Ausländische Nachrichtendienste stehen hinter einem stark wachsenden Anteil der Angriffe auf deutsche Unternehmen. Bei 37 Prozent der von Datendiebstahl, Industriespionage oder Sabotage betroffenen Firmen ließ sich mindestens ein Vorfall einem fremden Nachrichtendienst zuordnen. Am 26. August stellte der Digitalverband Bitkom gemeinsam mit dem Bundesamt für Verfassungsschutz die neue Studie „Wirtschaftsschutz 2026“ vor. Noch 2025 lag der Anteil bei 28 Prozent, 2023 waren es lediglich sieben Prozent.
Damit sind ausländische Nachrichtendienste erstmals die zweitgrößte identifizierte Tätergruppe. An erster Stelle steht weiterhin die Organisierte Kriminalität. 62 Prozent der betroffenen Unternehmen konnten mindestens einen Angriff kriminellen Organisationen oder Banden zuordnen. Im Vorjahr waren es 68 Prozent.
„Ausländische Nachrichtendienste haben ihre hybriden Aktivitäten intensiviert und sind zunehmend für die Angriffe auf die deutsche Wirtschaft verantwortlich“, erklärte der Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, Sinan Selen. Besonders die Sicherheits- und Verteidigungswirtschaft sei eine „attraktive Zielfläche“ ausländischer Dienste.
China und Russland häufigste Herkunft von Angriffen
Auch bei der geografischen Zuordnung der Angriffe verzeichnet Bitkom deutliche Veränderungen. 52 Prozent der sicher betroffenen Unternehmen konnten mindestens einen Angriff nach China zurückverfolgen. Im vergangenen Jahr waren es 46 Prozent. Russland folgt mit 49 Prozent nach 46 Prozent im Vorjahr.
Diese Angaben zur geografischen Herkunft bedeuten nicht automatisch, dass die jeweiligen Staaten oder ihre Nachrichtendienste hinter den Angriffen stehen. Die Studie erfasst getrennt, aus welchen Regionen Angriffe kamen und welchen Tätergruppen Unternehmen die Vorfälle zurechnen konnten.
Mit Abstand folgen Osteuropa außerhalb der Europäischen Union und Russlands mit 34 Prozent, die USA mit 27 Prozent sowie andere EU-Staaten mit 26 Prozent. Zwölf Prozent der Unternehmen verfolgten Angriffe nach Deutschland zurück.
Deutlich gestiegen ist auch der Anteil des Iran. Neun Prozent der betroffenen Unternehmen identifizierten dort den Ausgangspunkt mindestens eines Angriffs. 2025 waren es vier Prozent.

Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst verweist zugleich auf eine zunehmende Verflechtung staatlicher und krimineller Akteure. „Die Grenzen zwischen Organisierter Kriminalität und den Geheimdiensten sind in vielen Ländern fließend“, erklärte er. Nachrichtendienste könnten sich krimineller Strukturen bedienen, während kriminelle Gruppen unter bestimmten Bedingungen staatlichen Interessen dienten.
Bis zu 270 Milliarden Euro Schaden
Die wirtschaftlichen Folgen von Datendiebstahl, Industriespionage und Sabotage bleiben erheblich. Bitkom beziffert den Schaden für die deutsche Wirtschaft auf mindestens 211 Milliarden Euro. Wegen der gestiegenen Unsicherheit bei der Erkennung von Angriffen weist der Verband erstmals einen Korridor aus. Am oberen Ende könnten die Schäden 270,8 Milliarden Euro erreichen.
Im vergangenen Jahr hatte Bitkom einen Gesamtschaden von 289,2 Milliarden Euro errechnet. Die Beträge umfassen unter anderem Betriebsausfälle, Schäden an IT- und Produktionssystemen, Ermittlungs- und Ersatzkosten, Rechtsstreitigkeiten sowie Umsatzeinbußen durch Produktkopien und den Verlust von Wettbewerbsvorteilen.
Gleichzeitig wächst das Dunkelfeld. Insgesamt 96 Prozent der befragten Unternehmen waren nach eigenen Angaben von Diebstahl, Industriespionage oder Sabotage betroffen oder vermuten einen entsprechenden Vorfall. Sicher feststellen konnten einen Angriff jedoch nur noch 67 Prozent. Im Vorjahr waren es 87 Prozent. Der Anteil der Unternehmen, die einen Angriff lediglich vermuten, stieg von zehn auf 29 Prozent.
Die Behörden spielen bei der Aufklärung eine zunehmend größere Rolle. Von den Unternehmen, die Erkenntnisse über Täter oder Herkunft gewinnen konnten, erhielten 50 Prozent Hinweise von staatlichen Stellen. 2025 waren es 35 Prozent und 2024 erst 24 Prozent.
Drei Viertel der Schäden entstehen durch Cyberangriffe
Der größte Teil der finanziellen Schäden entsteht inzwischen im digitalen Raum. Cyberattacken verursachen 76 Prozent des ermittelten Gesamtschadens. Vor einem Jahr waren es 70 Prozent, vor fünf Jahren 59 Prozent. Bitkom beziffert die Schäden durch Cyberangriffe auf 160,4 bis 205,8 Milliarden Euro.
Fast zwei Drittel der Unternehmen registrierten in den vergangenen zwölf Monaten eine Zunahme von Cyberangriffen. 69 Prozent erwarten, dass die Zahl in den kommenden zwölf Monaten weiter steigt. Keines der befragten Unternehmen rechnet mit einem Rückgang.
Ransomware bleibt die einzelne Angriffsart, die am häufigsten Schäden verursacht. Bei 25 Prozent der Unternehmen verschlüsselten Angreifer Daten und verlangten Geld für deren Freigabe. Allerdings ging der Anteil gegenüber 34 Prozent im Vorjahr zurück.
KI verändert die Angriffsmethoden
Gleichzeitig gewinnt Künstliche Intelligenz bei Cyberattacken an Bedeutung. 82 Prozent der Unternehmen gehen davon aus, dass Angreifer verstärkt KI einsetzen. Nur 31 Prozent konnten einen solchen Einsatz nach eigenen Angaben sicher feststellen, weitere 51 Prozent vermuten ihn.
Besonders sichtbar wird die Entwicklung bei automatisierten Anrufen und manipulierten Medien. Der Anteil der Unternehmen, die Schäden durch sogenannte Robo Calls meldeten, stieg von drei auf 14 Prozent. Bei Deepfakes verdoppelte sich der Wert von vier auf acht Prozent.
Unternehmen erkennen einen möglichen KI-Einsatz unter anderem an der automatisierten Anpassung von Angriffen, hochwertigen gefälschten Audio- und Videoaufnahmen sowie zunehmend überzeugenden Nachrichten und E-Mails.
„Künstliche Intelligenz verändert das Angriffsgeschehen grundlegend“, sagte Wintergerst. Leistungsfähige Modelle könnten Schadcode erzeugen und Angriffe stärker automatisieren. Zugleich könnten Unternehmen KI einsetzen, um Attacken schneller zu erkennen.
Für die Studie befragte Bitkom Research 1.003 Unternehmen in Deutschland mit mindestens zehn Beschäftigten und einem Jahresumsatz von mindestens einer Million Euro. Befragt wurden Führungskräfte mit Verantwortung für den Wirtschaftsschutz, darunter Geschäftsführer und Verantwortliche aus dem IT-Bereich. Die Erhebung fand zwischen der 16. und 23. Kalenderwoche 2026 statt.

