NRW macht Entwicklungspolitik zur Standortfrage – Ghana bleibt zentraler Partner

Entwicklungspolitik soll in NRW künftig auch Standortpolitik sein. Die Landesregierung verbindet ihre Partnerschaft mit Ghana und anderen Regionen stärker mit Handel, Fachkräften, Sicherheit und neuen Märkten für Unternehmen.

Nordrhein-Westfalen richtet seine Entwicklungspolitik stärker auf eigene Wirtschafts-, Sicherheits- und Standortinteressen aus und will die Zusammenarbeit mit ausgewählten Partnern enger mit Handel, Fachkräftequalifizierung und technologischer Transformation verbinden. Der Beschluss über die neuen Leitlinien fiel im August 2026. Ghana bleibt dabei der wichtigste afrikanische Partner des Landes, während Unternehmen aus NRW über Entwicklungskooperationen leichter Zugang zu neuen Märkten erhalten sollen. Zugleich hält die Landesregierung an Armutsbekämpfung, humanitärer Hilfe, Menschenrechten und der Förderung zivilgesellschaftlicher Organisationen fest. 

„Entwicklungszusammenarbeit ist keine Einbahnstraße“, sagt Nathanael Liminski, Minister für Internationales und Chef der Staatskanzlei. Nordrhein-Westfalen könne von Transformationsprozessen anderer Länder selbst lernen. Partnerschaften sollten deshalb Interessen und Expertise beider Seiten einbeziehen.

Damit rückt die Landesregierung deutlich von einem Verständnis ab, bei dem Entwicklungspolitik hauptsächlich als Hilfe für ärmere Staaten erscheint. Die neuen Leitlinien verbinden sie ausdrücklich mit Wohlstand, Wettbewerbsfähigkeit, Rohstoffen, Sicherheit, Migration und der Widerstandsfähigkeit Nordrhein-Westfalens gegen internationale Krisen.

Die Landesregierung beschreibt globale Kooperation damit zugleich als Instrument eigener Landespolitik. „Stabilität, Wohlstand und Sicherheit entstehen lange nicht mehr allein innerhalb nationaler Grenzen“, sagt Liminski.

Ghana soll Partnerschaft und Wirtschaftsbrücke zugleich sein

Afrika nimmt dabei vor allem über Ghana eine herausgehobene Stellung ein. Nordrhein-Westfalen arbeitet seit 2007 offiziell mit dem westafrikanischen Land zusammen. Die Kooperation umfasst inzwischen nachhaltige Wirtschaftsförderung, Gesundheit, Hochschulen und den Austausch zwischen Verwaltungen. 

Die Landesregierung bezeichnet Ghana als Stabilitätsanker in Westafrika und konzentriert ihre begrenzten Ressourcen bewusst auf längerfristige Partnerschaften. Neben Ghana gehören Nordmazedonien und die ukrainische Region Dnipropetrowsk zu diesem engeren Kreis.

In Ghana sollen unter anderem Fachkräfteprogramme, berufliche Qualifizierung, Hochschulkooperationen und der direkte Austausch zwischen Beschäftigten der Verwaltungen fortgeführt werden. Kommunen, Diaspora-Organisationen und Vereine in Nordrhein-Westfalen sollen stärker eingebunden bleiben.

Das Land verbindet diese Zusammenarbeit nun deutlicher mit wirtschaftlichen Interessen. Nordrhein-Westfalen ist einer der größten Industriestandorte Europas und nach Darstellung der Landesregierung das zweitstärkste deutsche Exportland. Stabile Beziehungen zu Ländern mit wachsenden Märkten, wichtigen Rohstoffen und einer jungen Bevölkerung werden deshalb auch als Standortpolitik verstanden.

Entwicklungspolitik soll Unternehmen neue Märkte öffnen

Besonders deutlich wird der neue Ansatz beim Verhältnis von Entwicklungs- und Außenwirtschaftspolitik.

