Niger hat gleichgeschlechtliche Beziehungen und mehrere Formen LGBTQIA+-bezogener Organisationstätigkeit erstmals ausdrücklich unter Strafe gestellt. Das neue Strafgesetzbuch wurde am 11. Juni 2026 promulgiert und im Amtsblatt veröffentlicht. Es sieht Haftstrafen vor, die in bestimmten Fällen bis zu 20 Jahre erreichen können.
Die Militärführung schließt damit eine Entwicklung ab, die bereits nach dem Machtwechsel von 2023 begonnen hatte. Der Nationale Rat für den Schutz des Vaterlandes, kurz CNSP, verschärft mit dem neuen Strafrecht den staatlichen Umgang mit sexueller Orientierung, Vereinigungsfreiheit und privaten Beziehungen. Niger reiht sich damit in eine wachsende Gruppe westafrikanischer Staaten ein, die ihre Strafgesetze gegen LGBTQIA+-Personen ausweiten oder verschärfen.
Neues Strafrecht ersetzt koloniales Gesetzbuch
Das neue Strafgesetzbuch ersetzt einen Rechtsrahmen, der auf dem napoleonischen Strafrecht beruhte und nach der Unabhängigkeit 1961 übernommen worden war. Bislang stellte das nigrische Strafrecht gleichgeschlechtliche Beziehungen nicht generell unter Strafe. Der frühere Artikel 282 betraf homosexuelle Handlungen nur, wenn Minderjährige unter 21 Jahren einbezogen waren.
Mit der Reform führt Niger nun mehrere neue Tatbestände ein. Strafbar werden demnach einvernehmliche sexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen gleichen Geschlechts, die Feier gleichgeschlechtlicher Ehen sowie Aktivitäten von LGBTQIA+-Organisationen. Besonders hohe Strafen sollen für Eheschließungen zwischen Personen gleichen Geschlechts sowie für Beteiligte an solchen Zeremonien gelten.
Auch die Leitung oder Finanzierung von Organisationen für homosexuelle Personen soll künftig verfolgt werden können. Damit betrifft die Reform nicht nur private Beziehungen, sondern auch Vereinigungen, Unterstützungssysteme und öffentliche Interessenvertretung.
Schrittweise Verschärfung seit 2023
Die Entscheidung folgt auf mehrere politische Signale der Übergangsregierung. Bereits im Oktober 2023 hatte die Militärführung angekündigt, gegen Personen vorzugehen, denen sie Versuche zur Einführung von LGBT-Praktiken in der nigrischen Gesellschaft vorwarf. Dabei wurde auch der Bildungsbereich genannt.
Im März 2025 verankerte die Junta ein ausdrückliches Verbot von LGBTQIA+-Praktiken in Artikel 25 der Charta der Neugründung. Diese Bestimmung enthielt jedoch noch keine konkreten Sanktionen. Das neue Strafgesetzbuch liefert nun den strafrechtlichen Rahmen.
Der Schritt fällt in eine Phase, in der Niger seine staatlichen Institutionen nach dem Militärputsch von 2023 neu ordnet. Der CNSP regiert das Land seit dem Sturz des gewählten Präsidenten Mohamed Bazoum. Die politische Neuordnung wird begleitet von einer stärkeren Betonung nationaler Souveränität, gesellschaftlicher Kontrolle und Abgrenzung gegenüber westlichen Partnern.
AES-Staaten verschärfen Kurs
Niger ist der dritte Mitgliedstaat der Allianz der Sahel-Staaten, der eine solche Gesetzgebung verabschiedet. Mali hatte im Dezember 2024 entsprechende Strafbestimmungen eingeführt. Burkina Faso folgte im September 2025.
Die Allianz der Sahel-Staaten wurde von Mali, Burkina Faso und Niger gegründet. Alle drei Länder werden von Militärregierungen geführt. Sie haben sich in den vergangenen Jahren politisch von der westafrikanischen Staatengemeinschaft ECOWAS entfernt und ihre außen- und sicherheitspolitischen Partnerschaften neu ausgerichtet.

Die rechtliche Verschärfung gegenüber LGBTQIA+-Personen wird damit Teil einer breiteren regionalen Entwicklung. Sie betrifft nicht nur einzelne nationale Strafrechtsreformen, sondern auch den politischen Umgang mit Gesellschafts-, Familien- und Identitätsfragen in mehreren westafrikanischen Staaten.
Senegal und Ghana im regionalen Kontext
Auch Senegal hat sein Strafrecht 2026 verschärft. Präsident Bassirou Diomaye Faye promulgierte im März die Gesetzesänderung Nr. 2026-08, mit der Artikel 319 des Strafgesetzbuches geändert wurde. Die Strafen für sogenannte „unnatürliche Handlungen“ wurden auf fünf bis zehn Jahre Haft und Geldstrafen von zwei bis zehn Millionen CFA-Francs erhöht.
Der senegalesische Fall unterscheidet sich rechtlich vom Niger, weil das senegalesische Strafrecht bereits zuvor entsprechende Handlungen erfasste. Die Reform verschärfte vor allem Definitionen und Sanktionen. In Niger wird dagegen erstmals eine breitere strafrechtliche Grundlage für gleichgeschlechtliche Beziehungen und LGBTQIA+-bezogene Organisationstätigkeit geschaffen.
In Ghana hat das Parlament Ende Mai 2026 ebenfalls ein Gesetz angenommen, das LGBTQIA+-Aktivitäten und deren Unterstützung strafrechtlich ausweiten soll. Das Gesetz wartet noch auf die Unterzeichnung durch Präsident John Dramani Mahama. Es sieht unter anderem Strafen für die Förderung, Finanzierung oder Unterstützung von LGBTQIA+-Aktivitäten vor.
Menschenrechte und Strafrecht geraten stärker in Konflikt
Die Entwicklung in Westafrika verschärft den Konflikt zwischen nationalen Gesetzgebungen und internationalen menschenrechtlichen Standards. Menschenrechtsorganisationen kritisieren solche Gesetze regelmäßig als Eingriffe in Privatsphäre, Meinungsfreiheit, Vereinigungsfreiheit und Gleichbehandlung. Regierungen und Befürworter verweisen dagegen häufig auf traditionelle Werte, religiöse Normen und den Schutz gesellschaftlicher Ordnung.
Für Niger bleibt offen, wie das neue Strafgesetzbuch konkret angewendet wird. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung waren mögliche Durchführungsbestimmungen und nähere Vorgaben zur Strafverfolgung noch nicht öffentlich bekannt.
Die neue Gesetzgebung erhöht den rechtlichen Druck auf LGBTQIA+-Personen und auf Organisationen, die mit ihnen arbeiten. Sie betrifft auch internationale Partner, Hilfsorganisationen und Menschenrechtsakteure, die in Niger oder in der Sahel-Region tätig sind und ihre Programme unter veränderten rechtlichen Bedingungen weiterführen müssen.

