BND warnt vor gewaltsamem Konflikt mit Russland – deutsche Dienste sehen akute Angriffe

Deutschlands Nachrichtendienste verschärfen ihre Warnungen vor Russland. BND-Präsident Martin Jäger sieht Deutschland in Gefahr, in einen gewaltsamen Konflikt zu geraten – der Verfassungsschutz spricht bereits von Sabotage, Anschlagsversuchen und möglichen Tötungsoperationen.

Deutschlands Nachrichtendienste warnen vor einer deutlich verschärften Bedrohung durch Russland und sehen das Land bereits heute als Ziel hybrider Angriffe, Sabotage und möglicher Gewaltoperationen. Bei der öffentlichen Anhörung des Parlamentarischen Kontrollgremiums am 5. Oktober erklärten die Spitzen von BND, Verfassungsschutz und Militärischem Abschirmdienst, die Bedrohung sei nicht mehr abstrakt. BND-Präsident Martin Jäger warnte ausdrücklich davor, dass Deutschland „in Gefahr“ sei, in einen gewaltsamen Konflikt mit Russland zu geraten. Verfassungsschutzpräsident Sinan Selen erklärte zugleich, russische Aktivitäten reichten inzwischen von Spionage und Desinformation bis zu Sabotage und geplanten Tötungsoperationen.

Die drei Nachrichtendienstchefs stellten Russland in den Mittelpunkt ihrer Lageeinschätzung. Gleichzeitig verwiesen sie auf internationalen Terrorismus, Cyberangriffe und gewaltorientierten Extremismus als weitere Hochrisikofelder.

Jäger: „Von keinem anderen Land geht aktuell eine so direkte Bedrohung aus“

BND-Präsident Martin Jäger bezeichnete Russland als den derzeit gefährlichsten Gegner Deutschlands. Die bereits im Herbst 2025 prognostizierte Verschärfung der Lage sei vollständig eingetreten.

„Deutschland ist in Gefahr, in einen gewaltsamen Konflikt mit Russland zu geraten“, sagte Jäger. Von keinem anderen Staat gehe derzeit eine „so direkte, umfassende und konkrete Bedrohung gegen Deutschland“ aus.

Nach Einschätzung des BND hat die Konfrontation eine neue Qualität erreicht. Russland erhöhe den Druck auf Deutschland und Europa, während es seinen Krieg gegen die Ukraine weiter verschärfe. Berlin sei aufgrund seiner Unterstützung für die Ukraine und seiner Rolle innerhalb der NATO zu einem wichtigen Ziel russischer Aktivitäten geworden.

Jäger beschrieb Moskaus Vorgehen als Politik von Zwang, Einschüchterung und zunehmender Risikobereitschaft. Russland missachte die Souveränität anderer Staaten und sei bereit, Gewalt zur Durchsetzung eigener Ziele einzusetzen.

Anschlagsversuch in Leipzig rückt in den Mittelpunkt

Besondere Aufmerksamkeit erhielt ein Anschlagsversuch am Flughafen Leipzig. Nach Angaben des Verfassungsschutzes sollte dort eine mit Sprengstoff beladene Drohne eine geparkte Antonow-Maschine treffen.

BfV-Präsident Sinan Selen erklärte, die Spuren führten „sehr klar nach Russland“. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt hatte den Vorfall zuvor als Beispiel für hybride Kriegsführung bezeichnet.

Der Fall steht für die neue Bewertung der Sicherheitsbehörden. Was in militärischen Planungen häufig mit einem möglichen Konfliktszenario im Jahr 2029 verbunden werde, sei aus Sicht des Verfassungsschutzes im nachrichtendienstlichen Bereich bereits heute Realität.

„Wir werden jetzt angegriffen, nicht erst 2029“, sagte Selen.

Verfassungsschutz warnt vor Sabotage und Tötungsoperationen

Das Bundesamt für Verfassungsschutz sieht neben klassischer Spionage eine zunehmende Bereitschaft Russlands zu konkreten Operationen auf deutschem Boden.

Selen nannte insbesondere Transport und Verkehr, die Verteidigungsindustrie und militärische Infrastruktur als potenzielle Ziele. Festnahmen in Deutschland und anderen europäischen Ländern zeigten, dass russische Akteure bei ihren Operationen erhebliche Schäden und mögliche zivile Opfer einkalkulierten.

Der Verfassungsschutz beobachte zudem Vorbereitungen von Gewalttaten gegen Einzelpersonen durch staatliche oder staatlich gesteuerte Akteure.

Auch russische Versuche, Rüstungsunternehmen auszuspähen oder Produktions- und Lieferketten für die Ukraine zu stören, stehen im Fokus. Selen verwies auf einen vereitelten Brandanschlag in München Anfang September, bei dem deutsche Sicherheitsbehörden nach seinen Angaben einen schweren Schaden verhindern konnten.

BND spricht von russischem „Schattenkrieg“

Jäger bezeichnete die russischen Aktivitäten als „Schattenkrieg“ gegen Deutschland. Dieser lasse sich weder vollständig mit klassischen militärischen noch mit herkömmlichen rechtlichen Kategorien erfassen.