Unternehmen aus Nordrhein-Westfalen sollen stärker mit Partnern im Globalen Süden zusammengebracht werden. Ausbildung, Wissenstransfer und Investitionen können nach dem Konzept Arbeitsplätze vor Ort schaffen und gleichzeitig wirtschaftliche Möglichkeiten für Firmen aus NRW eröffnen.

Die Landesregierung formuliert das ausdrücklich als gegenseitiges Interesse. Staaten des Globalen Südens seien aufgrund ihrer Bevölkerungsentwicklung, ihrer Rohstoffvorkommen sowie ihrer Bedeutung für Lieferketten und Zukunftstechnologien längst strategische Partner.

Eine engere Zusammenarbeit bei klimafreundlichen Technologien könne „langfristig dazu beitragen, neue Märkte für Unternehmen aus Nordrhein-Westfalen zu schaffen“, heißt es in den Leitlinien. Entwicklungspolitische Maßnahmen und Außenwirtschaftsförderung sollen deshalb künftig gezielter aufeinander abgestimmt werden. 

Das Deutsch-Afrikanische Wirtschaftsforum Nordrhein-Westfalen erhält in diesem Konzept eine besondere Funktion. Es soll kleinen und mittleren Unternehmen helfen, Geschäftsmöglichkeiten auf afrikanischen Märkten zu erschließen und Partner vor Ort zu finden.

Technologie und Wissen sollen dabei nicht nur von Nordrhein-Westfalen nach Afrika fließen. Die Regierung betont mehrfach, dass auch NRW von Erfahrungen und Technologien seiner Partner profitieren könne.

Für Unternehmen setzt sie zugleich Grenzen. Geschäftspraktiken müssen internationalen Regeln sowie Menschenrechts- und Umweltstandards entsprechen.

Sicherheit wird Teil der Entwicklungspolitik

Auch die sicherheitspolitische Sprache fällt deutlich stärker aus als in klassischen entwicklungspolitischen Konzepten.

Die Landesregierung versteht ihre internationalen Aktivitäten als Bestandteil einer breiteren Friedens- und Sicherheitsarchitektur. Dabei geht es nicht um militärische Zusammenarbeit, sondern um stabile staatliche Strukturen, wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit, Energieversorgung, Klimaschutz, gesellschaftlichen Zusammenhalt und digitale Sicherheit.

Kriege, instabile Lieferketten und Abhängigkeiten bei Rohstoffen oder kritischer Infrastruktur könnten unmittelbar auf Nordrhein-Westfalen durchschlagen. Partnerschaften mit anderen Regionen sollen deshalb auch die Widerstandsfähigkeit des Landes erhöhen.

Die neuen Leitlinien reagieren damit auf eine internationale Lage, in der wirtschaftliche Beziehungen zunehmend geopolitisch betrachtet werden. Die Landesregierung verweist auf den wachsenden Einfluss der Staaten des Globalen Südens, den Wettbewerb um Rohstoffe, den Klimawandel, Migration und die rasante Entwicklung künstlicher Intelligenz.

Entwicklungspolitik wird so auch zu einem Baustein wirtschaftlicher und strategischer Vorsorge.

Auch Migration wird ausdrücklich angesprochen

Die Verbindung reicht bis in die Migrationspolitik. Fehlende wirtschaftliche Perspektiven, Kriege und Menschenrechtsverletzungen nennt die Landesregierung als Ursachen für Flucht.

Zivile Krisenprävention, stabile staatliche Institutionen, wirtschaftliche Entwicklung und bessere Lebensbedingungen sollen dazu beitragen, solche Ursachen in den Herkunftsregionen zu verringern. Dabei macht das Konzept zugleich deutlich, dass Partnerregierungen selbst Verantwortung für Reformen und wirtschaftliche Entwicklung tragen.

Nordrhein-Westfalen wolle Unterstützung anbieten, wo sie gewünscht sei. Souveränität und Selbstbestimmung der Partner sollen gewahrt bleiben. 

Diese stärker interessengeleitete Sprache findet inzwischen auch in der Bundespolitik Widerhall. In der Haushaltsdebatte des Bundestages am 9. September verwies die SPD-Abgeordnete Sanae Abdi ausdrücklich auf die CDU-geführte Landesregierung in Nordrhein-Westfalen. Sie führte deren neue Leitlinien als Beispiel dafür an, Entwicklungszusammenarbeit mit eigenen wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Interessen zu verbinden. 

