Großbritanniens Premierminister Andy Burnham ist offen für eine formelle staatliche Entschuldigung für die britische Beteiligung am transatlantischen Sklavenhandel, lehnt finanzielle Entschädigungszahlungen jedoch weiterhin ab. Seine Position machte er am 30. Oktober 2026 unmittelbar vor dem Commonwealth-Gipfel in Antigua und Barbuda öffentlich, der vom 1. bis 4. November stattfindet. Die Ankündigung greift eine langjährige Forderung afrikanischer und karibischer Staaten auf, ohne deren Erwartungen an materielle Wiedergutmachung zu erfüllen. Parallel beraten die 56 Commonwealth-Mitglieder über Investitionen, Handelsbeziehungen und Reformen der internationalen Entwicklungsfinanzierung.
In der Hauptstadt St. John’s kommen Staats- und Regierungschefs sowie Vertreter aus Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammen. Unter den Teilnehmern befindet sich Ruandas Präsident Paul Kagame, der am Sonntag eintraf. Der britische König Charles III. nimmt ebenfalls teil und soll am Dienstag in seiner Eröffnungsrede auf die Geschichte des Sklavenhandels eingehen.
London öffnet Gespräche über Entschuldigung, schließt Reparationszahlungen aus
Burnham kündigte in einem Gastbeitrag für die britische Zeitung The Guardian einen strukturierten Dialog mit Staaten und gesellschaftlichen Gruppen an, die von den Folgen des transatlantischen Sklavenhandels betroffen sind.
Dabei solle ausdrücklich auch über eine formelle Entschuldigung im Namen des britischen Staates gesprochen werden. Der Premierminister bezeichnete den Sklavenhandel als brutales Verbrechen und äußerte Bedauern über das Leid von Millionen Menschen.
Eine finanzielle Entschädigung lehnt Burnham dagegen ab. Die heutige britische Bevölkerung könne nicht für historische Verbrechen persönlich verantwortlich gemacht werden, an denen sie nicht beteiligt gewesen sei.

Stattdessen will die Regierung eine Initiative zur Umschuldung besonders hoch verschuldeter Commonwealth-Staaten vorantreiben. Unter Beteiligung des früheren Premierministers Gordon Brown sollen längere Rückzahlungsfristen und günstigere Kreditbedingungen ermöglicht werden.
Die angekündigte Gesprächsbereitschaft wurde in der Karibik grundsätzlich begrüßt. Barbados’ Premierministerin Mia Mottley betonte allerdings, dass ihre Regierung und London bei der Frage finanzieller Wiedergutmachung weiterhin unterschiedliche Positionen verträten.
Auch Antigua und Barbudas Regierungschef Gaston Browne begrüßte die Vorschläge zur Schuldenerleichterung, bekräftigte jedoch die Forderung der karibischen Staaten nach umfassender Wiedergutmachung für die Folgen der Sklaverei.
Charles III. will historische Verantwortung Großbritanniens ansprechen
Die Debatte begleitet auch den Besuch von Charles III. in der Karibik. Der britische Monarch soll bei der offiziellen Eröffnung des Commonwealth-Gipfels am 3. November die historischen Folgen des transatlantischen Sklavenhandels thematisieren.
Der Buckingham-Palast kündigte eine Auseinandersetzung mit diesem Kapitel der britischen Geschichte an, die von Offenheit und aufrichtigem Bedauern geprägt sein solle.
Eine formelle Entschuldigung des Monarchen wurde hingegen nicht angekündigt. Der Palast verwies darauf, dass Entscheidungen über eine staatliche Entschuldigung oder mögliche Entschädigungsleistungen in die Zuständigkeit der britischen Regierung fallen.
Während seiner Reise hatte Charles III. bereits die Bahamas und Guyana besucht. In Guyana stand unter anderem ein Ort im Mittelpunkt, an dem während eines historischen Aufstands zahlreiche versklavte Menschen getötet worden waren.
Die Forderungen nach Wiedergutmachung werden seit Jahren insbesondere von karibischen Staaten und mehreren afrikanischen Ländern unterstützt. Sie umfassen neben einer offiziellen Entschuldigung auch Investitionen in Bildung und Gesundheit, Schuldenerleichterungen und Maßnahmen gegen fortbestehende wirtschaftliche Ungleichheiten.
