Eritrea hat sämtliche diplomatischen Beziehungen zu Äthiopien abgebrochen, nachdem Addis Abeba seine Botschaft in Asmara geschlossen und zehn eritreische Diplomaten des Landes verwiesen hatte. Die Entscheidungen fielen am 1. Oktober innerhalb weniger Stunden. Beide Regierungen werfen sich gegenseitig feindselige Aktivitäten vor, während im Norden Äthiopiens erneut schwere Kämpfe zwischen der Bundesregierung und Kräften aus Tigray stattfinden. Damit greift die Krise zunehmend auf die Beziehungen zwischen Staaten am Horn von Afrika über.
Äthiopien erklärte zehn eritreische Diplomaten zur Persona non grata und setzte ihnen eine Frist von 48 Stunden zur Ausreise. Zu den Betroffenen gehören nach eritreischen Angaben der Geschäftsträger der Botschaft und Diplomaten, die bei der Afrikanischen Union in Addis Abeba akkreditiert sind.
Das äthiopische Außenministerium wirft ihnen Aktivitäten vor, die eine direkte Bedrohung für die nationale Sicherheit darstellten und gegen das Wiener Übereinkommen über diplomatische Beziehungen verstießen. Konkrete Handlungen der Diplomaten wurden öffentlich zunächst nicht genannt.
Asmara kappt alle diplomatischen Beziehungen
Die Regierung in Asmara reagierte noch am selben Tag. Das eritreische Außenministerium bezeichnete die äthiopischen Maßnahmen als ungerechtfertigte feindselige Handlungen und kündigte an, die diplomatischen Beziehungen vollständig abzubrechen.
Asmara weist zugleich die äthiopische Darstellung zurück, Eritrea betreibe direkte und indirekte feindselige Aktivitäten gegen das Nachbarland. Stattdessen beschuldigt die eritreische Regierung Addis Abeba, seit drei Jahren eine Politik der Konfrontation zu verfolgen.
Eritrea verbindet den Vorwurf vor allem mit Äthiopiens Bestreben nach einem eigenen Zugang zum Roten Meer. Asmara behauptet, die äthiopische Führung strebe dabei die Kontrolle über eritreische Häfen und Küstengebiete an. Zudem wirft Eritrea Äthiopien vor, bewaffnete eritreische Oppositionsgruppen aufzunehmen, auszubilden und mit Waffen zu versorgen, um einen Regierungswechsel in Asmara zu fördern.
Äthiopien wiederum beschuldigt Eritrea, Kräfte zu unterstützen, die gegen die Bundesregierung von Ministerpräsident Abiy Ahmed kämpfen. Eritrea weist auch diesen Vorwurf zurück.
Neuer Krieg in Tigray verändert die Lage
Der diplomatische Bruch fällt in eine militärische Eskalation im Norden Äthiopiens. Seit dem 23. September kämpfen Kräfte der Volksbefreiungsfront von Tigray, TPLF, und ihre Verbündeten erneut gegen die äthiopischen Streitkräfte. Die Auseinandersetzungen haben sich auch auf Teile der Regionen Afar und Amhara ausgeweitet.

Damit ist das Pretoria-Abkommen von 2022, das den zweijährigen Tigray-Krieg beendet hatte, praktisch zerbrochen. Die TPLF hatte kurz vor Beginn der neuen Kämpfe mit sechs weiteren bewaffneten Gruppen eine Allianz gegen die Regierung Abiy Ahmeds angekündigt. Zu ihr gehören auch Gruppen aus Amhara und Oromia, deren politische und territoriale Interessen teilweise erheblich auseinanderliegen.
Die äthiopische Regierung wirft Eritrea, Sudan und Ägypten vor, Kräfte gegen Addis Abeba zu unterstützen. Die drei Staaten bestreiten die Anschuldigungen. Die Spannungen mit Eritrea besitzen dabei eine besondere Bedeutung, weil Asmara im Krieg von 2020 bis 2022 noch auf Seiten der äthiopischen Bundesregierung gegen die TPLF kämpfte.
