Macron warnt vor „Gesetz des Dschungels“ und fordert mehr Gewicht für Afrika bei der UN

„Gesetz des Dschungels“ oder internationale Ordnung: Emmanuel Macron stellt sich bei der UN gegen eine Weltpolitik nach dem Recht des Stärkeren. Für Afrika fordert er mehr Gewicht im Sicherheitsrat und neues Geld für den Friedensfonds der Afrikanischen Union.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat vor der UN-Generalversammlung vor einer Weltordnung gewarnt, in der militärische und wirtschaftliche Macht internationale Regeln verdrängt, und zugleich eine stärkere Vertretung Afrikas im Sicherheitsrat gefordert. Seine Rede hielt er am Dienstag, 22. September 2026, in New York. Macron stellte sich ausdrücklich hinter die Vereinten Nationen und kündigte für November in Paris ein Treffen zur Finanzierung des Friedensfonds der Afrikanischen Union an. Zugleich kritisierte er unterschiedliche Maßstäbe bei der Verteidigung staatlicher Souveränität in Europa, Afrika und dem Nahen Osten. 

„Gesetz des Dschungels“ oder internationale Ordnung

Macron stellte zu Beginn seiner Rede die Grundfrage, ob Staaten eine Rückkehr zum „Gesetz des Dschungels“ akzeptieren oder an einer internationalen Ordnung festhalten wollten, in der sich auch mächtige Länder an gemeinsam vereinbarte Regeln binden.

Er beschrieb eine Welt, in der Imperialismus, Machtkonzentration und der Einsatz von Gewalt ohne ausreichende Begrenzung wieder zunähmen. Die UN-Charta solle gerade verhindern, dass stärkere Staaten über die Zukunft schwächerer Länder entscheiden könnten.

Frankreich werde deshalb an den Vereinten Nationen und an einer Erneuerung multilateraler Zusammenarbeit festhalten. Gemeinsame Regeln seien aus französischer Sicht sowohl bei Krieg und Frieden als auch bei Klima, Entwicklung und künstlicher Intelligenz notwendig. 

Sicherheitsrat soll sich stärker für Afrika öffnen

Einen konkreten Reformbedarf sieht Macron beim UN-Sicherheitsrat. Das Gremium müsse sich „neuen Mitgliedern und neuen Regionen der Welt“ öffnen, „beginnend mit Afrika“, sagte der französische Präsident.

Frankreich unterstützt zugleich seine gemeinsam mit Mexiko entwickelte Initiative, den Einsatz des Vetorechts der fünf ständigen Mitglieder bei massenhaften Gräueltaten einzuschränken. Nach Macrons Angaben unterstützen inzwischen 128 UN-Mitgliedstaaten den Vorschlag.

Der Sicherheitsrat müsse nicht nur repräsentativer werden, sondern auch handlungsfähig bleiben, wenn schwere Verstöße gegen das Völkerrecht drohten, erklärte Macron. 

Frankreich hatte sich bereits beim Africa-Forward-Gipfel in Nairobi hinter eine umfassende Reform des Sicherheitsrates entsprechend der gemeinsamen afrikanischen Position gestellt. Diese beruft sich unter anderem auf den Ezulwini-Konsens und die Erklärung von Sirte zur angemessenen Vertretung Afrikas. 

Paris soll Geld für Friedensfonds der Afrikanischen Union mobilisieren

Macron kündigte zugleich einen neuen Schritt bei der Finanzierung afrikanischer Friedens- und Sicherheitsstrukturen an. Paris werde im November am Rande des Paris Peace Forum ein Treffen zur Wiederauffüllung des Friedensfonds der Afrikanischen Union organisieren.

Der Präsident rief mögliche Geldgeber dazu auf, dort konkrete Zusagen zu machen. Afrikanische Friedenseinsätze benötigten ausreichende Mittel sowie eine engere Abstimmung zwischen den Vereinten Nationen, der Afrikanischen Union, Regionalorganisationen und den jeweiligen Gaststaaten.

Macron verwies dabei auf frühere Gespräche beim Africa-Forward-Gipfel in Nairobi und am Sitz der Afrikanischen Union in Addis Abeba. Afrikanische Organisationen müssten nach seiner Darstellung eine größere Rolle bei Frieden und Sicherheit auf dem Kontinent übernehmen können. 

