Afrikanische Staats- und Regierungschefs drängen beim Africa Forward Summit in Nairobi auf eine Neubewertung finanzieller Risiken auf dem Kontinent und auf mehr Investitionen in Industrie, Energie und Infrastruktur. Der zweitägige Gipfel findet am 11. und 12. Mai statt. Gastgeber sind Kenias Präsident William Ruto und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, beteiligt sind UN-Generalsekretär António Guterres und Delegationen aus mehr als 30 afrikanischen Staaten. Kern der Beratungen sind niedrigere Kapitalkosten, Reformen der globalen Finanzordnung und neue Finanzierungswege für afrikanische Projekte.
Finanzmärkte sollen Afrika anders bewerten
Kenias Außenminister Musalia Mudavadi machte vor dem Gipfel deutlich, dass afrikanische Staaten und Unternehmen seit Jahren höhere Finanzierungskosten tragen. „Afrika ist immer als Hochrisikoraum angesehen worden“, sagte Mudavadi der Nachrichtenagentur Reuters. Der Zugang zu Krediten sei deshalb für Regierungen und Unternehmen oft an höhere Zinssätze gebunden.
Mudavadi forderte eine andere Bewertung afrikanischer Märkte durch internationale Finanzakteure. Konflikte in anderen Weltregionen zeigten, dass Risiko nicht einseitig mit Afrika verbunden werden könne. Afrikanische Regierungen kritisieren seit Langem, dass globale Ratingagenturen die Risiken des Kontinents zu hoch ansetzen und damit Kreditkosten erhöhen. Die großen Agenturen S&P Global Ratings, Moody’s und Fitch weisen den Vorwurf regionaler Voreingenommenheit zurück und verweisen auf weltweit angewandte Kriterien.

Die Afrikanische Union arbeitet an einer kontinentalen Ratingagentur, die aus afrikanischer Sicht ein genaueres Bild wirtschaftlicher Risiken liefern soll. Mudavadi bezeichnete dieses Vorhaben als „kritisch“. Die Afrikanische Export-Import Bank hatte im Januar ihre Zusammenarbeit mit Fitch beendet, weil sie die Bewertungspraxis der Agentur kritisierte.
Ruto setzt auf afrikanisches Kapital
Kenias Präsident William Ruto verband die Debatte über Kreditkosten mit der Forderung nach mehr afrikanischer Eigenfinanzierung. Das internationale Finanzsystem bleibe strukturell ungleich, sagte Ruto in Nairobi. Afrikanische Länder seien mit hohen Kreditkosten, begrenztem Zugang zu günstiger Finanzierung und verzerrten Risikowahrnehmungen konfrontiert.