Zivilgesellschaft behält großen Einfluss

Die stärkere Ausrichtung auf Wirtschaft und Sicherheit bedeutet allerdings keinen Rückzug des Landes aus der klassischen Eine-Welt-Arbeit.

Nordrhein-Westfalen will weiterhin Nichtregierungsorganisationen, Diaspora-Initiativen, Kirchen, Kommunen und andere zivilgesellschaftliche Akteure fördern. Rund 7.000 Menschen engagieren sich nach Angaben der Landesregierung in entsprechenden Initiativen im Land, vielfach ehrenamtlich.

Eine zentrale Rolle behält das Eine-Welt-Promotorenprogramm. Auch das Eine-Welt-Netz NRW und die landeseigene Stiftung Umwelt und Entwicklung Nordrhein-Westfalen sollen weiter unterstützt werden.

Das Auslandsprogramm des Landes finanziert zudem direkte Kooperationen von Vereinen und Einrichtungen aus Nordrhein-Westfalen mit Partnern unter anderem in Ghana, Südafrika, Teilen der arabischen Welt und auf dem Westbalkan. 

Die Zivilgesellschaft war auch an der Neuausrichtung beteiligt. Im März 2026 konsultierte die Landesregierung entwicklungspolitische Organisationen und weitere Akteure aus Nordrhein-Westfalen. Deren Vorschläge flossen in die Leitlinien ein.

Humanitäre Hilfe bleibt Teil des Konzepts

Armutsbekämpfung und humanitäre Hilfe sollen trotz der stärkeren Orientierung an Landesinteressen ausdrücklich erhalten bleiben. Nordrhein-Westfalen unterstützt bei Katastrophen und Krisen über Organisationen, die bereits Strukturen in den jeweiligen Ländern besitzen.

Als Beispiele nennt das Land die Hilfe nach dem Erdbeben in der Türkei sowie Unterstützungsmaßnahmen in der Ukraine und im Libanon.

Auch Menschenrechte bleiben Bestandteil der Kooperation. Die Landesregierung nennt den Einsatz gegen Antisemitismus, Rassismus, Frauenfeindlichkeit und Diskriminierung von Minderheiten ausdrücklich als Teil ihrer internationalen Aktivitäten. 

Gleichzeitig stehen sämtliche Maßnahmen unter Haushaltsvorbehalt. Nordrhein-Westfalen will seine Mittel stärker auf Bereiche konzentrieren, in denen das Land eigene Kompetenzen und bestehende Strukturen besitzt.

Bonn soll international weiter wachsen

Einen eigenen Schwerpunkt bildet Bonn. Mit 27 Einrichtungen und rund 1.200 Beschäftigten ist die Stadt nach Angaben der Landesregierung Deutschlands größter Standort der Vereinten Nationen.

NRW will gemeinsam mit Bundesregierung und Stadt weitere internationale Organisationen und Konferenzen nach Bonn holen. Entwicklungszusammenarbeit, Klima, Umwelt, Katastrophenvorsorge und Cybersicherheit gehören zu den Schwerpunkten des dort entstandenen internationalen Netzwerks. 

Auch Wissenschaft und Hochschulen sollen enger in internationale Partnerschaften eingebunden werden. Austauschprogramme, Forschung, berufliche Qualifizierung und Hochschulkooperationen werden dabei sowohl als Entwicklungsinstrumente als auch als Möglichkeit verstanden, Innovation und Fachkräftebeziehungen zu stärken.

Mit Ghana verbindet Nordrhein-Westfalen damit inzwischen eine Partnerschaft, die deutlich über klassische Entwicklungsprojekte hinausreicht. Wirtschaft, Wissenschaft, Verwaltung, Kommunen und Zivilgesellschaft sollen enger zusammenspielen, während die Landesregierung ihre internationale Kooperation zugleich stärker an den eigenen wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Interessen ausrichtet.

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