Die in Nairobi verabschiedete Erklärung sieht unter anderem eine stärkere Finanzierung afrikanisch geführter Friedenseinsätze und die Umsetzung der UN-Sicherheitsratsresolution 2719 vor. 

Macron kritisiert doppelte Standards gegenüber Afrika

Macron wandte sich in seiner Rede ausdrücklich gegen unterschiedliche Maßstäbe bei der Anwendung des Prinzips staatlicher Souveränität.

„Wie oft haben wir gehört, dass die Souveränität der Völker in Europa gilt, dass man aber, wenn es um den Nahen Osten oder Afrika geht, darauf verzichten könne?“, fragte der französische Präsident.

Souveränität müsse überall nach denselben Prinzipien gelten. Interventionen ausländischer Staaten, die selbst über Regierungs- oder Systemwechsel entscheiden wollten, hätten in der Vergangenheit vielfach größere Instabilität hinterlassen, sagte Macron. 

Diese Argumentation zog sich durch seine Aussagen zur Ukraine, zu Libanon, den Palästinensern und Syrien. Die Sicherheit eines Staates könne nicht dauerhaft durch die Missachtung der Souveränität seiner Nachbarn hergestellt werden, erklärte Macron mit Blick auf Israel und die Region. 

Nord-Süd-Spaltung soll nicht zum neuen Blockkonflikt werden

Macron warnte auch vor einer dauerhaften politischen Teilung zwischen dem Globalen Norden und Süden. Eine solche Spaltung werde unter anderem durch wahrgenommene doppelte Standards verstärkt.

Frankreich wolle stattdessen Partnerschaften bei Gesundheit, Entwicklung und Finanzierung ausbauen. Macron verwies auf die Umschichtung von mehr als 100 Milliarden Dollar an Sonderziehungsrechten zur Unterstützung afrikanischer Volkswirtschaften und forderte weitere Reformen bei Internationalem Währungsfonds und Weltbank.

Zugleich sprach er sich für eine stärkere Mobilisierung privaten Kapitals und neue Garantiesysteme aus, damit Schwellen- und Entwicklungsländer leichter Investitionen finanzieren können. 

Auch historische und kulturelle Fragen nahm Macron in diese Nord-Süd-Agenda auf. Frankreich wolle die Rückgabe von Kulturgütern weiter vorantreiben und arbeite unter anderem mit Ghana an Fragen historischer Aufarbeitung und restaurativer Gerechtigkeit. 

Macron fordert eigene KI-Kapazitäten außerhalb von USA und China

Einen weiteren Schwerpunkt setzte Macron bei künstlicher Intelligenz. Er warnte davor, dass allein die Vereinigten Staaten und China sowie einige große Unternehmen über die technologische Entwicklung entscheiden könnten.

Staaten und Weltregionen müssten eigene Rechenkapazitäten, Sprachmodelle und KI-Ökosysteme entwickeln und Modelle unabhängig prüfen können. Macron verwies auf den europäischen AI Act als einen Ansatz zur Regulierung. 

Dabei brachte der französische Präsident erneut eine „Koalition der Unabhängigen“ ins Spiel. Europäische, afrikanische, asiatische, lateinamerikanische und Golfstaaten, die weder von Washington noch von Peking abhängig sein wollten, sollten nach seiner Vorstellung Rechenleistung und Investitionen bündeln und gemeinsam ein leistungsfähiges Open-Source-KI-Modell entwickeln. 

Parallel treibt Frankreich gemeinsam mit Kenia, Spanien und Australien eine internationale Initiative zum Schutz von Kindern im Umgang mit KI voran. Die Koalition stellte am selben Tag in New York einen Aktionsplan für 2026 und 2027 vor. 

Frankreich setzt auf multilateralen Gegenentwurf

Macron fasste seine Position als Widerstand gegen eine zunehmende Aufteilung der Welt in Machtblöcke zusammen. Internationale Zusammenarbeit solle Machtkonzentration begrenzen, die Nord-Süd-Spaltung verringern und gemeinsame Regeln für neue Technologien schaffen.

„Mehr denn je brauchen wir unsere Vereinten Nationen“, sagte Macron. Während des laufenden Auswahlprozesses für die Nachfolge von UN-Generalsekretär António Guterres müsse die Organisation nach seiner Darstellung an gemeinsamer Handlungsfähigkeit festhalten.

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