Deutschland befinde sich nicht im Verteidigungsfall und werde dennoch angegriffen. Russische Nachrichtendienste agierten professionell und rücksichtslos. Die Gefahr von Anschlägen auf Ziele in Deutschland sei weiterhin real.

Der BND erwartet zugleich eine weitere Verschärfung des Krieges gegen die Ukraine. Russland wolle das Land im kommenden Winter stärker unter Druck setzen. Jäger rechnet mit Angriffen von größerer Härte sowie mit weiteren Versuchen, westliche Waffenproduktion und Lieferungen an die Ukraine zu behindern.

Der BND sieht derzeit allerdings keine Hinweise auf einen groß angelegten russischen Angriff auf NATO-Gebiet. Niedrigschwellige militärische Aktivitäten insbesondere im Baltikum seien jedoch möglich. Auch Operationen unter falscher Flagge könnten nach Einschätzung des Dienstes nicht ausgeschlossen werden.

Nachrichtendienste sollen operativer werden

Aus der veränderten Bedrohungslage leiten BND und Verfassungsschutz einen Umbau ihrer Arbeitsweise ab.

Jäger kündigte an, den Bundesnachrichtendienst stärker auf Gegner wie Russland auszurichten, technologische Fähigkeiten auszubauen und seine Einsatzfähigkeit auch unter Bedingungen von Krieg und Krise zu sichern.

„Es ist uns ernst damit, Deutschlands erste Verteidigungslinie zu sein“, erklärte der BND-Präsident.

Das geplante neue BND-Gesetz soll dem Dienst zusätzliche Befugnisse geben. Zugleich unterstützt Jäger die vorgesehenen erweiterten Kontrollmechanismen. Zusätzliche Kompetenzen müssten mit stärkerer parlamentarischer und rechtlicher Kontrolle verbunden werden.

Auch der Verfassungsschutz will sich stärker zu einem operativen Abwehrdienst entwickeln. Selen verwies dabei auf europäische Partnerdienste, die nachrichtendienstliche und polizeiliche Fähigkeiten enger miteinander verzahnen.

Neues Zentrum bearbeitet bereits operative Fälle

Eine wichtige Rolle spielt dabei das neue Gemeinsame Zentrum zur Abwehr hybrider Bedrohungen. Nach Angaben Selens ist die Einrichtung seit weniger als vier Monaten im Wirkbetrieb.

In mehr als 100 Sitzungen seien bereits zahlreiche konkrete Sachverhalte bearbeitet worden. Einen Teil davon habe der Generalbundesanwalt übernommen.

Der Verfassungsschutz beschreibt seine Strategie mit den drei Bereichen Detektion, Disruption und Prävention. Ziel sei es, Bedrohungen nicht nur zu beobachten, sondern gegnerische Aktivitäten frühzeitig zu unterbrechen.

Selen nannte Festnahmen mutmaßlicher Agenten, die Aufklärung illegaler Beschaffungsnetzwerke, Maßnahmen gegen Ausspähung, die Zuordnung von Cyberangriffen und die Identifizierung ausländischer Informationsmanipulation als Beispiele.

Terrorismus und gewaltorientierter Extremismus bleiben Hochrisikofelder

Neben Russland zählt der Verfassungsschutz internationalen Terrorismus und gewaltorientierten Extremismus weiterhin zu seinen drei wichtigsten Gefahrenfeldern.

Internationale Konflikte beeinflussten auch die Sicherheitslage in Deutschland. Besonders jüdische und israelische Einrichtungen seien weiterhin bedroht. Selen verwies unter anderem auf eine Gruppierung namens HAYI, die sich im Frühjahr zu mehreren Brandanschlägen auf überwiegend jüdische Einrichtungen in Deutschland und Europa bekannt habe.

Gleichzeitig beobachten die Sicherheitsbehörden eine zunehmende Radikalisierung sehr junger Menschen. Im jihadistischen Umfeld werde Gewalt teilweise unabhängig von komplexeren ideologischen Begründungen verherrlicht.

Ähnliche Entwicklungen sieht das BfV im gewaltorientierten Extremismus. Minderjährige und teilweise sehr junge Akteure würden über digitale Räume angesprochen und radikalisiert.

MAD sieht konkrete Angriffe auf Bundeswehr und Demokratie

Auch der Militärische Abschirmdienst spricht inzwischen von einer konkreten Bedrohungslage. MAD-Präsidentin Martina Rosenberg erklärte, Deutschland, seine Bevölkerung, die Bundeswehr und die demokratische Ordnung seien Gefahren von außen und innen ausgesetzt.

Gegnerische Aktivitäten zielten darauf, Vertrauen in die staatliche Abwehrfähigkeit zu beschädigen, Unsicherheit zu verbreiten und die Moral innerhalb der Bundeswehr zu schwächen.

Der MAD konzentriert sich zugleich auf extremistische Bestrebungen innerhalb der Streitkräfte. Rechtsextremistische, islamistische und andere verfassungsfeindliche Ideologien hätten in der Bundeswehr keinen Platz, erklärte Rosenberg.

Die Nachrichtendienste wollen ihre Zusammenarbeit mit Polizei, Bundeswehr, Justiz und internationalen Partnern weiter ausbauen. Gleichzeitig drängen sie auf neue rechtliche Befugnisse, um auf hybride Angriffe schneller reagieren zu können.

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