Fake-Jobs führen in Russlands Krieg: Netzwerk rekrutiert Afrikaner über westliche Plattformen

Baujobs, Visa und sogar Filmrollen führen Männer aus Afrika in russische Militärverträge. Ermittler haben 289 digitale Ressourcen und bis zu 33 Rekrutierungsoperationen identifiziert – mit Spuren zu Meta, Google, europäischen Servern und auch nach Deutschland.

Ein weit verzweigtes Rekrutierungssystem lockt Männer aus afrikanischen Staaten mit vermeintlichen Jobs, Visaangeboten und sogar Filmrollen nach Russland und führt sie teilweise erst später an Militärverträge für den Krieg gegen die Ukraine heran. Eine Ende September veröffentlichte Untersuchung von Code for Africa dokumentiert die Strukturen der Rekrutierung. Die Ermittler identifizierten 289 Websites, Social-Media-Konten und Kommunikationskanäle sowie bis zu 33 unterschiedliche Rekrutierungsoperationen. Viele von ihnen nutzen Dienste westlicher Technologieunternehmen, um Interessenten zu erreichen, deren Daten zu erfassen und den Kontakt anschließend über Messenger fortzusetzen.

Die Untersuchung zeichnet dabei nicht das Bild eines einzigen zentral gesteuerten Netzwerks. Vielmehr beschreibt sie einen kommerzialisierten Markt aus Unternehmen, Vermittlern und einzelnen Rekrutierern, die mit ähnlichen Methoden um Kandidaten konkurrieren. Der russische Staat ist nach Darstellung der Forscher letztlich Abnehmer der angeworbenen Soldaten. Für eine zentrale staatliche Steuerung sämtlicher untersuchter Operationen fanden sie jedoch keine Belege.

289 digitale Ressourcen für die Rekrutierung

Das Investigation Lab iLAB von Code for Africa erfasste insgesamt 197 Websites und Webseiten, 19 Social-Media-Konten oder Facebook-Seiten sowie 73 Kontaktwege über WhatsApp, Telegram, das russische Netzwerk VK und den staatlich unterstützten Messenger MAX.

17 der insgesamt 33 untersuchten Rekrutierungsgruppen konnten die Forscher namentlich bestimmen. Weitere Operationen blieben zunächst nicht eindeutig zugeordnet.

Besonders auffällig ist die arbeitsteilige Struktur. Vier größere Marken treten unter den Namen Military Staff Agency, Work in Russia, IRC Russian Bear und Work Crew Agency auf. Daneben existieren kleinere Anbieter, selbstständige Vermittler und Systeme, die neue Rekrutierer gegen Provision anwerben.

Ein weiteres Netzwerk, von den Forschern nach der russischen Stadt Bratsk als „Bratsky Syndicate“ bezeichnet, vermarktet die Rekrutierung demnach sogar als Franchise-Modell. Nach eigenen Angaben verlangt die Organisation von russischen Militärrekrutierungsstellen 600.000 Rubel pro vermitteltem Kandidaten, umgerechnet rund 7.100 US-Dollar.

Andere Seiten werben öffentlich um freie Vermittler. Je nach Modell werden Provisionen von mehreren Hundert bis zu mehreren Tausend Dollar pro angeworbenem Mann versprochen.

Bauarbeit, Visa oder Filmrollen statt Militärdienst

Die militärische Verwendung steht bei vielen Anzeigen zunächst nicht im Vordergrund. Interessenten stoßen stattdessen auf Angebote für Bau- oder Sicherheitsarbeit, Unterstützung bei Visa oder angebliche Filmproduktionen.

Von einer professionell gestalteten Website gelangen Bewerber zu Formularen, in denen teilweise Namen, Telefonnummern und Passinformationen abgefragt werden. Anschließend übernehmen menschliche Vermittler die Kommunikation über WhatsApp oder Telegram und sprechen mit den Bewerbern häufig in deren eigener Sprache.

Nach Darstellung der Ermittler kann sich der tatsächliche Zweck erst wesentlich später offenbaren. In dokumentierten Fällen sei aus dem vermeintlichen Arbeitsplatz nach Visaerteilung und Flugbuchung ein russischer Militärvertrag geworden.

Die Seiten sind vielfach darauf ausgelegt, schnell ersetzt zu werden. iLAB spricht von einer „Burn-and-replace“-Strategie. Wird eine Domain gesperrt oder öffentlich bekannt, kann eine nahezu identische Seite unter einer neuen Adresse erscheinen.

Die Forscher beobachteten innerhalb des untersuchten Netzes im Durchschnitt etwa alle drei Tage eine neue Telefonnummer, eine neue Website-Komponente oder einen neuen Werbe-Tracker.

