E4 trifft R4 : Deutschland und Türkei bringen Europa und islamische Welt an einen Tisch

Deutschland und die Türkei starten ein neues Acht-Staaten-Format mit Ägypten, Saudi-Arabien und Pakistan. Außenminister Wadephul will die Konflikte um die Straße von Hormus, das Rote Meer und das Schwarze Meer gemeinsam mit europäischen und regionalen Partnern angehen.

Deutschland und die Türkei haben ein neues diplomatisches Gesprächsformat mit acht Staaten gestartet, um die Konflikte um die Straße von Hormus, das Rote Meer und das Schwarze Meer gemeinsam anzugehen. Das erste Außenministertreffen findet am Freitag, dem 23. Oktober 2026, in Istanbul statt. Neben den E4 aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien nehmen die R4 bestehend aus Ägypten, Pakistan, Saudi-Arabien und die Türkei teil. Die Initiative fällt in eine Phase zunehmender Angriffe auf internationale Schifffahrtswege und saudisches Staatsgebiet, während die beteiligten Länder nach politischen Lösungen für die Konflikte mit Iran, im Jemen und in der Ukraine suchen.

Bundesaußenminister Johann Wadephul und sein türkischer Amtskollege Hakan Fidan haben das Treffen gemeinsam initiiert. Ursprünglich war eine Zusammenkunft der drei europäischen Staaten Deutschland, Frankreich und Großbritannien mit den vier regionalen Partnern vorgesehen. Auf Wadephuls Initiative wurde Italien zusätzlich eingebunden.

Damit entsteht erstmals ein gemeinsames Gesprächsformat zwischen den sogenannten E4-Staaten und der Regionalgruppe R4, die sich aus Ägypten, Pakistan, Saudi-Arabien und der Türkei zusammensetzt.

Wadephul will neue diplomatische Wege öffnen

Zum Auftakt des Treffens erklärte Wadephul, die bestehenden diplomatischen Formate reichten angesichts der gegenwärtigen Sicherheitskrisen nicht aus.

„Der Konflikt um die Straße von Hormus, die Angriffe der Huthi im Jemen, auf Saudi-Arabien und die freie Seeschifffahrt, aber auch die Folgen immer stärker eskalierender russischer Angriffe auf Getreidelieferungen im Schwarzen Meer – diese massiven Herausforderungen können wir nur bewältigen, wenn wir über etablierte Formate hinaus an einem Strang ziehen.“

Der Außenminister betonte, die acht Staaten wollten gemeinsam ausloten, wie sich Bewegung in die festgefahrenen Konflikte bringen lasse. Dabei gehe es sowohl um regionale Sicherheit als auch um wirtschaftliche Folgen für Europa, Afrika und Asien.

Die türkische Regierung hatte das Treffen zunächst als Zusammenkunft der regionalen R4-Gruppe mit Deutschland, Frankreich und Großbritannien angekündigt. Nach Angaben des Auswärtigen Amts wurde die Initiative anschließend um Italien erweitert, das besondere wirtschaftliche und sicherheitspolitische Interessen im Mittelmeerraum und Nahen Osten verfolgt.

Auf der Agenda stehen neben Iran und Jemen auch die Palästinafrage sowie der russische Krieg gegen die Ukraine.

Ägypten und Saudi-Arabien stehen unter unmittelbarem Sicherheitsdruck

Die Gespräche fallen mit einer erneuten Verschärfung des Konflikts zwischen Saudi-Arabien und den Huthi im Jemen zusammen.

Am 21. Oktober wurde der internationale König-Fahd-Flughafen in Dammam im Osten Saudi-Arabiens angegriffen. Zwei Zivilisten kamen ums Leben, weitere Menschen wurden verletzt.

Das ägyptische Außenministerium verurteilte den Angriff am folgenden Tag. Die gezielte Gefährdung des Luftverkehrs, ziviler Einrichtungen und unbeteiligter Menschen verstoße gegen das internationale Recht und verschärfe die regionale Krise.

Kairo bekräftigte seine uneingeschränkte Solidarität mit Saudi-Arabien. Die Sicherheit des Königreichs sei ein untrennbarer Bestandteil der arabischen und ägyptischen nationalen Sicherheit.

Präsident Abdel Fattah al-Sisi hatte bereits am 21. Oktober erklärt, Ägypten könne Saudi-Arabien bei der Verteidigung seines Territoriums und seiner Grenzen militärisch unterstützen. Eine Beteiligung an Angriffen gegen den Jemen schloss er dagegen ausdrücklich aus.

Das ägyptische Parlament berät derzeit über eine mögliche Ermächtigung zur Entsendung von Streitkräften. Die Entscheidung wurde auf den 26. Oktober verschoben.

Ägyptens Position folgt dem von al-Sisi vertretenen außenpolitischen Konzept des strategischen Gleichgewichts. Dieses verbindet die Unterstützung staatlicher Souveränität und regionaler Sicherheit mit dem Anspruch, militärische Verstrickungen zu begrenzen und diplomatische Beziehungen zu unterschiedlichen Machtzentren aufrechtzuerhalten.

