Deutschland startet einen neuen internationalen Koordinierungsprozess für Ernährungssicherung im Sahel und plant zugleich 130 Millionen Euro für Resilienzprogramme in fünf Ländern. Der Auftakt erfolgte am Dienstag in Berlin. Von der Gesamtsumme sollen 120 Millionen Euro an das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen und das Kinderhilfswerk UNICEF fließen. Gefördert werden sollen Vorhaben in Mauretanien, Mali, Burkina Faso, Niger und Tschad.
Der „Berlin Process for Food Security in the Sahel“ soll Regierungen der Region, deutsche Entwicklungsorganisationen und mehrere UN-Einrichtungen enger zusammenbringen. Neben dem Welternährungsprogramm und UNICEF sind die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO sowie der Internationale Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung beteiligt.
Das Bundesentwicklungsministerium will damit parallele Programme stärker aufeinander abstimmen und die verfügbaren Mittel gezielter einsetzen. Staatssekretär Niels Annen eröffnete den Prozess für die Bundesregierung.
120 Millionen Euro für WFP und UNICEF
Den finanziellen Schwerpunkt bildet die vom Entwicklungsministerium finanzierte Sahel-Resilienz-Partnerschaft. In diesem Programm arbeiten das Welternährungsprogramm, UNICEF und die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit gemeinsam in besonders gefährdeten Gemeinden.
Die Bundesregierung plant für 2026 eine Finanzierung von insgesamt 130 Millionen Euro. Davon sind 120 Millionen Euro für WFP und UNICEF vorgesehen. Wie die übrigen zehn Millionen Euro verteilt werden, geht aus der Ankündigung nicht hervor.
Die Mittel sollen die Widerstandsfähigkeit von Gemeinden stärken, die Landwirtschaft verändern und wirtschaftliche Perspektiven für junge Menschen schaffen. Hinzu kommen bestehende deutsche Programme zur Ernährungssicherung und Trinkwasserversorgung.
Das Entwicklungsministerium verbindet die Vorhaben ausdrücklich mit der Sicherheitslage. Arbeitslosigkeit, fehlende Einkommen und schwache staatliche Strukturen erleichterten bewaffneten und terroristischen Gruppen die Anwerbung junger Menschen. Landwirtschaftliche Produktion, Wasserversorgung und lokale Beschäftigung sollen deshalb nicht nur Hunger reduzieren, sondern auch gesellschaftliche Stabilität fördern.
Berlin will UN-Organisationen enger koordinieren
Der neue Prozess orientiert sich an den laufenden Reformen der Vereinten Nationen. Verschiedene UN-Organisationen sollen ihre Programme stärker miteinander verzahnen, gemeinsame Ziele festlegen und Überschneidungen vermeiden.
Bislang arbeiten internationale Geber und Organisationen im Sahel häufig mit jeweils eigenen Finanzierungen, Planungszeiträumen und Berichtssystemen. Berlin will die Zusammenarbeit zwischen humanitärer Versorgung, langfristiger Landwirtschaftsförderung, Ernährung, Gesundheit und kommunaler Infrastruktur ausbauen.
Die Sahel-Resilienz-Partnerschaft dient dem Ministerium dabei als Modell. WFP übernimmt unter anderem Aufgaben bei Ernährung und Versorgung, UNICEF arbeitet mit Kindern, Familien und sozialen Diensten, während die GIZ längerfristige Strukturen vor Ort unterstützt.
Das BMZ bezeichnet Deutschland als größten bilateralen Geber in der Sahelregion. Die neue Initiative soll diese Position nutzen, um weitere Geber und internationale Organisationen auf gemeinsame Programme auszurichten.
Zahl der Hungernden in Westafrika steigt weiter
Der neue Welternährungsbericht von FAO, IFAD, UNICEF, WFP und Weltgesundheitsorganisation zeigt trotz erster Verbesserungen eine weiterhin angespannte Lage auf dem Kontinent.
In Westafrika waren 2025 schätzungsweise 78,4 Millionen Menschen unterernährt. Zehn Jahre zuvor waren es 42,8 Millionen. Der Anteil der unterernährten Bevölkerung lag zuletzt bei 16,9 Prozent und damit geringfügig unter dem Wert von 17,1 Prozent im Jahr 2024.

Deutlich größer ist die Zahl der Menschen, die nur unregelmäßig oder nicht ausreichend Zugang zu Lebensmitteln haben. Rund 286,6 Millionen Menschen in Westafrika galten 2025 als moderat oder schwer ernährungsunsicher. Etwa 92 Millionen von ihnen waren schwer betroffen.
