deutschen Bundesländern, Wirtschaftsdelegationen und das erste Deutsch-Tunesische Wirtschaftsforum in Essen. Tunis setzt damit neben der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit zunehmend auf direkte Kontakte zwischen Unternehmen, Regionen und Ausbildungsstrukturen.

Das Paket umfasst die Förderung kleiner und mittlerer Unternehmen, Energie-, Umwelt- und Digitalprojekte, Regionalentwicklung, Berufsbildung, Beschäftigung und Wasserwirtschaft. Tunesiens Außenminister Mohamed Ali Nafti bezifferte das Volumen auf mehr als 100 Millionen Euro. Weitere Projekte im Umfang von rund 40 Millionen Euro für die grüne Wirtschaft befänden sich in Vorbereitung.

Bundesaußenminister Johann Wadephul war zur Unterzeichnung mit einer Wirtschaftsdelegation nach Tunis gereist. Das Auswärtige Amt stellte dabei Handel und Investitionen ausdrücklich in den Mittelpunkt und verwies unter anderem auf die bereits enge Verflechtung Tunesiens mit der deutschen Automobilindustrie sowie neue Verbindungen im Digitalbereich.

Nach den Millionenvereinbarungen kommen die Unternehmen

Knapp drei Wochen später verlagerte sich die Zusammenarbeit nach Essen. Beim ersten Deutsch-Tunesischen Wirtschaftsforum kamen Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft zusammen, um aus den politischen Vereinbarungen neue Geschäftsbeziehungen und Projekte zu entwickeln.

Das Forum fand am 17. und 18. September im Essener Rathaus statt. Auf dem Programm standen Gesundheitswirtschaft, Digitalisierung, grüne Transformation, Fachkräftesicherung, Investitionen und Innovation. Neben Panels und Workshops waren direkte Gespräche zwischen tunesischen und deutschen Unternehmen vorgesehen.

Die tunesische Unternehmerorganisation CONECT brachte dafür Firmen aus mehreren Branchen nach Deutschland. Vertreten waren unter anderem Elektrotechnik, erneuerbare Energien und Solartechnik, Pharma und Gesundheit, Elektronik, Außenhandel sowie die Lebensmittelwirtschaft. Ziel waren nach Angaben der Organisation neue Handelspartner, industrielle und technologische Kooperationen sowie Investitionsprojekte.

Damit bekommt das Ende August vereinbarte Finanzpaket eine zweite Ebene. Während die staatlichen Programme unter anderem kleine und mittlere Unternehmen, Ausbildung und Transformation finanzieren sollen, suchen tunesische Firmen parallel nach deutschen Partnern, Absatzmärkten und Investoren.

Tunesien sucht gezielt Partner in deutschen Regionen

Tunis beschränkt diese Strategie nicht auf die Bundesregierung. Die tunesische Botschaft in Berlin versucht zugleich, wirtschaftliche Kooperationen mit einzelnen Bundesländern und Kommunen aufzubauen.

Botschafter Elyes Ghariani traf am 9. September den hessischen Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten, Internationales und Entbürokratisierung, Manfred Pentz. Besprochen wurden ein gemeinsames Wirtschaftsforum, gegenseitige Unternehmerdelegationen sowie Möglichkeiten der Ausbildung und Beschäftigung junger Tunesier. Auch organisierte Arbeitsmigration gehörte zu den Themen.

Der Ansatz verbindet mehrere Interessen. Hessen verfügt mit Frankfurt über einen der wichtigsten deutschen Finanz- und Wirtschaftsstandorte. Tunesien wiederum sucht Investitionen und Arbeitsplätze, während deutsche Unternehmen in mehreren Branchen Fachkräfte benötigen.