Commonwealth beendet Sonderbefassung mit Gabun
Eine erste politische Entscheidung des Gipfels betrifft Gabun. Die Commonwealth-Ministergruppe für die Einhaltung demokratischer Grundsätze (CMAG) beschloss am Sonntag, dem 1. November, das zentralafrikanische Land von ihrer formellen Tagesordnung zu streichen.
Die Minister würdigten damit die Wiederherstellung einer gewählten verfassungsmäßigen Regierung und den Abschluss des politischen Übergangs nach dem Militärputsch vom 30. August 2023.
Gabon war im September 2023 teilweise von der Commonwealth-Mitgliedschaft suspendiert worden. Im Juli 2025 hob die Organisation die Suspendierung auf, behielt das Land jedoch unter besonderer Beobachtung.
Mit der jüngsten Entscheidung endet diese formelle Befassung. Zugleich ermutigte die Ministergruppe Commonwealth-Generalsekretärin Shirley Ayorkor Botchwey, den Dialog mit Gabun fortzusetzen und auf Wunsch der Regierung technische Unterstützung anzubieten. Diese soll insbesondere rechtsstaatliche Institutionen, die Gewaltenteilung, politische Vielfalt, Menschenrechte sowie die Pressefreiheit stärken.
Kagame vertritt Ruanda bei den Beratungen
Ruandas Präsident Paul Kagame gehört zu den afrikanischen Staatschefs, die an den Beratungen in Antigua und Barbuda teilnehmen. Er traf am Sonntag in St. John’s ein und beteiligte sich am Abend an den Feierlichkeiten zum 45. Jahrestag der Unabhängigkeit des karibischen Inselstaates.
Begleitet wird Ruandas Delegation von Außenminister Olivier Jean Patrick Nduhungirehe, der an den ministeriellen Beratungen teilnimmt.
Für Ruanda ist der Gipfel auch institutionell von Bedeutung. Das Land hatte das vorherige Commonwealth-Treffen auf afrikanischem Boden im Juni 2022 in Kigali ausgerichtet.
Ruanda trat der Organisation 2009 bei und war nach Mosambik das zweite Mitglied ohne britische Kolonialvergangenheit. Das Commonwealth umfasst heute 56 unabhängige Staaten mit insgesamt rund 2,7 Milliarden Einwohnern.
Investitionsprojekte im Umfang von rund 30 Milliarden Euro
Neben den politischen Debatten wollen die Mitgliedstaaten neue Finanzierungsquellen für Handel, Infrastruktur und wirtschaftliche Entwicklung erschließen.
Das Commonwealth-Sekretariat hat dafür eine Investitionsplattform eingerichtet, auf der 20 Entwicklungsländer Projekte mit einem Gesamtvolumen von umgerechnet rund 30,4 Milliarden Euro eingereicht haben.
Die Vorhaben betreffen unter anderem Energieversorgung, Verkehrsinfrastruktur, Landwirtschaft, Industrie und Klimaschutz. Das Volumen bezeichnet den Finanzierungsbedarf der eingereichten Projekte, nicht bereits zugesagte Investitionen.
Generalsekretärin Botchwey will außerdem die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedstaaten ausbauen und Hindernisse im gegenseitigen Handel abbauen. Ein weiteres Ziel ist ein gemeinsamer Ansatz für den Zugang hoch verschuldeter und besonders klimagefährdeter Staaten zu günstigeren Finanzierungsmöglichkeiten.
Am Montag stellte das Commonwealth seinen Bericht „State of the Commonwealth 2026“ vor. Darin werden wirtschaftliche Unsicherheit, steigende Schulden, der Klimawandel sowie zunehmender Druck auf demokratische Institutionen als zentrale Herausforderungen beschrieben.
Das Sekretariat arbeitet zudem an einem Programm, das innerhalb von fünf Jahren zehn Millionen jungen Menschen digitale Fähigkeiten und unternehmerische Kenntnisse vermitteln soll.
Die Staats- und Regierungschefs beraten während des Gipfels über die wirtschaftlichen und politischen Prioritäten der Organisation. Zum Abschluss am 4. November ist eine gemeinsame Erklärung vorgesehen.

