Mehr als ein Jahrhundert nach dem Völkermord an den Ovaherero und Nama erhöht Namibia den Druck auf Deutschland. Präsidentin Netumbo Nandi-Ndaitwah hat die Bundesregierung aufgefordert, historische Verantwortung nicht nur anzuerkennen, sondern auch konkrete Reparationen für die Verbrechen der deutschen Kolonialherrschaft zu leisten.
Auf einer internationalen Konferenz zur Umsetzung der UN-Resolution A/RES/80/250 in Accra verband die Präsidentin die globale Debatte über Wiedergutmachung für Sklaverei und Kolonialismus direkt mit den seit Jahren festgefahrenen Verhandlungen zwischen Namibia und Deutschland.
„Afrika versucht nicht, alte Wunden wieder aufzureißen. Afrika versucht, Wunden zu heilen, die niemals geheilt wurden“, sagte Nandi-Ndaitwah vor Delegierten aus Afrika, der Karibik und der Diaspora.
Für Namibia gehe es nicht um Vergeltung, sondern um Gerechtigkeit. Eine echte Versöhnung könne nur gelingen, wenn historische Verbrechen anerkannt und ihre Folgen ernsthaft aufgearbeitet würden.
Der Streit um Deutschlands koloniales Erbe
Im Mittelpunkt der namibischen Forderungen steht der Völkermord an den Ovaherero und Nama zwischen 1904 und 1908. Deutsche Kolonialtruppen töteten damals Zehntausende Menschen. Viele starben durch militärische Gewalt, Vertreibung in die Wüste, Hunger und Durst. Andere wurden in Konzentrationslagern interniert, wo Krankheiten, Misshandlungen und Zwangsarbeit zahlreiche weitere Opfer forderten.
Für Namibia sind die Folgen bis heute sichtbar.
„Für viele Namibier endete der Völkermord nicht im Jahr 1908. Seine Echos reichen bis in die Gegenwart“, sagte die Präsidentin.
Das namibische Parlament verabschiedete bereits 2006 einen Antrag zu Völkermord, Entschuldigung und Reparationen. Dieser bildet bis heute die Grundlage für die Gespräche mit Deutschland.
„Gerechtigkeit verläuft selten auf einem geraden Weg. Sie ist oft langsam und unangenehm“, erklärte Nandi-Ndaitwah. Dennoch werde Namibia den Dialog mit Deutschland fortsetzen.
Milliardenangebot aus Berlin bleibt umstritten
Seit Jahren verhandeln beide Regierungen über eine sogenannte Gemeinsame Erklärung zur Aufarbeitung der Kolonialverbrechen. Ein Entwurf liegt vor, wurde jedoch bislang nicht endgültig angenommen.
Deutschland stellte darin 1,1 Milliarden Euro über einen Zeitraum von 30 Jahren in Aussicht. Die Mittel sollen Entwicklungsprojekte in sieben besonders betroffenen Regionen finanzieren.
Genau hier liegt einer der zentralen Streitpunkte.
Vertreter der Ovaherero und Nama kritisieren, dass die Zahlungen nicht ausdrücklich als Reparationen bezeichnet werden. Sie lehnen es ab, die Mittel lediglich als Entwicklungszusammenarbeit zu behandeln, und fordern eine klare rechtliche Anerkennung als Wiedergutmachung für den Völkermord.
Auch die Beteiligung der betroffenen Gemeinschaften an den Verhandlungen sorgt seit Jahren für Konflikte. UN-Sonderberichterstatter warfen Namibia und Deutschland 2023 vor, die Rechte der Ovaherero und Nama verletzt zu haben, weil deren Vertreter nicht ausreichend in die Gespräche eingebunden worden seien.
Deutscher Botschafter: „Deutschland ist bereit, sich zu entschuldigen“
Kurz vor der Konferenz in Ghana hatte der scheidende deutsche Botschafter in Namibia, Thorsten Hütter, neue Bewegung in die Debatte gebracht.
Bei einem Abschiedsbesuch bei Nandi-Ndaitwah äußerte er die Hoffnung, dass die Gemeinsame Erklärung noch bis Ende 2026 abgeschlossen werden könne.
„Deutschland ist bereit, sich zu entschuldigen“, sagte Hütter.
Nach seinen Gesprächen mit Nachfahren der Opfer sei deutlich geworden, dass viele Namibier neben einer Entschuldigung auch Sühne und konkrete Anerkennung des erlittenen Unrechts erwarteten.

Gleichzeitig betonte der Botschafter, dass viele Betroffene nach einer Einigung eine engere Zusammenarbeit mit Deutschland anstrebten. Bei seinem Treffen mit der Präsidentin wurden auch Themen wie grüner Wasserstoff, erneuerbare Energien und wirtschaftliche Kooperation besprochen.
Internationale Reparationsbewegung gewinnt an Dynamik
Nandi-Ndaitwahs Vorstoß erfolgte im Rahmen einer größeren internationalen Debatte über Wiedergutmachung für Sklaverei und Kolonialismus.
Die Konferenz in Accra beschäftigte sich mit der Umsetzung der UN-Resolution A/RES/80/250. Die Resolution erkennt den Handel mit versklavten Afrikanern und deren Versklavung als Verbrechen gegen die Menschlichkeit an und soll die Grundlage für konkrete Schritte bei Wiedergutmachung, Rückgabe und Rechenschaft schaffen.
Nandi-Ndaitwah bezeichnete die Resolution als wichtigen Meilenstein und rief afrikanische Staaten sowie die afrikanische Diaspora zu einem gemeinsamen Vorgehen auf. Historische Spaltungen hätten den Kontinent lange geschwächt. Nun müsse Afrika geschlossen auftreten.
„Warum wurden die Versklaver entschädigt – und nicht die Versklavten?“
Hilary Beckles, Vorsitzender der Reparationskommission der Karibischen Gemeinschaft CARICOM, erinnerte daran, dass Forderungen nach Entschädigungen keineswegs neu seien.
Bereits unmittelbar nach der Abschaffung der Sklaverei hätten ehemalige Versklavte Entschädigungen verlangt. Stattdessen seien in vielen Ländern die früheren Sklavenhalter finanziell entschädigt worden.
„Sie richteten Petitionen an die Parlamente Europas und fragten: Wenn die Versklaver Entschädigungen erhalten, warum bekommen wir, die Versklavten, keine?“, sagte Beckles.
Er bezeichnete die UN-Resolution als Ausdruck einer „globalen Revolution des afrikanischen Bewusstseins“.
Der nigerianische Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka warnte zugleich davor, Sklaverei als abgeschlossenes Kapitel der Geschichte zu betrachten.
„Der Sklavenhandel ist nicht vorbei. Er ist vielmehr weiterhin sehr aktiv“, sagte Soyinka mit Verweis auf Menschenhandel, Kindesentführungen und moderne Formen der Ausbeutung.