Auch bestehende kommunale Beziehungen sollen stärker genutzt werden. Sfax und Marburg sind seit 1971 Partnerstädte. Beide Seiten wollen nach dem Gespräch mit Pentz prüfen, wie die Verbindung für weitere Kooperationen genutzt werden kann. Die Städtepartnerschaft besteht seit mehr als fünf Jahrzehnten und umfasst bereits Austauschprogramme und Kontakte zwischen den Universitäten.

Berufsbildung und Fachkräfte werden Teil der Wirtschaftsstrategie

Die Verbindung von Investitionen und Arbeitsmarkt zieht sich durch mehrere der jüngsten Initiativen. Schon das 100-Millionen-Euro-Paket enthält Programme zur beruflichen Bildung und Beschäftigung. In Essen gehörten Arbeitsmarkt und Fachkräftesicherung zu den zentralen Themen. In den Gesprächen mit Hessen kamen Ausbildungsmöglichkeiten und organisierte Migration hinzu.

Auch die tunesische Botschaft hatte Anfang September mit dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung über die Umsetzung der Vereinbarungen vom 31. August gesprochen. Dabei ging es neben der technischen und entwicklungspolitischen Zusammenarbeit ausdrücklich darum, die Privatwirtschaft beider Länder durch zusätzliche Wirtschaftstreffen und Unternehmensforen stärker miteinander zu verbinden.

Damit verschränken sich klassische Entwicklungszusammenarbeit und Unternehmenspolitik stärker. Programme für berufliche Qualifizierung können Arbeitskräfte für tunesische Unternehmen ausbilden, zugleich aber auch Wege in den deutschen Arbeitsmarkt eröffnen. Unternehmensforen sollen parallel Investoren und Geschäftspartner zusammenbringen.

Deutsche Unternehmen sind längst eng mit Tunesien verflochten

Die neue Initiative baut auf einer bereits weit entwickelten Wirtschaftsbeziehung auf. Der deutsch-tunesische Warenhandel erreichte 2025 rund 5,4 Milliarden Euro. Deutschland importierte Waren für 3,3 Milliarden Euro aus Tunesien und exportierte Güter im Wert von rund 2,1 Milliarden Euro. Tunesien war damit 2025 Deutschlands fünftwichtigster Exportmarkt in Afrika.

Besonders eng ist die Verflechtung in der Automobilzulieferindustrie, Elektrotechnik und Textilproduktion. Hinzu kommen zunehmend IT-, Entwicklungs- und Ingenieurdienstleistungen. Germany Trade & Invest registrierte 2025 insgesamt 88 Erweiterungsprojekte und zehn neue Vorhaben deutscher Investoren. Im ersten Halbjahr 2026 kamen 57 Projekte mit deutschem Kapital hinzu.

Das Auswärtige Amt beziffert die von deutschen Unternehmen geschaffenen Arbeitsplätze in Tunesien auf rund 100.000. Deutschland ist nach Frankreich und Italien der drittgrößte Handelspartner Tunesiens und der zweitgrößte ausländische Investor.

Auch Energie und Digitalisierung rücken nach vorn

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Transformation der tunesischen Wirtschaft. Die Ende August unterzeichneten Vereinbarungen umfassen Energie, Umwelt und Digitalisierung. Wadephul sprach bei seinem Besuch außerdem über die stärkere Anbindung Tunesiens an das europäische Energienetz und den Ausbau erneuerbarer Energien.

Beim Forum in Essen tauchten dieselben Felder erneut auf. Die tunesische Delegation brachte Unternehmen aus erneuerbaren Energien, Elektronik und Technologie mit. Parallel wächst die Bedeutung Tunesiens als Standort für IT- und Entwicklungsdienstleistungen deutscher Unternehmen.

Die nächsten Wirtschaftskontakte sind bereits angesetzt. Die Deutsch-Tunesische Industrie- und Handelskammer führt für den 23. bis 25. September eine deutsche Delegation in Tunis auf ihrem Veranstaltungskalender. Weitere Programme für IT, Abfallwirtschaft und Messekooperationen folgen im Herbst.

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