Nach dem Friedensschluss von Pretoria verschlechterten sich die Beziehungen zwischen Addis Abeba und Asmara zunehmend. Eritrea war nicht Vertragspartei des Abkommens.
Verwundete überlasten Krankenhäuser
Die militärische Eskalation hat bereits erhebliche Folgen für die Zivilbevölkerung. Ärzte ohne Grenzen meldete für die Krankenhäuser in Korem und Alamata einen starken Anstieg der Kriegsverletzten. Zwischen dem 22. und 25. September stieg die Zahl der dort aufgenommenen Verwundeten von rund 180 auf mehr als 420. Die Organisation musste wegen der Sicherheitslage einen Teil ihrer Aktivitäten einstellen.
Auch die Vereinten Nationen warnen vor zunehmenden Schwierigkeiten beim Zugang zu den betroffenen Gebieten. Flüge nach Tigray wurden ausgesetzt, während Krankenhäuser hohe Zahlen von Verletzten aufnehmen. In Teilen von Amhara und Afar beeinträchtigen die Kämpfe ebenfalls humanitäre Transporte und Hilfsmaßnahmen.
Die neue Auseinandersetzung folgt auf den Krieg von 2020 bis 2022, der große Teile Tigrays verwüstete und eine schwere humanitäre Krise auslöste.
Spannungen reichen bis nach Addis Abeba
Parallel zu den Kämpfen im Norden hat sich die Sicherheitslage auch in der äthiopischen Hauptstadt verschärft. In der Nacht zum 1. Oktober waren in Addis Abeba Explosionen zu hören. Reuters berichtete unter Berufung auf diplomatische Quellen und weitere Informationen über mutmaßliche Drohnenangriffe auf Ziele in der Hauptstadt.
Bereits am Vortag hatte der äthiopische Geheimdienst NISS sämtliche Genehmigungen für Drohnenflüge in Addis Abeba und der Umgebung auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Die Behörden kündigten an, nicht genehmigte Fluggeräte mit einem integrierten Abwehrsystem zu erfassen und gegebenenfalls abzufangen.
Die Verbindung zwischen den Explosionen und der Entscheidung über die eritreische Botschaft ist von der äthiopischen Regierung nicht im Detail öffentlich belegt worden. Addis Abeba stellt die diplomatischen Maßnahmen jedoch in den Zusammenhang mit Bedrohungen der nationalen Sicherheit.
Streit um Zugang zum Roten Meer belastet Verhältnis
Hinter der aktuellen Eskalation steht auch der seit Jahren wachsende Streit über Äthiopiens Zugang zum Meer. Das Land verlor mit der Unabhängigkeit Eritreas 1993 seinen direkten Küstenzugang und wickelt heute den größten Teil seines Außenhandels über Dschibuti ab.
Die Regierung von Abiy Ahmed hat wiederholt die strategische Bedeutung eines verlässlichen Zugangs zum Roten Meer hervorgehoben. In Eritrea werden entsprechende äthiopische Aussagen mit besonderem Misstrauen verfolgt. Asmara wirft Addis Abeba inzwischen ausdrücklich vor, die territoriale Souveränität Eritreas infrage zu stellen.
Die militärischen Entwicklungen in Tigray verschärfen dieses Konfliktfeld zusätzlich. Chatham House warnt, dass die erneuten Kämpfe nicht innerhalb Äthiopiens bleiben müssen. Das Institut verweist neben Eritrea auch auf Sudan, wo ein eigener Krieg andauert und sich regionale Bündnisse und gegenseitige Vorwürfe der Unterstützung bewaffneter Gruppen zunehmend überlagern.
Aus einstigen militärischen Partnern sind damit innerhalb weniger Jahre offene politische Gegner geworden. Mit der Schließung der äthiopischen Botschaft, der Ausweisung eritreischer Diplomaten und dem vollständigen Abbruch der Beziehungen durch Asmara sind nun auch die offiziellen diplomatischen Kanäle zwischen beiden Regierungen weitgehend weggefallen.