Facebook-Anzeigen richten sich gezielt an Afrikaner

Afrikanische Staaten gehören zu den wichtigsten Zielregionen der Kampagnen. Besonders dokumentiert sind Fälle aus Ghana, Kenia, Simbabwe, Côte d’Ivoire und Sierra Leone. Die Rekrutierung reicht zugleich weit über Afrika hinaus und richtet sich auch an Menschen in Asien, Lateinamerika, im Nahen Osten und in ehemaligen Sowjetrepubliken.

Seit dem 16. September liefen nach Angaben der Untersuchung etwa Facebook-Anzeigen in Côte d’Ivoire und Sierra Leone, in denen Vermittlern 1.000 US-Dollar für Kandidaten versprochen wurden, die bereits ein Flugticket nach Russland oder zu einem Transitort besaßen.

Ein anderes System registrierte innerhalb von nur 15 Minuten länderspezifische Websites für Simbabwe, Kolumbien, Mexiko, Panama und Peru. Weitere Seiten arbeiten in mehreren Sprachen, darunter Englisch, Französisch und Arabisch.

Auch offizielle Proteste afrikanischer Regierungen scheinen die Rekrutierung nicht vollständig zu stoppen. Einige Websites führen Ghana, Kenia, Nigeria und Südafrika auf Listen von Staaten, aus denen angeblich keine Kandidaten mehr akzeptiert werden. Nach Darstellung von iLAB fanden sich dennoch Hinweise darauf, dass Staatsangehörige dieser Länder weiter angesprochen wurden.

Jeder fünfte identifizierte afrikanische Rekrut soll gestorben sein

Besonders schwer wiegt die Zahl der Todesfälle. Drei voneinander getrennte Datensätze, die iLAB untersuchte, kommen nach Angaben der Forscher zu einem ähnlichen Ergebnis: Rund jeder fünfte identifizierte afrikanische Rekrut wurde getötet.

Für Ghana verweist die Untersuchung auf 272 Personen, die nach Medienrecherchen nach Russland gegangen sein sollen. 55 von ihnen seien gestorben.

Einzelne Rekrutierungsangebote machen den möglichen Tod sogar zum Bestandteil ihrer finanziellen Versprechen. IRC Russian Bear stellte nach den dokumentierten Angaben unter anderem etwa 15.000 US-Dollar für die Vertragsunterzeichnung, rund 3.000 Dollar Monatslohn und bis zu 60.000 Dollar für die Familie im Todesfall in Aussicht.

Die Website behauptete, eine solche Todesfallzahlung werde über eine russische Botschaft an Angehörige ausgezahlt. iLAB fand jedoch keinen Nachweis dafür, dass eine Familie eine solche Zahlung tatsächlich erhalten hat.

Die Forscher fordern deshalb unter anderem die Außenministerien Kameruns, Ghanas, Kenias, Nigerias, Senegals und Simbabwes auf, von Moskau Auskunft darüber zu verlangen, ob entsprechende Vermittler im staatlichen Auftrag handeln und ob russische Botschaften Todesfallleistungen ausgezahlt haben.

Kenia geht gegen Rekrutierer vor

In Kenia haben Ermittler inzwischen auch lokale Strukturen ins Visier genommen. Festus Arasa Omwamba, der als Leiter der Personalvermittlungsfirma Global Face Human Resources beschrieben wird, wurde im Februar wegen des Vorwurfs angeklagt, Kenianer durch Täuschung zum Zweck der Ausbeutung angeworben zu haben.

22 Männer sollen aus einem Gebäude außerhalb Nairobis gerettet worden sein, bevor sie nach Russland reisen konnten. Die Vorwürfe sind Gegenstand eines laufenden Strafverfahrens.

Die Fälle zeigen zugleich die Grenzen nationaler Ermittlungen. Gegen einen Personalvermittler im eigenen Land können Behörden unmittelbar vorgehen. Die digitalen Bestandteile der Rekrutierung laufen dagegen über zahlreiche Staaten und Unternehmen.

In Südafrika sorgte zudem der Fall der Radiomoderatorin Nonkululeko Mantula für Aufmerksamkeit. Ihr und weiteren Beschuldigten wird vorgeworfen, Männer für den Krieg auf russischer Seite angeworben zu haben. Südafrikanische Behörden hatten zuvor die Rückführung von 17 Staatsbürgern eingeleitet, die nach offiziellen Angaben unter falschen Voraussetzungen nach Russland gelangt und dort zum Einsatz an der Front gezwungen worden waren.

Westliche Technologie trägt die Rekrutierungsinfrastruktur

Ein zentraler Befund der Untersuchung betrifft die technische Infrastruktur. Die Rekrutierer verwenden reguläre Produkte von Unternehmen aus Europa und den USA.

Die Ermittler fanden unter anderem 27 Meta-Pixel sowie Tracking- und Verifikationssysteme von Google. Hinzu kamen Dienste von TikTok, Yandex, Mail.ru und weiteren Anbietern. Mit solchen Kennungen lassen sich Werbekampagnen messen und Nutzer verfolgen. Sie können zugleich Hinweise darauf liefern, welche Konten und Betreiber hinter mehreren scheinbar unabhängigen Seiten stehen.