Rotes Meer und Hormus gefährden den Welthandel

Die Sicherheit internationaler Handelsrouten bildet den zentralen Schwerpunkt des Istanbuler Treffens.

Besonders betroffen sind zwei Meerengen, über die ein erheblicher Teil des weltweiten Handels und der Energieversorgung abgewickelt wird.

Durch Bab al-Mandab am südlichen Zugang zum Roten Meer passieren nach Angaben des Auswärtigen Amts rund zwölf Prozent des weltweiten Seehandels. Die Straße von Hormus zwischen Iran und Oman ist Transportweg für etwa ein Fünftel des globalen Ölverbrauchs.

Seit Juli haben die Huthi ihre Angriffe auf Handelsschiffe und Ziele in Saudi-Arabien verstärkt. Schiffe mit Verbindungen zum Königreich werden nach Angaben der Bundesregierung an der Ein- und Ausfahrt des Roten Meeres behindert.

Die Folgen reichen über die unmittelbar betroffene Region hinaus. Umleitungen erhöhen Transportzeiten und Frachtkosten. Gleichzeitig beeinflussen Störungen der Energie- und Düngemittelversorgung die Preise auf internationalen Märkten.

Für Ägypten sind die Entwicklungen besonders bedeutsam. Der Suezkanal verbindet das Rote Meer mit dem Mittelmeer und gehört zu den wichtigsten Einnahmequellen des Landes. Sinkender Schiffsverkehr belastet die Einnahmen aus Kanalgebühren.

Deutschland beteiligt sich bereits an der EU-geführten Marineoperation EUNAVFOR ASPIDES zum Schutz der Handelsschifffahrt im Roten Meer und im Golf von Aden.

Türkei und Pakistan bauen parallel neue Militärpartnerschaften auf

Die diplomatischen Beratungen finden vor dem Hintergrund einer engeren sicherheitspolitischen Zusammenarbeit mehrerer beteiligter Staaten statt.

Am 21. Oktober unterzeichneten die Türkei, Pakistan, Qatar und Indonesien in Doha das sogenannte Badr-Memorandum. Die Vereinbarung sieht eine intensivere Kooperation in der Rüstungsproduktion, bei Forschung und Entwicklung, Technologietransfer sowie militärischer Ausbildung vor.

Die vier Länder wollen ihre industriellen Fähigkeiten stärker miteinander verbinden und gemeinsame Projekte entwickeln. Auch weitere befreundete Staaten können sich unter vereinbarten Bedingungen anschließen.

Die Vereinbarung ist von den Istanbuler Außenministergesprächen getrennt. Sie betrifft die verteidigungsindustrielle Zusammenarbeit und enthält keine öffentlich bekannt gewordene allgemeine Beistandsverpflichtung.

Bereits zuvor hatten die Türkei, Pakistan und Saudi-Arabien ihre militärische Zusammenarbeit vertieft. Die regionalen Partner verfolgen damit neben der diplomatischen Abstimmung auch eigene sicherheitspolitische Initiativen.

Die R4-Gruppe hatte am 21. Juni in Kairo ihre vierte gemeinsame Außenministerkonsultation abgehalten. Damals begrüßten die Minister die Verständigung zwischen den Vereinigten Staaten und Iran vom 18. Juni und forderten eine dauerhafte, überprüfbare Lösung der offenen Streitfragen.

Ukraine-Krieg und Getreideexporte ebenfalls auf der Tagesordnung

Deutschland hat die Agenda der Istanbuler Gespräche ausdrücklich auf die Sicherheitslage im Schwarzen Meer ausgeweitet.

Seit Juli 2026 haben russische Angriffe auf zivile Schiffe und Hafeninfrastruktur die ukrainischen Getreideexporte über das Schwarze Meer nach Angaben des Auswärtigen Amts nahezu zum Erliegen gebracht.

Wadephul warf Russland vor, durch Angriffe auf Getreidetransporte eine Nahrungsmittelknappheit in ärmeren Ländern bewusst in Kauf zu nehmen.

Die Bundesregierung verweist darauf, dass zuvor rund 30 Prozent des weltweiten Weizenhandels über die betroffene Route abgewickelt wurden. Alternative Transportwege könnten den Ausfall nur teilweise ausgleichen.

Besonders betroffen sind Staaten, die auf Getreideimporte angewiesen sind, darunter mehrere Länder Nordafrikas und des Nahen Ostens. Die Türkei gehört zugleich zu den großen Verarbeitern von Weizen für den internationalen Handel.

Deutschland setzt sich deshalb für eine erneute Vereinbarung zum Schutz der zivilen Schifffahrt im Schwarzen Meer ein. Als früheres Beispiel nennt das Auswärtige Amt die 2022 unter Vermittlung der Vereinten Nationen vereinbarte Schwarzmeer-Getreideinitiative.

An den Gesprächen in Istanbul nehmen neben Wadephul und Fidan unter anderem Ägyptens Außenminister Badr Abdelatty, Pakistans Außenminister Muhammad Ishaq Dar und Saudi-Arabiens Außenminister Faisal bin Farhan teil. Ergebnisse oder gemeinsame Beschlüsse des erstmals erweiterten Acht-Staaten-Formats waren zum Auftakt zunächst nicht bekannt.

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