Ruto unterstützte ausdrücklich den Aufbau einer afrikanischen Kreditratingagentur. Sie solle bestehende globale Institutionen nicht ersetzen, sondern Verzerrungen bei der Bewertung afrikanischer Volkswirtschaften korrigieren. „Afrika muss Afrika zunehmend selbst finanzieren“, sagte Ruto.
Nach seinen Angaben verfügt der Kontinent über mehr als vier Billionen Dollar an langfristigen inländischen Ersparnissen, darunter mehr als eine Billion Dollar in Pensions- und Versicherungsvermögen sowie mehr als 500 Milliarden Dollar an Zentralbankreserven. Gleichzeitig fehlten vielen Staaten Mittel für Infrastruktur, Energie, Industrieparks, Logistiknetze und Wohnungsbau.
Ruto verwies auf Kenias National Infrastructure Fund. Der Fonds habe in den vergangenen vier Monaten rund eine Milliarde Dollar mobilisiert. Zudem seien in dreieinhalb Jahren fast vier Milliarden Dollar für das kenianische Programm für bezahlbaren Wohnraum lokal beschafft worden.
Macron nennt 23 Milliarden Euro private Investitionen
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron stellte den Gipfel als Teil einer neuen Partnerschaft zwischen Frankreich, Europa und Afrika dar. Er sprach sich für Ko-Investitionen statt klassischer Hilfslogik aus. „Was ich anbiete, ist nicht Hilfe. Diese Zeit liegt hinter uns“, sagte Macron in Nairobi.
Macron kündigte private Investitionen in Höhe von 23 Milliarden Euro an. Davon sollen 14 Milliarden Euro auf französische Unternehmen in Afrika entfallen und neun Milliarden Euro auf afrikanische Unternehmen auf dem Kontinent. Die Investitionen sollen unter anderem in Industrie, Künstliche Intelligenz, Gesundheit, nachhaltige Landwirtschaft und die blaue Wirtschaft fließen.
Quand l’Afrique réussit, l’Europe réussit, et vice-versa ! 23 milliards d'euros d'investissements privés en Afrique ont été annoncés, dont 14 milliards portés par des entreprises françaises. Africa Forward est un sommet d'action. pic.twitter.com/vI8wkMEWs4
— Emmanuel Macron (@EmmanuelMacron) May 12, 2026
Frankreich nutzt den Gipfel auch, um seine Afrika-Politik breiter auszurichten. Das Treffen in Nairobi ist der erste Afrika-Frankreich-Gipfel in einem überwiegend englischsprachigen afrikanischen Land. Macron kündigte an, die Botschaften des Gipfels in weitere internationale Formate einzubringen, darunter Beratungen im Kreis der G7 sowie Treffen von Internationalem Währungsfonds, Weltbank und Vereinten Nationen.
Guterres kritisiert Finanzordnung von 1945
UN-Generalsekretär António Guterres unterstützte die Forderungen nach Reformen. Die globale Finanzarchitektur sei 1945 für eine Welt geschaffen worden, die nicht mehr existiere, sagte er. Afrika führe eine der zentralen Debatten über eine Reform dieses Systems.
Guterres verwies auf hohe Schuldenlasten, sinkende Entwicklungshilfe und ungleiche Mitsprache in internationalen Finanzinstitutionen. Afrika habe mehr als 1,5 Milliarden Einwohnerinnen und Einwohner, aber keine ständigen Sitze im UN-Sicherheitsrat. Zudem fehlten afrikanischen Staaten ausreichende Stimme und Entscheidungsmacht in Institutionen, die die Weltwirtschaft prägen.

Auch bei Klima- und Energiefragen sprach Guterres von ungleichen Bedingungen. Afrika verfüge über 60 Prozent des weltweit besten Solarpotenzials, erhalte aber nur zwei Prozent der globalen Investitionen in saubere Energie. Rund 600 Millionen Menschen auf dem Kontinent lebten ohne Strom, eine Milliarde Menschen nutze weiterhin unsaubere Kochmethoden. Zugleich lägen die durchschnittlichen Kreditkosten afrikanischer Staaten nach seinen Angaben etwa doppelt so hoch wie in OECD-Ländern.
„Das ist kein Markturteil über Afrika“, sagte Guterres. „Es ist ein Urteil über die Ungerechtigkeiten des Systems.“
Nairobi gewinnt als UN-Standort an Gewicht
Parallel zum Gipfel eröffnete Guterres neue Bürogebäude am UN-Standort Nairobi und legte den Grundstein für eine neue Konferenzeinrichtung. Das Projekt hat ein Volumen von 340 Millionen Dollar und ist nach UN-Angaben die größte Investition des UN-Sekretariats in Afrika seit Gründung der Organisation.
Die Konferenzkapazität des UN Office at Nairobi soll von 2.000 auf 9.000 Teilnehmende steigen. Der Standort in Gigiri beherbergt bereits mehr als 70 UN-Büros und Programme. Die neuen Gebäude sind die ersten Netto-Null-Einrichtungen des UN-Standorts und werden ganzjährig mit Solarenergie betrieben. Im Zuge der Erweiterung sollen insgesamt fast 6.000 einheimische Bäume gepflanzt werden.