Mehrere Websites wurden mit KI-basierten Werkzeugen erstellt. Genannt werden Vercels v0 aus den USA und das schwedische Unternehmen Lovable. Über Formulare des österreichischen Anbieters Involve.me seien Bewerberdaten nach Russland übertragen worden.

Ein Server von IRC Russian Bear befand sich zeitweise in Amsterdam. Mitte September verlagerten außerdem sechs Websites der Military Staff Agency ihre technische Adresse nach Amsterdam.

Die Untersuchung beschuldigt diese Unternehmen nicht, wissentlich an der Rekrutierung für den russischen Krieg beteiligt gewesen zu sein. Sie zeigt vielmehr, wie gewöhnliche Werbe-, Hosting-, Analyse- und KI-Dienste von den Betreibern für militärische Rekrutierung zweckentfremdet werden.

Eine Spur führt auch nach Deutschland

Auch Deutschland taucht in der Untersuchung auf. Eine Facebook-Seite, die als „Bremen Game Store“ auftrat, schaltete demnach Anzeigen für angebliche Filmrollen.

Wer auf die Werbung klickte, wurde auf eine Internetseite weitergeleitet, die für den Eintritt in die russischen Streitkräfte warb. Die Anzeigen wurden später von Meta wegen Verstößen gegen die Plattformregeln entfernt.

Die Bezeichnung der Facebook-Seite und ihre Darstellung als in Deutschland ansässiger Anbieter belegen allerdings nicht, dass die Betreiber tatsächlich von Deutschland aus handelten. Gerade gefälschte Identitäten und scheinbar seriöse Unternehmensauftritte gehören nach Erkenntnissen der Untersuchung zur Arbeitsweise der Rekrutierer.

Meta entfernte Hunderte Afrika-Kampagnen

Meta hat bereits umfangreicher gegen einzelne Teile des Systems eingegriffen. Im August wurden nach Schätzung der Forscher rund 300 auf Afrika ausgerichtete Werbekampagnen entfernt.

Das Netzwerk reagierte jedoch schnell. Anfang September richteten Betreiber ihre Aktivitäten verstärkt auf syrische Staatsangehörige aus und eröffneten neue Angebote für Kolumbien und Mexiko. Wenig später erschienen erneut Websites und Social-Media-Werbung für afrikanische Zielgruppen.

Neben einfachen Infanteristen suchen einzelne Anbieter inzwischen auch gezielt nach Drohnenpiloten, Ärzten und Ingenieuren.

iLAB sieht deshalb Werbekonten, Abrechnungsdaten und Administratorenzugänge als eine Schwachstelle der Rekrutierungsindustrie. Eine Website lässt sich innerhalb kurzer Zeit neu aufbauen. Die bei Meta, Google und anderen Unternehmen gespeicherten Zahlungs- und Kontodaten könnten dagegen helfen, Betreiber und Geldgeber miteinander zu verbinden.

Forscher sprechen von Betrug und möglichem Menschenhandel

Code for Africa ordnet die beschriebenen Vorgänge nicht in erster Linie als Desinformation ein. Die Forscher sehen Anhaltspunkte für Betrug, organisierte Kriminalität und in bestimmten Fällen Menschenhandel.

Das UN-Protokoll gegen Menschenhandel, das sogenannte Palermo-Protokoll, könnte nach ihrer Einschätzung für Fälle relevant sein, in denen Menschen mit falschen Arbeitsversprechen angeworben, transportiert und anschließend militärisch eingesetzt werden.

Zurückhaltender fällt die Bewertung möglicher Söldnerrekrutierung aus. Ausländische Rekruten erhalten demnach vielfach eine ähnliche Bezahlung wie russische Vertragssoldaten. Damit ist eine wesentliche Voraussetzung der engen völkerrechtlichen Definition eines Söldners nicht ohne Weiteres erfüllt.

Ungeklärt bleibt auch das genaue Verhältnis der einzelnen Rekrutierungsunternehmen zum russischen Staat. Die technischen Verbindungen sprechen nach Einschätzung der Ermittler eher für konkurrierende Betreiber, die nach einem ähnlichen Geschäftsmodell arbeiten, als für eine einzige Organisation mit zentraler Führung.

Bei einzelnen Strukturen bestehen jedoch engere Verbindungen. Eine mit der belarussischen „Defender“-Operation verbundene Firma gründete im März ein Gemeinschaftsunternehmen mit der russischen paramilitärischen Organisation DOSAAF. Die geschäftliche Verbindung ist dokumentiert. Eine staatliche Steuerung der gesamten Rekrutierungsoperation lässt sich daraus nach Einschätzung der Forscher nicht ableiten.

Verwandte Beiträge
Total
0
Share