Für den gesamten afrikanischen Kontinent weist der Bericht rund 309 Millionen hungernde Menschen aus. Damit lebten 2025 erstmals mehr Menschen mit Hunger in Afrika als in Asien.
Die Quote lag in Afrika bei 20 Prozent. Weltweit waren es 7,8 Prozent. Eine gesunde Ernährung konnten sich nach den Berechnungen der UN-Organisationen 66,6 Prozent der Menschen in Afrika nicht leisten.
Konflikte und Lieferketten verschärfen die Risiken
Kriege, politische Instabilität und bewaffnete Gewalt gehören zu den wichtigsten Ursachen der Ernährungskrise im Sahel. In Mali, Burkina Faso und Niger haben sich bewaffnete Gruppen über große Gebiete ausgebreitet. Millionen Menschen mussten ihre Wohnorte verlassen oder verloren den Zugang zu Feldern, Märkten und Weideflächen.
Hinzu kommen Dürren, Überschwemmungen und unregelmäßige Regenzeiten. Die Folgen des Klimawandels treffen eine Region, in der große Teile der Bevölkerung unmittelbar von Landwirtschaft und Viehzucht abhängig sind.
Das Entwicklungsministerium verweist außerdem auf die Auswirkungen des Iran-Krieges auf internationale Lieferketten. Steigende Transport-, Energie- und Düngemittelkosten können sich direkt auf die Lebensmittelpreise im Sahel auswirken.
Auch der UN-Welternährungsbericht warnt, dass der Konflikt im Nahen Osten im Jahr 2026 Fortschritte bei der Bekämpfung des Hungers in Afrika und Asien gefährden könne.
Mauretanien, Mali, Burkina Faso, Niger und Tschad im Fokus
Die fünf ausgewählten Staaten unterscheiden sich politisch deutlich. In Mali, Burkina Faso und Niger regieren Militärführungen, die ihre Beziehungen zu mehreren europäischen Partnern eingeschränkt und ihre sicherheitspolitische Zusammenarbeit neu ausgerichtet haben.
Mauretanien gilt dagegen als vergleichsweise stabiler Partner Deutschlands und der Europäischen Union. Tschad ist zugleich von inneren Spannungen und den Folgen der Konflikte im benachbarten Sudan betroffen.
Der Berlin-Prozess setzt dennoch auf eine länderübergreifende Zusammenarbeit. Hungerkrisen, Fluchtbewegungen, Viehwirtschaft und Handelswege enden nicht an nationalen Grenzen. Auch Dürreperioden und bewaffnete Gruppen betreffen häufig mehrere Staaten gleichzeitig.
Die Programme sollen deshalb nationale Maßnahmen mit regionaler Planung verbinden. Vorgesehen sind integrierte Ansätze bei Landwirtschaft, Ernährung, Wasser und sozialen Dienstleistungen.
Mehrheit in Deutschland gegen starke Kürzungen
Die neue Finanzierungsankündigung fällt in eine Phase deutlicher Kürzungen bei der weltweiten Nothilfe. Eine repräsentative Forsa-Befragung im Auftrag von Aktion gegen den Hunger zeigt, dass diese Einschnitte in Deutschland umstritten sind.
In der im Juni durchgeführten Umfrage hielten 48 Prozent der Befragten die Kürzungen der Haushaltsmittel für weltweite Nothilfe für zu stark. 32 Prozent bewerteten sie als angemessen, zwölf Prozent als zu gering.
Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung wurde von 70 Prozent als besonders wichtiger Bereich des außenpolitischen Engagements genannt. Damit lag sie vor Diplomatie und Konfliktlösung mit 63 Prozent sowie militärischer Sicherheit und Verteidigung mit 55 Prozent.
Zudem sprachen sich 73 Prozent dafür aus, dass die internationale Gemeinschaft mehr Mittel zur Bekämpfung von Hunger und Armut bereitstellt. 86 Prozent erklärten, humanitäre Hilfe solle sich an der Schwere der Not und nicht an geopolitischen Interessen orientieren.
Die Befragung bezog sich ausdrücklich auf humanitäre Hilfe, während die angekündigten BMZ-Mittel vor allem längerfristige Resilienz-, Landwirtschafts- und Entwicklungsprogramme finanzieren sollen. Forsa befragte vom 9. bis 11. Juni 2026 insgesamt 1.008 Erwachsene in Deutschland.

